Die Philanthropie in Deutschland neu denken

Angesichts immer häufiger auftretender Krisen wird weltweit der Ruf nach einer Neuausrichtung der Philanthropie lauter. Wie wirkt sich dies auf Stiftungen und andere wohltätige Organisationen in Deutschland aus und welchen Trends und Herausforderungen sehen sie sich gegenüber?

Von Erin Ganju

Erin Ganju Philanthropie Debate Lunch Talk Event
Robert Bosch Academy / Manuel Frauendorf

„Lass nie eine Krise ungenutzt verstreichen“ soll Winston Churchill gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gesagt haben. Wir leben erneut in schwierigen Zeiten und sollten die Gelegenheit nutzen, unsere globalen Systeme neu zu gestalten. Wir haben eine Reihe von Krisen erlebt: eine Pandemie, die unsere Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsysteme geschwächt hat; Kriege vom Jemen bis zur Ukraine; schwindendes Vertrauen in Regierungen und Medien; rassistische und koloniale Auseinandersetzungen und eine immer dringlichere Klimakrise.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum die Philanthropie und insbesondere Stiftungen angesichts dieses „perfekten Sturms“ von Ereignissen besonders wichtig sind. Tatsache ist, dass wir nur eine begrenzte Anzahl von Werkzeugen in unserem Werkzeugkasten haben, um mit diesen Krisen umzugehen. Philanthropie ist eines dieser Werkzeuge, das, richtig eingesetzt, sehr wirkungsvoll sein kann. Im Verlauf der modernen Geschichte haben die Zivilgesellschaft und ihre Organisationen neben dem Staat und der profitorientierten Privatwirtschaft eine wichtige Rolle gespielt. Stiftungen, gemeinnützige Vereine und andere wohltätige Organisationen sind wichtige Stakeholder einer dynamischen und gut funktionierenden Zivilgesellschaft und liefern ihr oft auch finanziellen Treibstoff. Diese Organisationen stehen an der entscheidenden Schnittstelle, wenn es darum geht, private Gelder für das Gemeinwohl einzusetzen. Im besten Fall sind private philanthropische Organisationen in der Lage, Bedürfnisse zu befriedigen, die von der Regierung nicht erfüllt werden. So sorgen sie zum Beispiel dafür, dass Stimmen aus der Zivilgesellschaft gehört werden, stellen Risikokapital für neue Ideen bereit und erleichtern den grenzüberschreitenden Austausch von Wissen und Best Practices.

Philanthropische und gemeinnützige Organisationen erfüllen eine Schlüsselrolle bei der Formulierung unserer Entwicklungsagenda, werden jedoch als Akteure häufig nicht verstanden und weisen zudem oft wenig Transparenz auf. Daher ist es wichtig, kritisch zu untersuchen, wie Stiftungen und andere wohltätige Organisationen arbeiten und wie sie offene und informierte Diskussionen über wirksame Philanthropie fördern können.

Den Wandel der philanthropischen Arbeit besser unterstützen

Es ist wichtiger denn je, dass philanthropische Organisationen sich stärker an der Finanzierung und Gestaltung globaler Lösungen beteiligen. Sie können es sich nicht leisten, neutrale Zuschauer zu sein oder sogar globale Maßnahmen zu behindern. Viele fordern deshalb eine Neuausrichtung gerade der großen gemeinnützigen Organisationen, die über einen Löwenanteil der Finanzmittel verfügen. Ziel der Neuausrichtung dieser Hauptakteure sollte es sein, sich zu effektiveren, großzügigeren Partner:innen für kleinere Non-Profit-Organisationen zu entwickeln, die den Wandel vorantreiben. Dies ist in Deutschland, wie auch anderswo, insbesondere während der Covid-19-Pandemie geschehen. Diese Krise hat gezeigt, dass viele der langjährigen Praktiken und Ideen, die wir bei großen Stiftungen und anderen Geldgebern im gemeinnützigen Sektor für unveränderlich hielten, bei echtem Willen und Unterstützung durch die Entscheiderinnen und Entscheider reformierbar sind.

Einige der Praktiken, mit denen unter anderem Stiftungen in Deutschland experimentiert haben, sind

  • die Bereitstellung flexiblerer Betriebskostenzuschüsse,
  • die Vereinfachung des Berichtswesens,
  • die Förderung von Innovationen,
  • die Entwicklung einer offeneren, beidseitigen Kommunikation mit den Unterstützten,
  • die Förderung einer größeren Vielfalt auf der Führungsebene gemeinnütziger Organisationen,
  • das Experimentieren mit partizipativen Fördermodalitäten
  • und die Unterstützung einer größeren Zahl gemeinnütziger Organisationen auf internationaler Ebene.

Die Frage ist nun: Wird der gemeinnützige Sektor diese neuen Förderpraktiken beibehalten oder zu traditionelleren Praktiken zurückkehren?

Da sich wohltätige Organisationen in Deutschland aktuell mit Reformmöglichkeiten auseinandersetzen, beschloss ich im Rahmen meines Richard von Weizsäcker Fellowships an der Robert Bosch Academy mit über 40 wichtigen Akteuren zu sprechen, um ihre Meinung darüber einzuholen, wo sie Verbesserungsbedarf sehen. Meine Gespräche fanden größtenteils mit Führungskräften und Mitarbeitenden von Stiftungen und gemeinnützigen Organisationen statt, mit einigen wenigen Verantwortlichen aus Regierung und Wissenschaft sowie mit einer Reihe von Personen aus dem Ökosystem der philanthropischen Infrastrukturförderung.

Den philanthropischen Sektor verbessern: Vorschläge deutscher Stakeholder:innen

Ich habe in diesen ausführlichen Gesprächen eine große Bandbreite an Feedback erhalten. Im Folgenden fasse ich einige der wichtigsten Punkte zusammen, die die Notwendigkeit unterstreichen, die fortschrittlichen Reformen in deutschen Stiftungen und wohltätigen Organisationen weiterzuführen und auszubauen:

Mehr Experimente mit neuen Förderpraktiken wagen:
Die projektbezogene Finanzierung ist in Deutschland immer noch die Norm. Viele Agierende sind der Meinung, dass die Weiterentwicklung der Finanzierungsmodalitäten in Deutschland ein wichtiger erster Schritt zu mehr Effizienz ist. Dies kann flexiblere, längerfristige, nicht zweckgebundene Zuschüsse für gemeinnützige Organisationen und die Finanzierung von mehr Innovation und institutioneller Stärkung bedeuten. Die Menschen sind der Meinung, dass Stiftungen mehr Risiken eingehen müssen, da es notwendig ist, mit neuen Arbeitsweisen zu experimentieren, um unsere dringenden Probleme zu lösen.

Denkweisen in der eigenen Organisation verändern und sich auf größere Wirksamkeit konzentrieren:
Wohltätige Organisationen müssen sich selbst Zeit geben, um intern mit verschiedenen Praktiken zu experimentieren, mehr Risiken einzugehen und die gewonnenen Erkenntnisse gemeinsam zu reflektieren. Der Wandel wird nur dann nachhaltig sein, wenn die Vorstandsgremien, die Leitung und die Mitarbeitenden alle an einem Strang ziehen und sich engagieren. Stiftungen und anderen Geldgebenden wird zudem empfohlen, in ihrer Arbeit transparenter zu werden: Wir können als Zivilgesellschaft gemeinsam mehr erreichen, wenn wir die Strategien und Ansätze anderer besser verstehen.

Besser zuhören und sich stärker engagieren:
Als wichtigen Bereich für Verbesserungen nennen zahlreiche meiner Gesprächspartner:innen, das Machtgefälle in der Philanthropie anzuerkennen und daran zu arbeiten, es abzuflachen. Das beginnt damit, sich mehr und anders auf gemeinnützige Partnerorganisationen einzulassen, stärker auf sie zuzugehen und klarer und offener zu kommunizieren. Geldgebende verbringen im Allgemeinen zu viel Zeit damit, sich nach innen zu orientieren, anstatt sich nach außen zu engagieren. Dieses Spannungsfeld gilt es aufzulösen. Wohltätige Organisationen sollten ihre Arbeit auf den übergeordneten Zweck ausrichten, nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse.

Vielfalt fördern:
Viele, die für Stiftungen und gemeinnützige Organisationen arbeiten, wünschen sich, dass die Philanthropie in Deutschland sich den Wert der Vielfalt zu eigen macht; und zwar nicht aufgrund von äußerem Druck, sondern weil Vielfalt und die lebensnahen Erfahrungen, die sie mit sich bringt, entscheidend für die Entwicklung besserer und wirkungsvollerer Lösungen sind. Meine Gesprächspartner:innen empfehlen, den Begriff der Vielfalt weit zu fassen, der sich auf Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, sozioökonomischen Status, Karrierewege, Migrationserfahrungen usw. beziehen kann, und eine größere Mobilität des Personals zwischen den Sektoren Non-Profit, Philanthropie, staatlichen Institutionen und der privaten Wirtschaft zu fördern. Die Vielfalt von Menschen und Ideen auf der Führungs- und Vorstandsebene von Stiftungen wird als besonders wichtig bezeichnet.

Einen neuen deutschen Führungsstil definieren:
Angesichts der komplizierten Geschichte ihres Landes achten Verantwortliche in Deutschland sehr auf die Legitimität ihres Handelns. Doch gerade in diesen turbulenten Zeiten könnte ein deutscher Führungsstil, der auf Soft Power beruht, wohltätigen Organisationen dabei helfen, die Zivilgesellschaft wirkungsvoller zu unterstützen. Mögliche Aufgaben für eine deutsche Führungsrolle sind der Aufbau von Partnerschaften und Kooperationen für eine Koalition mit europäischer Perspektive für Schlüsselthemen. Eine solche Initiative wird vielleicht mehr gebraucht als je zuvor.

Letztendlich braucht unsere Welt mehr engagierte Handelnde, die gemeinsam an der Lösung unserer zahlreichen Herausforderungen arbeiten. Die deutschen Stiftungen und wohltätigen Organisationen haben dabei eine wichtige Rolle, denn sie gehören zu den größten und am besten ausgestatteten der Welt.

Erin Ganju rund grau


Erin Ganju ist Geschäftsführerin von Echidna Giving, einem der größten privaten Förderer von Mädchenbildung in einkommensschwachen Ländern, und Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy.

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