Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen verringert Konfliktursachen

April 2026

Der ehemalige Greenpeace-Geschäftsführer Kumi Naidoo ist Präsident der Fossil Fuel Non-Proliferation Treaty Initiative. Deren Ziel ist es, die Förderung fossiler Brennstoffe zu beenden. Im Interview erläutert Naidoo, warum die globalen UN-Klimakonferenzen an ihre Grenzen stoßen, spricht über die Rolle des Globalen Südens im Kampf gegen den Klimawandel und beschreibt die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten auf die Debatte um fossile Brennstoffe.

Close up of leaking water tap at its bottom because of high water pressure cracking it out, Close up of leaking water tap at its bottom because of high water pressure cracking it out.
IMAGO / Dreamstime

Seit 2024 sind Sie Präsident der Fossil Fuel Treaty Initiative. Was brachte die Bewegung ins Rollen?

Die Initiative entstand im Jahr 2020 als Reaktion auf eine klaffende Lücke in der globalen Klimapolitik. Die COP konzentriert sich vor allem auf Prozesse zur Regulierung von Emissionen. Die eigentliche Ursache des Problems aber lässt sie außen vor: unsere anhaltende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.
Vorbilder für die Fossil Fuel Non-Proliferation Treaty Initiative waren der Atomwaffensperrvertrag und der Vertrag über das Verbot von Landminen. Letzterer hat dazu beigetragen, dass erheblich weniger Landminen produziert, hergestellt und eingesetzt werden. Unser vorrangiges Ziel ist es nun, den Ländern vor Augen zu führen, dass wir dringend und sehr ernsthaft aufhören müssen, weiter in Kohle, Öl und Gas zu investieren.

The transition away from fossil fuel reduces conflict drivers.

Written by Kumi Naidoo

Was sind die Kernpunkte der Strategie der Initiative?

Zuallererst geht es darum, die eigentliche Ursache abzustellen. Wir müssen die Ausbreitung des Problems stoppen. Zweitens brauchen wir einen fairen, schnellen und finanziell abgesicherten Ausstieg. Und drittens: Die Abkehr von fossilen Brennstoffen muss für Arbeitnehmende und Gemeinden gerecht gestaltet sein. Deshalb brauchen wir einen klaren und verbindlichen Plan.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach einem Arbeitstag abends nach Hause und sehen, dass Wasser aus dem Badezimmer läuft. Sie schnappen sich den Wischmopp und eilen ins Bad. Wie sich zeigt, war der Wasserhahn undicht; die Badewanne ist im Laufe des Tages vollgelaufen, und jetzt ist alles überschwemmt. Was tun Sie als erstes? Den Boden wischen oder den Wasserhahn zudrehen?

Natürlich den Hahn zudrehen.

Genau. Aber in den letzten 30 Jahren haben wir nur aufgewischt, statt den Hahn zuzudrehen. Wir haben uns nur auf die Emissionen konzentriert, nicht auf die Förderung. Das ist einfach nicht genug. Wir können die Klimakrise nicht stoppen, wenn wir weiterhin die fossilen Brennstoffe ausbauen, die sie verursachen.

Seit März 2026 befinden sich die USA und Israel im Krieg mit dem Iran. Die Sperrung der Straße von Hormus hat zu weltweit steigenden Öl- und Gaspreisen geführt. Was könnte dies für die Fossil Fuel Treaty Initiative bedeuten?

Wir hoffen, dass dieser Krieg uns klar vor Augen führt, wie stark fossile Brennstoffe mit den geopolitischen Konflikten unserer Zeit zusammenhängen. Klimaschutz kann zu weltweitem Frieden und zu globaler Sicherheit beitragen. Die Abkehr von fossilen Brennstoffen verringert Konfliktursachen, das ist unser Grundgedanke.

What we get year in, year out from the COPs is a FLAB outcome.

Sie sprechen von einer klaffenden Lücke bei der Umsetzung der Klimapolitik. Warum haben die Klimakonferenzen der Vereinten Nationen nicht genug bewirkt?

Die fossile Brennstoffindustrie hat noch immer zu viel Einfluss. Bei den Konferenzen gibt es keine größere Delegation als die der Lobbyisten der fossilen Energiewirtschaft. Das ist so, als würden die Anonymen Alkoholiker seit 30 Jahren eine jährliche weltweite Konferenz abhalten, und die größte Delegation wäre die Alkoholindustrie. Mächtige Länder, vor allem im Globalen Norden, haben eher kurzfristige wirtschaftliche Interessen im Visier als die langfristige Sicherheit der Menschen und Gemeinschaften. Seit der Konferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 fordern wir ein faires, ehrgeiziges und verbindliches FAB-Abkommen: fair, ambitious and binding. Was wir Jahr für Jahr von den COPs bekommen, ist ein FLAB-Abkommen: full of loopholes and bullshit – voller Schlupflöcher und Blödsinn. 

Welche weiteren Aspekte der COP funktionieren Ihrer Meinung nach nicht?

Die COP beruht auf dem Konsensprinzip. Deshalb können Petrostaaten wie die USA, Saudi-Arabien, Russland und Australien Entscheidungen blockieren. Manche Regierungen befinden sich außerdem in einem Interessenkonflikt – weil sie sowohl Produzenten als auch Verhandlungspartner sind. Saudi Aramco beispielsweise ist ein staatliches Unternehmen: Natürlich versucht es, seine Agenda durchzusetzen. Die COP ist sehr wichtig, keine Frage, aber sie allein ist nicht genug. Unsere Initiative soll die UN-Prozesse ja auch nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Wie viele Länder haben sich der Initiative bereits angeschlossen?

Die ersten waren die Pazifik-Staaten Vanuatu und Tuvalu. Inzwischen unterstützen 20 Länder die Initiative, und mit 15 weiteren sind wir im Gespräch. Wir hoffen, dass wir nach der ersten Konferenz über die Abkehr von fossilen Brennstoffen im April 2026 in Santa Marta, Kolumbien, weitere Verhandlungen führen werden.

Sie sagen, wir bräuchten mehr verbindliche Vereinbarungen zur Förderung fossiler Brennstoffe. Was erwarten Sie von der Konferenz in Kolumbien im April 2026?

In 30 Jahren COP-Verhandlungen wurde der Begriff „fossile Brennstoffe“ nur ein einziges Mal – und das auch eher nebenbei – erwähnt, vor zwei Jahren. Die von Kolumbien, den Pazifikinseln und den Niederlanden organisierte Konferenz in Santa Marta wäre die erste große Versammlung, die den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen in den Mittelpunkt stellt. Sie ist die erste einer Reihe von Konferenzen auf diplomatischer Ebene, die eine Koalition der Ambitionierten bildet.
Die zweite Konferenz ist bereits als Folgeveranstaltung im Pazifikraum geplant; dort wird es erste Verhandlungen geben. Wir hoffen, auf diese Weise von der reinen Unterstützung hin zur Umsetzung zu kommen.
 

The struggle to do something about catastrophic climate change is nothing more than protecting our children.

Written by Kumi Naidoo

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich genau?

Vor allem Ausstiegsstrategien. Wie können Länder aus fossilen Brennstoffen aussteigen, ohne ihrer Wirtschaft und der Zukunft ihrer Kinder zu schaden? Denn beim Kampf gegen den katastrophalen Klimawandel geht es ja vor allem darum, unsere Kinder zu schützen. Wir brauchen Strategien für diesen Ausstieg, Finanzierungsmechanismen, Rahmenbedingungen für Gerechtigkeit und Fairness, eine starke Führungsrolle des Globalen Südens sowie die Beteiligung verschiedener Interessengruppen: Regierungen, Kommunen, die Zivilgesellschaft sowie Sprecher:innen indigener Gemeinschaften. Am Ende soll deutlich werden, dass Absichten auch in Verantwortlichkeiten münden müssen.

Wie viele Teilnehmende erwarten Sie bei der Konferenz in Santa Marta?

Aktuell hoffen wir, dass mindestens 60 Regierungen teilnehmen. Es findet ein Gipfeltreffen der Zivilgesellschaft statt, und auch lokale und regionale Regierungen sind vertreten. Tausende zivilgesellschaftliche Organisationen, indigene Völker, Kirchen, Gewerkschaften und Glaubensgemeinschaften sind beteiligt. Hinzu kommt eine wissenschaftliche und akademische Konferenz.

If this transition is not happening in Europe, it will not happen elsewhere.

Written by Kumi Naidoo

In Teilen der westlichen Welt betrachtet man den von Ihnen angestrebten Wandel mit Sorge, da man ihn mit dem Aufstieg populistischer Bewegungen verbindet. Wie begegnen Sie diesen Ängsten?

Diese Entwicklung ist auf wirtschaftliche Verunsicherung zurückzuführen und darauf, dass die Arbeiterklasse in Europa an den gesellschaftlichen Gewinnen nicht gerecht beteiligt ist. Die fossile Brennstoffindustrie nutzt die Angst um Arbeitsplätze und die Sorge um die Energiepreise aus, um fossile Energieträger fälschlicherweise als günstig und zuverlässig darzustellen.

Berücksichtigt man jedoch die Billionen Dollar aus Steuergeldern, die in Subventionen für fossile Brennstoffe fließen, dann ist fossile Energie keineswegs so billig, wie man den Menschen weismachen möchte. Die europäische Strategie muss darin bestehen, Gerechtigkeit, Arbeitsplätze, Lebensgrundlagen und Gemeinschaften in die Klimabotschaft einzubeziehen. Wenn dieser Wandel in Europa nicht stattfindet, wird es ihn auch anderswo nicht geben.

Sehen Sie eine Veränderung der Rolle und des Einflusses des Globalen Südens in dieser weltweiten Debatte über eine nachhaltige Zukunft?

Der Globale Süden sollte sich in erster Linie als Vorreiter sehen, nicht als Opfer. Er verfügt über zahlreiche Vorteile, wie zum Beispiel reichlich vorhandene erneuerbare Ressourcen. In Afrika gibt es Solar-, Wind-, Geothermie- und Biomasseenergie in Hülle und Fülle. Die erfolgreichen Regierungen und Länder der Zukunft werden diejenigen sein, die sich jetzt einen entscheidenden Vorsprung bei den grünen Technologien sichern. Der Bereich, in dem der Globale Süden einen Wandel vollziehen muss, ist die Klimafinanzierung, zugesagt vom Grünen Klimafonds und den Loss and Damage Funds im Rahmen des UNFCCC-COP-Prozesses. Wir brauchen Technologietransfer, da ein Großteil des technologischen Know-hows im Globalen Norden angesiedelt ist. Afrika und der Globale Süden haben die Chance, andere Teile der Welt in Sachen saubere Energiesysteme zu überholen. Wir sollten nicht die Fehler des Globalen Nordens wiederholen, der schließlich die größte Verantwortung für die historisch angehäuften Emissionen trägt.

If you look at what has already been achieved, what are your reasons for hope?

Da ist zunächst der rasche und anhaltende Rückgang der Kosten für erneuerbare Energien. Hinzu kommt die wachsende Unterstützung durch Städte, Länder und Institutionen für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Und last but not least das hohe Engagement junger Menschen und der Zivilgesellschaft. Fossile Brennstoffe gelten zunehmend als finanzielles Risiko und als gesellschaftlich inakzeptabel. 

Aber das kann sich auch wieder ändern. Basierend auf unseren Untersuchungen, Beobachtungen und Erfahrungen besteht durchaus auch Anlass zu Pessimismus. Nur können wir uns den nicht leisten. Stattdessen müssen wir ihm positives Denken, Handeln, Kreativität, Mut und Menschlichkeit entgegensetzen.

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