Vorgestellt: Ertharin Cousin

Ertharin Cousin ist Distinguished Fellow am Chicago Council on Global Affairs und Gastdozentin am Freeman Spogli Institute for International Studies der Stanford University. Von 2012 bis 2017 war sie Executive Director des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen.

Ertharin Cousin

Woran werden Sie als Fellow an der Robert Bosch Academy arbeiten?

Ich werde erforschen, welche Verpflichtungen öffentliche und private Akteure und die Vertreter der Zivilgesellschaft eingegangen sind, um die 17 Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung zu erfüllen – insbesondere beschäftige ich mich mit Ziel 2: „Kein Hunger“. Während sich Deutschland in einer Zeit voller wirtschaftlicher und politischer Herausforderungen auf einen Regierungswechsel im Herbst vorbereitet, stelle ich die Frage, ob die neue Regierung nach der Wahl die von der Regierung Merkel gemachten Zusagen einhalten wird und eine ebenso engagierte Führungsrolle übernimmt. Und wenn das nicht der Fall ist, möchte ich folgende Fragen beantworten: Wird eine veränderte deutsche Haltung die Zusagen und den Einsatz der Europäischen Union für die nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDG) beeinflussen? Was ist darüber hinaus der Standpunkt der Wirtschaft in Bezug auf Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (Environmental Social Governance, ESG) und beim Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele, speziell für Ziel 2? Geht die Verpflichtung zur ESG über bestehende Kunden hinaus – und wenn ja, auf wen erstreckt sich die Verpflichtung? Sind die deutschen Unternehmen der Meinung, dass ihre Zusagen in staatliche Regulierungsmaßnahmen eingebettet sein sollten?

Deutschland hat traditionell auch die Arbeit von deutschen Nichtregierungsorganisationen unterstützt – besonders die Welthungerhilfe, ein führender Akteur für globale Nothilfe und Nahrungsmittelsicherheit. Seit Gründung dieser Organisation ist der jeweilige Bundespräsident ihr Schirmherr und die Organisation erhält erhebliche finanzielle Unterstützung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Wie sieht die Zukunft dieser Beziehung aus? Welche Auswirkungen wird die Forderung nach stärker lokal ausgerichteter Entwicklungsarbeit auf die Projekte der Welthungerhilfe und die Finanzierungszusagen haben?

Die Academy hat einen hervorragenden Ruf in Deutschland und Europa. Ich hoffe, dass mir das als Fellow bei der Verwirklichung meiner Forschungsinteressen Türen öffnet.
 

Was sind die wichtigsten Themen in Ihrem Arbeitsfeld und welche Auswirkungen hat die Covid-19-Pandemie?

Die wichtigsten Fragen im Bereich Ernährungssicherheit und gesunde Ernährung befassen sich heute mit der Schaffung eines globalen Ernährungssystems, das für alle Menschen gesunde Nahrungsmittel produziert, eine gesunde Umwelt unterstützt und für alle Beteiligten eine faire und angemessene Entlohnung gewährleistet – vom Acker bis zum Teller. Covid-19 hat die nationalen Regierungen dazu gezwungen, sich auf die Krisenbewältigung im Gesundheitswesen und in der Wirtschaft zu konzentrieren. Viele Entwicklungsländer und ihre Communities spüren die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen, die die negativen Folgen der Gesundheitskrise sogar übertreffen. In einigen Fällen haben sie die Fortschritte beim Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele zunichte gemacht.
 

Welche neuen Einsichten möchten Sie während Ihres Fellowship gewinnen?

In meiner Amtszeit als US-Botschafterin und Ständige Vertreterin bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen und als Direktorin des Welternährungsprogramms sind Deutschlands Einfluss, seine führende Rolle und sein finanzieller Beitrag in den Bereichen nachhaltige Landwirtschaft sowie Nahrungsmittel- und Ernährungssicherheit erheblich gewachsen. Ich hoffe, Deutschlands Engagement in diesen Themenfeldern besser zu verstehen, nicht nur aus Regierungsperspektive, sondern auch aus dem Blickwinkel der privaten Wirtschaft und der Zivilgesellschaft.
 

Warum sind Berlin und Deutschland für Ihre Arbeit relevant?

Obwohl Deutschland im Bereich der globalen Entwicklung größere Präsenz zeigt, ist es bisher vor einer globalen Führungsrolle zurückgeschreckt. Jetzt gibt es eine neue Regierung in den USA, ein Vereinigtes Königreich, das sich nach dem Brexit eher mit innenpolitischen Themen beschäftigt und vielleicht sogar weniger Geld in internationale Entwicklung investiert. Hinzu kommt China, das sich stärker engagiert, um das entstehende Vakuum rund um den Globus zu füllen. In diesem Kontext wird die Antwort auf die Frage „Was wird Deutschland tun?“ immer wichtiger, wenn es darum geht, die Hoffnungen auf das Erreichen des nachhaltigen Entwicklungsziels 2 – „Kein Hunger“ – zu erfüllen.

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