Wie die Lebensmittel- und Energiesicherheit unter dem Krieg leidet

Russlands Krieg gegen die Ukraine unterstreicht die Fragilität der globalen Lieferketten und die großen Gefahren einer unsicheren Lebensmittel- und Energieversorgung.

von Tim G. Benton und Laura Wellesley

Ukraine Krieg Food Security Energy Lebensmittel Weizen
Foto: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Der Krieg gegen die Ukraine hat die globalen Lebensmittel- und Energiemärkte tief erschüttert. Obwohl die Volkswirtschaften Russlands und der Ukraine in Bezug auf die weltweite Versorgung mit kritischen Ressourcen wie Energie, Lebensmitteln, Düngemitteln und Mineralien nur an 11. bzw. 55. Stelle stehen, sind diese beiden Länder zusammen von globaler Bedeutung. Ihre zentrale Rolle in den globalen Versorgungsketten wurde durch den Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 und die daraus resultierende Unruhe auf den Märkten schlagartig in den Fokus gerückt.

Der Krieg gegen die Ukraine und zuvor die Covid-19-Pandemie haben die internationalen Lieferketten enorm belastet und Millionen von Menschen einer Nahrungsmittel- und Energieunsicherheit ausgesetzt. Durch die Covid-19-Pandemie gerieten die Lebenshaltungskosten bereits weltweit unter Druck, da die Nachfrage nach Gütern das Angebot überstieg und es zu Unterbrechungen der Lieferketten kam, was wiederum die Inflation global in die Höhe trieb. Sowohl die Pandemie als auch der Krieg gegen die Ukraine haben die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Fragilität des internationalen Handelssystems und das Potenzial systemischer Schocks gelenkt, die den gerechten Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, die für die Grundversorgung notwendig sind, und die soziale Stabilität in der Welt schnell und ernsthaft untergraben können. Die geopolitischen Folgen des Krieges – einschließlich neuer Bündnisse und einer zunehmend multipolaren Welt – haben das Potenzial, die Situation weiter zu verschärfen und dauerhafte systemische Risiken für Wirtschaft und Gesellschaft zu schaffen.

Weitgreifende Auswirkungen auf die Lebensmittelmärkte

Während sich die globalen Auswirkungen des Ukraine-Konflikts noch entfalten, sind die unmittelbaren Auswirkungen der Krise auf die globalen Märkte bereits gut dokumentiert. In den ersten Tagen nach dem Einmarsch Russlands schnellten die Energiepreise in die Höhe und sind seitdem auf einem sehr hohen Niveau geblieben. Auch die Lebensmittelpreise stiegen sprunghaft an, als die Märkte auf den verringerten Zustrom von Getreide, Ölsaaten und Düngemitteln aus der Ukraine und Russland reagierten: Auf Russland und die Ukraine zusammen entfällt mehr als die Hälfte des Welthandels mit Sonnenblumenöl und -samen, rund 30 Prozent des gehandelten Weizens und der Gerste und etwa ein Sechstel des gehandelten Mais und Raps.

Die Lebensmittelpreise sind zwar leicht gesunken, befinden sich aber nach wie vor auf einem historisch hohen Niveau und werden in den kommenden Monaten mit ziemlicher Sicherheit erneut einen Höchststand erreichen: Die russische Blockade der Schwarzmeerhäfen bedeutet, dass die letztjährige ukrainische Getreideernte in den Silos festsitzt. Wenn in den kommenden Monaten die diesjährige Ernte eingebracht wird, werden die Lagerkapazitäten stark eingeschränkt sein. Die Störung der internationalen Lebensmittelmärkte wird auf absehbare Zeit anhalten.

Auch die Düngemittelmärkte sind mit anhaltend hohen Preisen und Versorgungsproblemen konfrontiert: Russland und Weißrussland, die beide internationalen Sanktionen unterliegen, sind wichtige Kaliexporteure. Darüber hinaus haben die hohen Energiepreise die Kosten für Stickstoffdünger (dessen Herstellung sehr energieintensiv ist) in die Höhe getrieben, was den Preisanstieg bei Nahrungsmitteln weiter verschärft und die Gewinnspannen der Produzenten verringert.

Unterbrechungen im regionalen Seeverkehr rund um die Ukraine und auch weltweit haben den Warenfluss behindert und die durch die Covid-19-Pandemie verursachten Verwerfungen in der Verfügbarkeit von Frachtkapazitäten noch verstärkt. Dadurch sind die Frachtpreise gestiegen, was einen zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Verbraucherpreise ausübt, während die Wirtschaftssanktionen gegen den grenzüberschreitenden Waren- und Finanzverkehr den Druck auf die Märkte weiter verschärfen.

Welleneffekte: weltweite Nahrungsmittel- und Energieknappheit

Doch dies ist nur der Anfang. Diese Auswirkungen werden Welleneffekte nach sich ziehen, die sich weit über ihren Ausgangspunkt hinaus ausbreiten und als „Risikokaskaden“ bezeichnet werden. Risikokaskaden, also die Auswirkungen zweiter und dritter Ordnung der ursprünglichen Gefahr und der Reaktionen auf diese Gefahr, können über sektorale Grenzen hinweg aufeinander einwirken, wie zum Beispiel bei Energie und Nahrungsmitteln. Ihre kombinierten Auswirkungen können zu systemischen Gesamtrisiken für die Gesellschaft führen. In globalisierten Handelsnetzen führt eine lokal begrenzte Unterbrechung von Versorgungsketten schnell zu weitreichenden internationalen Auswirkungen. Besonders besorgniserregend ist die gefährdete unmittelbare Versorgung mit Lebensmitteln, da die meisten Länder auf fragile Versorgungsketten angewiesen sind und einige von ihnen innerhalb ihrer eigenen Grenzen nur über Lebensmittelvorräte für einige Tage verfügen können.

Die Erfahrung früherer Lebensmittelpreiskrisen zeigt, dass selbst kleine Unterbrechungen des Handels zu Marktvolatilität und rascher Preisinflation führen können. Im Jahr 2010 verursachte eine schwere Hitzewelle in der Ukraine und in Westrussland Ernteeinbußen in ähnlicher Größenordnung wie die, die für dieses Jahr prognostiziert sind. Dies mündete in einem Ansturm auf die weltweiten Lebensmittelmärkte, da die Länder mit protektionistischen Ausfuhrbeschränkungen reagierten. Solche Beschränkungen wurden von mehr als 25 Ländern als Reaktion auf die aktuelle Krise erlassen, was bereits einen sehr starken Anstieg der Lebensmittelpreise verursacht hat. Der Protektionismus von 2010 führte zu einer größeren weltweiten Ernährungsunsicherheit und sozialen Unruhen, die in vielen Ländern Lebensmittelunruhen auslösten. Diese spielten auch eine Rolle bei den Revolutionen des Arabischen Frühlings und der daraus resultierenden geopolitischen Neuordnung des Nahen Ostens. Ähnliche Vorkommnisse sind jetzt wieder zu beobachten, insbesondere die Lebensmittelunruhen in Sri Lanka.

Auch die Energiemärkte geben Anlass zur Sorge: Viele Länder verbrauchen mehr Energie als sie produzieren und sind daher auf Energie- oder Brennstoffimporte für den heimischen Bedarf angewiesen. Russland produziert etwa zehn Prozent der weltweiten kommerziellen Energieressourcen, deren Absatz sich auf große Regionen wie die EU und China konzentriert. Wie bei den Nahrungsmitteln führt eine Unterversorgung mit Energie zu einem Ansturm auf den Markt und zu einer raschen Inflation, da die Akteure auf einem immer kleiner werdenden Markt miteinander konkurrieren, während schlecht konzipierte politische Interventionen von Nationen, die versuchen, ihre eigene Energiesicherheit zu gewährleisten, den Druck auf das globale Angebot nur noch erhöhen und den Preisanstieg weiter verstärken. Darüber hinaus bedeutet die enge Verflechtung der Energiemärkte, dass sich Störungen bei einem Energieträger – in diesem Fall Gas – auf die globalen Preise für andere Energieträger auswirken.

Auswirkungen auf Regierungsführung und Stabilität

Der weltweite Anstieg der Energie- und Lebensmittelpreise infolge dieser Unterbrechungen der Versorgungsketten wird in vielen Ländern zu einer zunehmenden Nahrungsmittel- und Energieunsicherheit sowie zu einer größeren Ungleichheit führen. Mit der Verteuerung von Lebensmitteln und Energie steigt auch die Schuldenlast, einschließlich der Staatsverschuldung in ärmeren Ländern. Wie bereits in Somalia zu sehen ist, das am Rande einer Hungersnot steht, führt die Unsicherheit zur Vertreibung von Menschen. Zusammengenommen führen diese Bedingungen zu mehr Ungleichheit, sozialen und gesellschaftlichen Unruhen und im Extremfall zu einem möglichen Staatszerfall. Dies wiederum hat Folgen für die Stabilität einer ganzen Region, z. B. in Form von unterbrochenen Versorgungsketten, der Notwendigkeit des Einsatzes von Friedenstruppen oder erheblicher Hilfslieferungen – alles mit globalen Auswirkungen weit über die betroffenen Länder hinaus.

Der Konflikt in der Ukraine und das verheerende Potenzial für Risikokaskaden wird immer deutlicher. Je nach dem weiteren Verlauf des Konflikts und der Art und Weise, wie der Klimawandel die Getreidemärkte weiter verknappen könnte (z. B. Dürre im Mittleren Westen der USA, extreme Hitze in Indien oder eine Hungersnot in Somalia), könnten sich die Aussichten kurzfristig noch weiter verschlechtern.

Längerfristige Folgen: neue globale Umschichtungen?

Mittelfristig werden sich die Märkte stabilisieren, aber die Preise werden wahrscheinlich noch Monate oder Jahre lang deutlich höher bleiben. Dies könnte auch durch veränderte geopolitische Allianzen verschärft werden. Das multilaterale System steht seit einiger Zeit unter Druck, und in einigen plausiblen Szenarien besteht die Möglichkeit, dass aus dem russischen Krieg gegen die Ukraine eine stärker bipolare oder fragmentierte Welt entsteht. Die Realität des Handels in einer sich deglobalisierenden Welt und was dies längerfristig für Preise und Verfügbarkeit bedeuten könnte, ist schwer vorherzusagen. Doch angesichts des aktuellen Rezessionsdrucks und des Potenzials für anhaltende Inflation und hohe Preise in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten könnte diese Krise durchaus ein Vorzeichen für eine neue Ära und eine neue wirtschaftliche Realität sein.

Tim Benton Chatham House rund grau


Professor Tim G. Benton ist Leiter des Environment and Society Programme bei Chatham House. Chatham House und die Robert Bosch Stiftung arbeiten im Rahmen einer strategischen Partnerschaft zusammen.

Laura Wellesley Chatham House rund grau

 

Laura Wellesley ist Senior Research Fellow im Environment and Society Programme bei Chatham House.

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