Klimawandel und der Gesundheitssektor: Lehren aus der Covid-19-Krise

Die Pandemie ist ein Vorbote vieler Probleme, die sich aus dem Zusammenbruch des Klimas ergeben. Wir haben jetzt die Chance, die Gesellschaft und das Gesundheitswesen für eine CO2-neutrale Zukunft zu reformieren.

von Roberto Bertollini

Roberto Bertollini Perspectives Covid 19 Pandemie
Adobe / Halfpoint

Schon vor vielen Jahren schlug die wissenschaftliche Gemeinschaft wegen des Klimawandels Alarm. Im Laufe der Jahrzehnte sind die mathematischen Modelle immer präziser und genauer geworden und liefern größtenteils ziemlich genaue Temperaturvorhersagen. Politische Akteure und Entscheidungsträger schoben sich in Klimafragen immer wieder die Verantwortung zu: Seit Jahren werden in oft mühsamen internationalen Verhandlungen Verpflichtungen und Programme erneuert – mit bescheidenen Ergebnissen. Währenddessen sind die Auswirkungen dieser epochalen Veränderungen auf die Weltgesundheit im Hintergrund geblieben. Der Klimawandel wird immer noch mit dem Bild eines Eisbären assoziiert, der hungrig über eine schmelzende Eisscholle wandert.

Tatsächlich dachten Ärzte und Gesundheitsexpert:innen viele Jahre lang, dass der Klimawandel nicht ihr Problem sei, dass die Auswirkungen auf die Gesundheit ohnehin in ferner Zukunft liegen würden. Dabei haben sie übersehen, dass die Gesundheit der Menschen und die des Planeten eng miteinander verbunden sind. Die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels lassen sich in drei große Kategorien einteilen: direkte, indirekte und solche, die mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen zusammenhängen. Diese Kategorien mit ihren unterschiedlichen Mechanismen sind auch mit erheblichen Folgen für die psychische Gesundheit verbunden.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit

Direkte Auswirkungen: Krankheiten und Todesfälle, die unmittelbare Folgen von klimabedingten Ereignissen wie Hitzewellen, Überschwemmungen und Waldbränden sind. Außerdem Gesundheitsschäden, die durch Luftschadstoffe wie Feinstaub und Ozon verursacht werden.

Indirekte Auswirkungen: Die Folgen, die die Veränderung ökologischer und biophysikalischer Systeme auf die Produktivität landwirtschaftlicher Flächen hat, was wiederum zu einer geringeren Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und folglich zu Unterernährung führt. Diese Veränderungen vermindern auch die Verfügbarkeit und Qualität von Trinkwasser und beeinflussen die geografische Verteilung, Saisonalität und Häufigkeit von durch Insekten übertragenen Krankheiten wie Malaria und Denguefieber.

Auswirkungen im Zusammenhang mit sozioökonomischen Veränderungen: Infektionskrankheiten und chronische Krankheiten, einschließlich psychischer Erkrankungen, als Folge von Migration, sozialen Spannungen oder Konflikten, die durch extreme Wetterereignisse oder Ressourcenknappheit (Wasser und Nahrungsmittel) ausgelöst werden. Darüber hinaus kommt es zu depressiven Erkrankungen infolge des Verlusts von Eigentum und Land sowie Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit extremen Ereignissen und langfristigen Klimaveränderungen.

Kurz gesagt, der Klimawandel verändert die Lebensbedingungen auf unserem Planeten und seine Bewohnbarkeit für den Homo sapiens. Paradoxerweise ist dies nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass klimatische Veränderungen das Schicksal ganzer Zivilisationen beeinflussen. Der Niedergang der Maya-Zivilisation in Mittelamerika beispielsweise wird mit vier schweren Dürreperioden in Verbindung gebracht, die zwischen dem Ende des achten und dem Beginn des zehnten Jahrhunderts auftraten und zu Unterernährung, Konflikten und dem Verfall der Maya-Städte führten.

Gegenwärtige Klimaveränderungen sind ausgeprägter, langanhaltender und globaler als zuvor

Es ist klar, dass Rückschlüsse auf die Gegenwart mit Vorsicht zu genießen sind. Die heutigen Klimaveränderungen sind jedoch viel ausgeprägter, langanhaltender und globaler als die der Vergangenheit. Trotz großer technologischer und wissenschaftlicher Fortschritte weist die heutige Gesellschaft in sozialen und wirtschaftlichen Fragen neue Schwachstellen auf, die durch die Covid-19-Pandemie deutlich geworden sind. Die Pandemie ist in gewisser Weise ein Vorgeschmack auf die Herausforderungen des Klimawandels.

Die Covid-19-Epidemie hat viele Länder und ihre Gesundheitssysteme unvorbereitet getroffen. Sie waren nicht darauf vorbereitet, mit einem exponentiell wachsenden Phänomen umzugehen. Dies zwang die Gesundheitsbehörden, die Ausbreitung des Virus zu bekämpfen, als es bereits zu spät war, um Todesfälle und schwere Erkrankungen zu verhindern. Wenn wir nicht rechtzeitig die notwendigen Anpassungsmaßnahmen vorbereiten, um die Schäden von Extremereignissen zu begrenzen, werden wir auch bei der Bekämpfung der dramatischen gesundheitlichen Folgen des Klimawandels ins Hintertreffen geraten. Die Pandemie hat die Bedeutung der Prävention und die gesellschaftliche Rolle des Gesundheitswesens und seiner Führungskräfte unterstrichen. Ein wirksames Gesundheitssystem schützt nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Wirtschaft und das Wohlergehen der Gesellschaft insgesamt.

Die Strategien, die als Reaktion auf den Klimawandel nützlich sind, haben viel mit denen der Pandemiebekämpfung gemein. Insbesondere ist es wichtig, effiziente und funktionsfähige Überwachungs- und Frühwarnsysteme sowie Notfallstrukturen und -protokolle zu konsolidieren und aufrechtzuerhalten, die durch regelmäßige Simulationen getestet werden.

Weltweite Probleme erfordern weltweite Lösungen

Die durch Covid-19 ausgelöste globale Krise hat gezeigt, dass weltweite Probleme weltweite Lösungen erfordern. Die Ausbreitung des Virus, die durch den Reiseverkehr und die Beziehungen zwischen Volkswirtschaften und Völkern begünstigt wurde, ging mit einem intensiven Informationsaustausch und einer internationalen Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Impfstoffen und wirksamen Therapien einher. Auch dem Klimawandel können wir nur entgegenwirken, wenn die gesamte Weltgemeinschaft handelt, um sein Ausmaß zu verringern.

In dieser Hinsicht ist das Pariser Abkommen von 2015 ein Meilenstein im Kampf gegen den Klimawandel. Das Abkommen setzt einen allgemeinen Rahmen aus Verpflichtungen zur Vermeidung der dramatischsten Folgen des Klimawandels: Es legt das Ziel fest, die globale Erwärmung im 21. Jahrhundert auf unter 2 °C zu begrenzen und möglichst bei 1,5 °C zu halten. Bei diesem außergewöhnlichen Unterfangen können der Gesundheitssektor und seine Verantwortlichen eine entscheidende Rolle spielen, indem sie sowohl zur Verringerung der Emissionen beitragen als auch eine bessere Sensibilisierung der Öffentlichkeit für dieses Phänomen unterstützen.

Die Gesundheitsdienste sind für durchschnittlich 4,4 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Eine kohlenstoffarme Umstellung von Krankenhäusern und Gesundheitsdiensten ist möglich, wenn auf verschiedenen Ebenen eingegriffen wird: Nutzung von regenerativer Energie, Energieeinsparung durch grüne architektonische Lösungen, Abfallreduzierung und Einbeziehung von Lieferanten, die sich ihrerseits zu einer nachhaltigen Produktion verpflichtet haben. Ein Projekt in diesem Sinne ist das Meyer-Kinderkrankenhaus im italienischen Florenz, dem es nicht nur gelungen ist, seinen ökologischen Fußabdruck zu verbessern, sondern auch Energiekosten zu sparen.

Der Gesundheitssektor kann handeln

Auch das Gesundheitswesen kann zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen, indem es Bürger und Behörden über Gesundheitsrisiken informiert, seine Kompetenzen und Organisationsmodelle an die neuen Risiken anpasst und die für die Anpassung und Eindämmung erforderlichen Initiativen fördert. Das Ansehen und die Autorität, die Angehörige der Gesundheitsberufe in der öffentlichen Meinung genießen, können ein wertvolles Gut sein. Indem sie auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels hinweisen, können sie die öffentliche Akzeptanz von Anpassungs- und Abmilderungsprogrammen fördern, die mit anfänglichen Kosten verbunden sind und eine Änderung der Lebensgewohnheiten erfordern.

Gesundheitsfachleute können einflussreiche Fürsprechende der notwendigen ökologischen Umstellung, der Bedeutung von Anpassungsmaßnahmen und der Zusammenarbeit mit anderen Sektoren für Strategien sein, die die Gesundheit in den Mittelpunkt der Politik stellen, vom Verkehr über die Landwirtschaft bis zur Industrie.

Wenn wir die Rolle des Gesundheitssektors betonen, dürfen wir die Größe des Problems und die Schwierigkeiten nicht unterschätzen, die bei dem Versuch bestehen, ökologische Kipppunkte zu verhindern, die Veränderungen unumkehrbar machen würden. Es geht darum, die Funktionsweise unserer Gesellschaften und Volkswirtschaften grundlegend zu ändern und Trends umzukehren, die durch wirtschaftliche Interessen und den heutigen Lebensstil bestimmt werden.

Sich der Existenz und des Ernstes des Klimawandels bewusst zu werden, ist der erste Schritt. Entscheidend sind jedoch der Wille der Regierungen und der Bevölkerung, ihr Verhalten stärker anzupassen und den Klimawandel einzudämmen. Entscheidend sind auch die Technologien, die diese Veränderungen ermöglichen. Diese Technologien gibt es bereits.

Jede und jeder von uns kann etwas tun

Es ist wichtig zu unterstreichen, dass auf der persönlichen Ebene die Änderung einiger Gewohnheiten unser Leben nicht in einen öden Kreislauf von Verzicht und Unannehmlichkeiten verwandeln würde. Mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit oder zur Schule zu fahren oder zu gehen, weniger Fleisch zu essen, das Auto weniger zu benutzen, Abfall und den Gebrauch von Plastikgegenständen zu reduzieren – das sind keine Entbehrungen. Durch eine Änderung unseres Lebensstils würden wir an körperlicher und geistiger Gesundheit gewinnen. Wir würden die Umweltverschmutzung reduzieren und uns gesünder ernähren. Die Pandemie hat gezeigt, dass die modernen Technologien es uns ermöglichen, Menschen zu treffen und Geschäftsmeetings online zu organisieren, was unnötige Reisen einschränkt und unseren Arbeitsalltag verändert.

Eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Umstrukturierung dieses Ausmaßes ist mit Kosten verbunden, auch wenn sich Ökonomen und Gesundheitsexpert:innen einig sind, dass der damit verbundene Nutzen für die Gesundheit und die Gemeinschaft die Kosten für die Eindämmung bei weitem überwiegen würde. Viele Regierungen und Institutionen, wie z. B. die EU, haben als Reaktion auf die schrecklichen Folgen der Covid-19-Pandemie Milliarden von Euro für die Ankurbelung der Wirtschaft bereitgestellt. Dies ist eine einmalige Gelegenheit, den Wandel hin zu einer nachhaltigen und kohlenstoffarmen Gesellschaft zu beschleunigen, anstatt einfach nur die alten Modelle von Wirtschaft und Gesundheitswesen wiederherzustellen.

Roberto Bertollini rund grau


Roberto Bertollini ist der ehemalige WHO-Vertreter bei der EU und leitender Wissenschaftler des WHO-Regionalbüros für Europa. Er ist Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy und arbeitet derzeit als Berater des Gesundheitsministers von Katar.

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