Vorgestellt: Harsh Mander

Harsh Mander ist ein Menschenrechts- und Friedensaktivist, Autor und Dozent. Er ist Direktor des Centre for Equity Studies in Indien, einem Forschungszentrum, das sich mit sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit beschäftigt. Er war Sonderbeauftragter des Obersten Gerichtshofs von Indien im Fall Right to Food (2005-2017) und Mitglied des Nationalen Beirats des Premierministers (2010-2012).

Harsh Mander

Woran arbeiten Sie als Fellow an der Robert Bosch Academy?

Ich will versuchen zu verstehen, wie die älteren Generationen der Deutschen mit der sehr schmerzhaften Geschichte der 1930er Jahre und des Zweiten Weltkriegs, also der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocausts, umgegangen sind. In vielen Ländern der Welt, auch in meinem Heimatland Indien, werden immer größere Teile der Bevölkerung von Ideologien des militanten Hypernationalismus und des religiösen oder rassistischen Vorherrschaftsanspruchs angezogen. An der Spitze solcher Ideologien stehen hypermaskuline, autoritäre Führer. Infolgedessen wird die Welt für Minderheiten aller Art immer gefährlicher, weil sich mehr und mehr Bürger zu Politikern hingezogen fühlen, die Hass und Bigotterie zu etwas Normalem machen, legitimieren und sogar aufwerten.

Ich glaube, dass Menschen überall auf der Welt aus den Erfahrungen Deutschlands lernen können. Obwohl diese in mancher Hinsicht einzigartig ist, unterstreicht sie erstens, dass es bei der Demokratie nicht nur um den puren Willen der Mehrheit geht. Wäre das der Fall, könnte die Demokratie jederzeit in eine Mehrheitsdiktatur oder, wenn diese nicht gezügelt wird, sogar in den Faschismus abgleiten. Eine Demokratie muss auch immer die Rechte aller Minderheiten verteidigen. Zweitens können wir viel darüber lernen, wie gefährlich es ist, wenn Hass, Stigmatisierung und die Auslöschung der Rechte von Minderheiten zur offiziellen Politik werden. Wir erkennen, dass in diesem Fall die größten Gefahren von der stillschweigenden Unterstützung solcher Politik durch die Mehrheitsgesellschaft ausgehen. Daher ist es notwendig, sowohl sozialen als auch politischen Widerstand gegen rechtspopulistische Politik zu leisten, die die Minderheiten anstachelt und dann die Mehrheit davon überzeugt, dass sie von den Minderheiten bedroht werden.
 

Was sind die wichtigsten Themen in Ihrem Forschungsfeld?

Eine Vielzahl von Fragen taucht auf, wenn ich versuche zu verstehen, wie die Deutschen als Gesellschaft das Erbe des Holocaust und des Naziregimes bewältigt haben. Dazu gehört zunächst die jahrzehntelange Ablehnung zu verstehen, die in einem erheblichen Teil der deutschen Bevölkerung gegenüber der Erinnerung und der Anerkennung dieses schwierigen Erbes und der daraus resultierenden Schuld herrschte. Diese Menschen hatten die nationalsozialistische Politik unterstützt oder zumindest keinen Widerstand geleistet. Ich möchte verstehen, wie sich das Blatt gewendet hat und welche Rolle dabei die Zivilgesellschaft, die Gewerkschaften und die politischen Bewegungen gespielt haben.

Ich bin beunruhigt über mangelnde Solidarität zwischen den Opfern des Holocaust (Juden, Roma, behinderte Menschen, LGBTI-Personen, Kommunisten usw.). Was wäre nötig, um eine echte Solidaritätsbewegung aller betroffenen Minderheiten aufzubauen? Ich möchte darüber hinaus herausfinden, inwieweit der Widerstand gegen den Antisemitismus auch zur Bekämpfung der Islamophobie geführt hat. Und wenn das nicht der Fall sein sollte, möchte ich die Frage aufwerfen, wie es gelingen kann, dass der Widerstand gegen das einer Minderheit auferlegte Leid die Menschen auch dazu bringen kann, sich aus Empathie und Solidarität gegen die Diskriminierung und den Hass auf andere Minderheiten zu stellen. Ich möchte die unterschiedlichen Erfahrungen in Ost- und Westdeutschland und in Deutschland und Polen im Vergleich verstehen. Ich möchte wissen, warum das polnische Volk im Allgemeinen nicht dieselbe Schuld für die Verbrechen an den Juden auf sich genommen hat, die auf seinem Boden geschahen – und welche Folgen diese Weigerung für das polnische Volk hat.

Ich bin sehr daran interessiert, wie die Schul- und Volksbildung im Detail zum Umbau Deutschlands in eine Gesellschaft beigetragen hat, die auf dem Prinzip der Solidarität beruht. Ich werde Bürgerbewegungen untersuchen, die sich um das Gedenken bemühen und zum Beispiel für die Gedenktafeln und „Stolpersteine“ verantwortlich sind, die an die im Holocaust ermordeten Menschen erinnern. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg, Deutschland zu einer solidarischen Gesellschaft umzugestalten, war meiner Meinung nach die Unterstützung der Zivilgesellschaft für die politische Entscheidung, eine Million syrische Migranten aufzunehmen und willkommen zu heißen – ein seltenes Beispiel für die Weltgemeinschaft. Deutschland trotzte der einwanderungsfeindlichen Flut, die durch Europa schwappte. Ich möchte auch die Brüche verstehen: die Gründe für den Aufstieg der extremen Rechten in der deutschen Politik und die Bestrebungen und die Unzufriedenheit der bürgerlichen Anhänger des rechten Flügels. Inwieweit beinhaltet dies eine direkte oder indirekte Billigung der deutschen Geschichte der Nazi-Zeit?
 

Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich von Ihrer Arbeit?

Ich hoffe, von den Deutschen zu lernen, wie man eine politische und vor allem eine gesellschaftliche Bewegung aufbauen kann, die auf die Prinzipien der Brüderlichkeit und Solidarität setzt und auf eine Demokratie, die alle Minderheiten verteidigt und deren Rechte auf eigene Formen der Sprache, der Religion, der Kultur und der politischen Meinung schützt und mit Nachdruck vertritt. Obwohl ich die Einzigartigkeit der deutschen Erfahrung anerkenne, möchte ich die Parallelen und Unterschiede zwischen dem Deutschland der 1930er Jahre und dem heutigen Indien herausarbeiten: Den Aufstieg und die Massenunterstützung der Rechten sowie einer Politik, die eine gewalttätige Stimmung gegen Minderheiten schürt. Dazu gehören offene Hassreden politischer Führer, die Anfechtung der Staatsbürgerschaft von Minderheiten, die Kriminalisierung von interreligiösen Ehen, die Angriffe auf die Geschäfte und den Lebensunterhalt von Minderheiten, das Umschreiben der Geschichte, die Angriffe auf Stätten und Formen der Religionsausübung von Minderheiten und die Diskriminierung unterdrückter Minderheiten als gefährliche Eindringlinge. Ich möchte nach Wegen suchen, mit der schmerzhaften Geschichte von Gewalt und Hass umzugehen und die Verbrechen der Vergangenheit mutig und ehrlich anzuerkennen, nicht um den heutigen Nachkommen dieser Gemeinschaften Schuld zuzuweisen, sondern um ihnen stattdessen ein Gefühl der achtsamen Verantwortung zu vermitteln.
 

Wie hat sich die Covid-19-Pandemie auf die Situation der Armen und Benachteiligten ausgewirkt?

Als zweites Projekt werde ich ein Buch über die Erfahrungen der Armen in Indien während der Covid-19-Pandemie fertigstellen. Ich werde die schrecklichen Ereignisse der zweiten Welle von Covid-19 in Indien nachzeichnen: Leichen wurden buchstäblich in den Stadtparks und auf den Bürgersteigen gestapelt, um rund um die Uhr verbrannt zu werden, und verarmte Familien überließen die Leichen ihrer Angehörigen den Flüssen. Die Menschen erstickten, weil sie keine Krankenhausbetten und keinen Sauerstoff bekommen konnten. Ich untersuche, was die Menschen in meinem Land in die größte humanitäre Krise meiner Generation gestürzt hat: ungezügelte Krankheit, Massensterben, Massenhunger und Arbeitslosigkeit. Dazu gehört auch die Untersuchung der Folgen eines der am stärksten privatisierten Gesundheitssysteme der Welt und einer Erwerbsbevölkerung, die zu über 90 Prozent aus informell Beschäftigten ohne Rechte und Sicherheit am Arbeitsplatz und ohne sozialen Schutz besteht.
 

Was macht Berlin und Deutschland so wichtig für Ihre Arbeit?

Sowohl Berlin als auch Deutschland sind die natürlichen Zentren für meine Untersuchungen. Hier haben viele Verbrechen in den 1930er und 1940er Jahren ihren Ursprung, hier trennte eine Mauer verschiedene Wege zur Bewältigung einer schwierigen Vergangenheit und hier wurde die Mauer niedergerissen. Berlin ist heute ein einladender Ort der Vielfalt. Ein Ort, an dem junge Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen, die voller Tatendrang und Hoffnung auf die Zukunft blicken, die sie gemeinsam gestalten werden.

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