Vorgestellt: Eyal Weizman

Eyal Weizman ist der Gründungsdirektor der Kunst- und Rechercheagentur Forensic Architecture und Professor für räumliche and visuelle Kulturen am Goldsmiths, University of London. Er gehört dem technologischen Beirat des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag an.

Eyal Weizman
David Ausserhofer / Robert Bosch Academy

Woran arbeiten Sie als Fellow an der Robert Bosch Academy?

Ich möchte mein Fellowship dafür nutzen, um in Berlin eine neue NGO aufzubauen, das sich investigativ mit dem Thema Menschenrechte beschäftigt. Es trägt den Namen Forensis. Ich entwickle Konzepte und Ideen für dessen Arbeitsweise. Die NGO wird den Ansatz der „forensischen Architektur“ nutzen und mit investigativen Journalisten (z. B. von Der Spiegel), aber auch mit NGOs wie dem European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und Kultureinrichtungen wie dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin zusammenarbeiten. Gemeinsam wollen wir Straftaten von staatlichen Behörden und privaten Unternehmen aufdecken, indem wir visuelle Beweismittel wie Videos, Fotos und 3D-Animationen wirkungsvoll aufbereiten. Das basiert auf dem, was wir in Großbritannien mit unserer Forschungsgruppe „Forensic Architecture“ entwickelt haben.

Ich möchte diese Herangehensweise auch nach Deutschland bringen. Angesichts der politisch engagierten Zivilgesellschaft in Deutschland mit ihren Institutionen, sozialen Bewegungen und Wissenschaftlern denke ich, dass es hier gut funktionieren wird. Zusammen mit diesen Vertretern der Zivilgesellschaft möchte ich den Herausforderungen entgegentreten, denen sich Deutschland gerade gegenübersieht: die Verletzung der Rechte von Migranten, das Wiederaufleben faschistischer Tendenzen sowie Fragen der digitalen Sicherheit und der Überwachung.
 

Was ist forensische Architektur?

Der Begriff meint die Erstellung und Darstellung architektonischen Beweismaterials für juristische und politische Prozesse. Forensische Architektur bedient sich räumlicher Modelle als Ausgangspunkt für die Interpretation komplexer Ereignisse wie Polizeigewalt oder Straßenkämpfe. Wir sammeln Beweismittel aus offen zugänglichen (Internet-) Quellen wie Videos von Menschen, die Opfer von Rechtsverletzungen waren oder in irgendeiner Form daran beteiligt waren. Wir modellieren die Aufnahmen dann in 3D, was größere Klarheit und Anschaulichkeit bringt. So schaffen wir eine neue Art von Beweismitteln und das bereits mit nachhaltiger Wirkung. Medien wie die New York Times, die Washington Post und die BBC nutzen mittlerweile unsere Techniken. Und auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch setzen sie ein.

Forensische Architektur trägt auch dazu bei, die Rechtspraxis zu verändern, weil sie digitale, auf Bildern basierende Beweismittel in den legalen Kontext einbringt. Ich bin im Technologie-Beirat des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) in Den Haag. Dieser akzeptiert jetzt diese neuen Formen der Beweisführung. Stellen Sie sich forensische Architektur als eine Instanz zur Überwachung der staatlichen Forensik vor. Die Forensik selbst, also wissenschaftliche Testverfahren und Techniken zur Verbrechensaufklärung, ist eigentlich ein Feld staatlicher Behörden. Wir ermitteln gegen die Ermittler und überwachen die Polizei, das Militär und die Geheimdienste.
 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Architektur mit struktureller Gewalt und Menschenrechten zu verbinden?

Vielleicht sind Filmemacher und Künstler genau die Richtigen, um die heute weltweit am häufigsten eingesetzten Mittel zur Beweissicherung auszuwerten: Das sind die Videos, die von den Menschen aufgenommen werden, die Gewalt aus erster Hand erleben. Wenn Gewalttaten in Städten, Gebäuden und Nachbarschaften passieren, ist Architektur der geeignete Analyserahmen.

Ich glaube, dass wir ein weitverzweigtes Netzwerk von Praktikern brauchen. Zu unserem Team gehören Rechtsanwälte, Wissenschaftler, Filmemacher und Künstler, die alle zusammenarbeiten, um verschiedene Dimensionen von Gewalt zu erfassen. Im Laufe der Jahre haben wir unsere Beweise vor nationalen und internationalen Gerichten, Wahrheitskommissionen und im Zusammenhang mit Menschenrechtsberichten präsentiert. In einigen Fällen hat das zu wichtigen juristischen Siegen geführt.
 

Warum haben Sie das Fellowship der Robert Bosch Academy angenommen?

Wenn man in Deutschland eine so ambitionierte Initiative starten will, gibt es hierfür keinen besseren Partner und keinen besseren Aktionsrahmen als die Robert Bosch Academy. Sie hat die Kraft, ganz unterschiedliche Institutionen der Zivilgesellschaft anzusprechen und zu involvieren. Sie hat Zugang zu Entscheidungsträgern, die echten Einfluss haben. Sie kann uns mit den richtigen Leuten und den wichtigsten Playern in diesem Feld vernetzen.
 

Was macht Deutschland und Berlin relevant für Ihre Arbeit?

Berlin ist heute, davon bin ich überzeugt, der Ort, an dem sich die Zukunft Europas entscheidet – nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Hier trifft der Osten auf den Westen. Es ist eine Stadt, in der Migranten-Communities selbstbewusst ihren Platz auf der kulturellen und politischen Landkarte beanspruchen. Berlin ist auch ein Ort großer Experimente für Demokratie und Journalismus. Aber in dieser Stadt gibt es auch eine Gegenbewegung. Sie verletzt die Rechte von Migranten und Menschen, die nicht als organischer Teil des „deutschen Volkes“ angesehen werden, in besonders eklatanter Weise. Deshalb glaube ich, dass genau jetzt in Berlin eine Art Kampf über unsere Identität als Europäer ausgefochten wird. Und um in diesen Kampf mit Entschiedenheit einzugreifen, muss man eben dort sein, wo er stattfindet.
 

Was mögen Sie an Berlin und was ist hier Ihr Lieblingsort?

Es gibt Teile von Kreuzberg, die ich unglaublich gerne mag. Einige Teile von Neukölln sind auch sehr improvisiert und interessant. Da gibt es eine sehr spannende kulturelle Szene und ein spannendes Nachtleben. Aber ich bin schon ein „Oldie“. Als ich Anfang der 90er-Jahre zum ersten Mal nach Berlin kam, war ich zuerst am Prenzlauer Berg. Dort sind immer noch ein paar meiner Lieblingsorte. Und ich liebe es einfach, durch Berlin zu spazieren – zum Beispiel von Norden nach Süden. In Berlin fühle ich mich dem Nahen Osten, in dem ich aufgewachsen bin, sehr nah. Als ein israelischer Jude fühle ich mich in dem Miteinander mit Syrern, Libanesen und Palästinensern hier jenem Nahen Osten so nahe, in dem ich gerne leben würde: einer, in dem man mehr oder minder gleichberechtigt lebt, ohne Hierarchien, Macht oder Privilegien

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