Eine solide Partnerschaft für ein souveränes Gesundheitssystem in Afrika

Die Pandemie hat offengelegt, wie sehr Afrika bisher bei der Produktion, der Verteilung und dem Zugang zu Impfstoffen benachteiligt wurde. Erste Schritte werden unternommen, damit die afrikanischen Saaten souverän über ihre Gesundheitsvorsorge bestimmen können. Doch es bleibt noch viel zu tun.

Von Dr. Rose Ngugi

Southern Voice Rose Ngugi Africa Health
Shelley Christians Jordaan / REUTERS

Während ich dies schreibe, liegt der zweite Jahrestag der Pandemie seit Kurzem hinter uns. Obwohl dies schwierige Zeiten sind, haben wir das Glück, in einer Welt der Wissenschaft zu leben, in der Impfstoffe schneller als je zuvor entwickelt und hergestellt werden. Dennoch stehen wir jetzt vor dem dritten Jahr der Pandemie. Inzwischen wissen wir alle, warum diese weiter andauert: ungleiche Verteilung von, ungleicher Zugang zu und die ungleiche Produktion von Impfstoffen.

Auch wenn der Anteil Afrikas an den weltweit bestätigten Covid-Fällen nur zwei Prozent beträgt und die Todesfälle drei Prozent der globalen Gesamtzahl ausmachen, ist klar: Niemand auf der Welt ist sicher, wenn Afrika nicht sicher ist. Deshalb müssen wir gemeinsam die Anstrengungen verstärken, um zu gewährleisten, dass die afrikanischen Impfprogramme wirklich erfolgreich sind. Dazu gehört ein fairer und gerechter Zugang zu Impfstoffen, aber auch die Steigerung der Produktion auf dem Kontinent selbst und mehr Investitionen in die Wissenschaft.

In einem kürzlich erschienenen Southern Voice Policy Paper empfehlen Forscher des Kenya Institute for Public Policy Research (KIPPRA) die Stärkung der primären Gesundheitssysteme in Afrika. Der Schwerpunkt sollte dabei auf der Finanzierung, der Gesundheitsvorsorge und den Personalressourcen liegen. Auch der  Aufbau integrierter Informationssysteme und weiterer Technologien für den Gesundheitsbereich ist erforderlich.

Die Auswirkungen der Pandemie zeigen, dass die Länder zusammenarbeiten müssen. Ziel sollte es sein, den Zugang zu und die Verteilung von Impfstoffen zu verbessern, um Covid-19 und seine Varianten jetzt und in Zukunft einzudämmen. Das jüngste Gipfeltreffen zwischen der Europäischen Union und der Afrikanischen Union im Februar hat in dieser Hinsicht einige wichtige Ergebnisse gebracht. Aber ist das nicht zu wenig und zu spät?

Was Afrika tun kann

Viele afrikanische Regierungen halten die international empfohlenen Budgetrichtlinien für die finanzielle Ausstattung des Gesundheitssektors nicht ein. Das bedeutet, dass ein Großteil der finanziellen Belastung für die primäre Gesundheitsversorgung von den Patienten selbst getragen wird. Nimmt man noch die Abwanderung von Fachkräften aus dem medizinischen Bereich hinzu, z. B. in Nigeria, so ist das ein Rezept für eine Katastrophe. Gezielte Anstrengungen sind nötig, um die nationalen Gesundheitsausgaben auf dem Kontinent zu reformieren.

Es ist eine willkommene Nachricht, dass die Afrikanische Entwicklungsbank in den nächsten zehn Jahren drei Milliarden US-Dollar zur Unterstützung der Pharmaindustrie bereitstellen wird. Auch die afrikanischen Staats- und Regierungschefs sind entschlossen, ihre Rolle in der erneuerten Partnerschaft zu spielen. Aber es muss noch viel mehr getan werden, um die Souveränität der afrikanischen Staaten bei der Gesundheitsversorgung zu bewahren. Die Pandemie hat gezeigt, dass 99 Prozent der Impfstoffe nicht in Afrika hergestellt werden. Für ein widerstandsfähiges und nachhaltiges Gesundheitssystem muss sich diese Situation ändern. Der Kontinent muss seine eigenen Impfstoffe produzieren. Nur dann kann er seine Gesundheitssouveränität erreichen.

Um die lokale Herstellung von Covid-19-Impfstoffen in Afrika zu fördern, müssen die Länder in die Entwicklung der erforderlichen Infrastruktur investieren, z. B. in eine verlässliche Stromversorgung und eine Kühlkette für die ordnungsgemäße Lagerung von Impfstoffen. Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, die Herstellung anderer „empfohlener Impfstoffe“ zu prüfen, um wirtschaftliche Skalenvorteile zu erzielen und die Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Ebenso wichtig ist es, in regionale Partnerschaften auf dem Kontinent zu investieren. Ein gutes Beispiel ist die Westafrikanische Gesundheitsorganisation (WAHO), die aus früheren Erfahrungen, etwa mit der Ebola-Epidemie, umfangreiche Kenntnisse mitbringt.

Die Think Tanks des Southern Voice Netzwerkes in Afrika leisten fantastische Forschungsarbeit zu allen Bereichen und Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs), die von der Pandemie betroffen sind. Sei es der Zugang zu Gesundheit, Ernährungssicherheit, Wirtschaft oder Bildung, die Ziele sollten mit mehr Aufmerksamkeit und finanziellen Mitteln unterstützt werden. Mehr denn je kann das Fachwissen aus dem globalen Süden in universelle Lösungen umgesetzt werden, die gefährdeten Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt zugutekommen.

Was die internationale Gemeinschaft tun kann

Die internationale Gemeinschaft kann diese afrikanischen Bemühungen auf verschiedene Weise fördern. Die EU hat sich verpflichtet, die Impfstoffherstellung durch Investitionen in Produktionskapazitäten, freiwilligen Technologietransfer und die Stärkung des Rechtsrahmens auf dem afrikanischen Kontinent zu unterstützen. Wir fordern die EU auf, noch weiter zu gehen und sich für die Aufhebung von Impfstoffmonopolen einzusetzen.

Im Oktober 2020 schlugen Indien und Südafrika der Welthandelsorganisation (WTO) vor, vorübergehend auf bestimmte Schutzmaßnahmen für geistiges Eigentum zu verzichten. Dies würde Patente, Urheberrechte und Geschäftsgeheimnisse für alle medizinischen Produkte einschließen, die zur Behandlung von Covid verwendet werden. Während die Mehrheit der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen dies befürworteten, blockieren die EU, das Vereinigte Königreich und die Schweiz eine Einigung in der WTO. Das Thema wird nun wahrscheinlich die WTO-Ministertagung im Juni beherrschen – fast 20 Monate nachdem es erstmals vorgeschlagen wurde.

Auf dem EU-AU-Gipfel im letzten Monat gab die WHO die ersten sechs Länder bekannt, die die für die Herstellung von mRNA-Impfstoffen in Afrika erforderlichen Instrumente erhalten sollen: Ägypten, Kenia, Nigeria, Senegal, Südafrika und Tunesien. Sie werden von der globalen mRNA-Transferstelle in Kapstadt in der Herstellung der mRNA geschult. Wenn es zu einer echten Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen kommt, die im Besitz der mRNA-Technologie sind, würde dies die Entwicklungs- und Zulassungszeit um ein Jahr verkürzen. Das könnte Tausende oder Millionen von Leben retten.

Obwohl dies alles positive Schritte sind, reichen sie nicht aus. Trotz einiger wichtiger Ankündigungen endete der EU-AU-Gipfel mit einer schwach formulierten Erklärung zur Rolle der WTO im Kampf gegen die Pandemie. Wir fordern die EU auf, die befristete Ausnahmeregelung für geistiges Eigentum zu unterstützen.

Was wir jetzt brauchen, ist eine solide Partnerschaft, um eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Eine Zukunft, die uns allen mehr Frieden und Gleichheit bringen wird. Bei Southern Voice stehen wir bereit, diese Partnerschaft zu verwirklichen und zu einer globalen Lösung aus der Perspektive des Südens beizutragen.

Rose Ngugi rund grau

Dr. Rose Ngugi ist geschäftsführende Direktorin des Kenya Institute for Public Policy Research (Kippra) und Vorsitzende von Southern Voice, einem Netzwerk von 59 Think Tanks aus dem globalen Süden. Southern Voice und die Robert Bosch Stiftung arbeiten im Rahmen einer strategischen Partnerschaft zusammen.

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