„Die Armut, die ich dort sah, hat mich zutiefst erschüttert“
Suma Chakrabarti verfügt über mehr als 40 Jahre Erfahrung in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Hier spricht er darüber, was ihn zu diesem Bereich hingezogen hat, wie sich die internationale Politikberatung wandelt – und warum er seinen kulturellen Hintergrund als Wettbewerbsvorteil betrachtet.
Ihre Karriere als Berater für Regierungen erstreckt sich über mehr als vier Jahrzehnte. Was hat Sie in diesen Bereich geführt – und was über all die Jahre motiviert?
Ich war zu verschiedenen Zeitpunkten meiner Karriere als Berater tätig. Ich wurde in Indien geboren und ging 1964, als ich fünf Jahre alt war, mit meinen Eltern nach England. Bei einer Reise zurück nach Indien im Jahr 1969 war ich völlig erschüttert von der Armut, die ich dort sah. Massen von Menschen lagen an den Gleisen im Hauptbahnhof von Kalkutta und bettelten. Es war wie eines der Gemälde von Hieronymus Bosch aus dem Mittelalter. Dieses Bild inspirierte mich dazu, in die Entwicklungszusammenarbeit zu gehen. Dort bin ich geblieben.
Zudem wurde mir klar, dass ich gut darin bin, Verbindungen zu Menschen zu knüpfen. Wenn man mit ausländischen Regierungschefs zusammenarbeitet, muss man verstehen, woher sie kommen. Was motiviert sie? Wovor haben sie Angst? Man muss ihren Charakter wirklich verstehen, damit der eigene Rat Wirkung zeigt.
Sie wurden in Indien geboren und in Großbritannien aufgewachsen. Inwiefern helfen ihnen unterschiedliche kulturelle Hintergründe dabei, eine Verbindung zu Menschen aufzubauen?
Ein Vorteil des Migrantendaseins ist, dass man mehr als eine Kultur in sich trägt. Als wir nach Großbritannien zogen, hatte ich nicht vor, dort für immer zu bleiben. Ich wollte zurückkehren. Denn Indien – oder zumindest mein Teil Indiens, nämlich Westbengalen – prägt meinen Charakter grundlegend. Ich habe ein gutes Verständnis dafür, wie Menschen ticken, was sie bewegt. Und so habe ich erkannt, dass einer der Gründe, warum ich mit Menschen aus verschiedenen Kulturen in Kontakt treten kann, darin liegt, dass ich selbst verschiedene kulturelle Wurzeln habe. Das mag auch Teil meiner eher empathischen Herangehensweise in der Beratung sein. Und die Bedeutung von Empathie in meiner Branche ist einer der Aspekte, die ich gerne erforschen möchte, wenn ich als Fellow in Berlin bin.
Das geopolitische Umfeld wird zunehmend fragmentiert und polarisiert. Wie sehen Sie unter diesen Umständen die Rolle von Außenpolitikberatern?
Ich glaube, dass die Entwicklungshilfeindustrie stirbt. In Großbritannien zum Beispiel wurde unser Kronjuwel der Entwicklungszusammenarbeit, das Ministerium für internationale Entwicklung, an dem sich das BMZ in Deutschland orientiert, von Boris Johnson faktisch zerstört. Viele dachten, wenn Keir Starmer und Labour an die Macht kommen, würden wieder bessere Zeiten anbrechen, aber das ist nicht der Fall. Wir erleben einen Generationswechsel, selbst die Parteien auf der Linken haben kein Interesse mehr an dieser Agenda. Auch sie richten sich sehr nach innen. Das bedeutet, dass die Schwellen- und Entwicklungsländer viel selbstständiger werden müssen – was keine schlechte Sache ist.
„Die Schwellen- und Entwicklungsländer müssen viel selbstständiger werden.“
Sie sagen, dass sich ein Trend hin zu spezialisierteren Beratern vollzieht. Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Viele Länder des Globalen Südens brauchen niemanden mehr, der ihnen sagt, ob ein bestimmtes Projekt umgesetzt werden soll oder nicht. Das können sie selbst entscheiden. Stattdessen benötigen sie an diesem Punkt ihrer wirtschaftlichen Entwicklung spezialisiertere Beratung. Nehmen wir Kenia als Beispiel: Ich glaube nicht, dass man sich dort fragt, wie man einen öffentlichen Dienst aufbaut, denn sie haben bereits einen ziemlich guten. Aber vielleicht wollen sie eine Regulierungsbehörde für den Bankensektor einrichten, wozu es der Beratung durch ausgewiesene Fachleute bedarf.
Ein weiterer Grund ist, dass die Hilfsbudgets aus dem Westen zurückgehen. Viel Geld, das wir früher in Gesundheits- und Bildungsprogramme gesteckt haben, wird nicht mehr lange zur Verfügung stehen. Was der Westen anbieten kann, ist spezialisierte Beratung. Und darauf werden Sie sich konzentrieren.
Was möchten Sie während Ihres Aufenthalts als Richard von Weizsäcker Fellow in Berlin noch erkunden?
Mir gefällt diese Mischung aus Politik und Kunst, die Berlin auszeichnet. Daher ist es immer ein lohnendes Reiseziel für mich; ich finde es intellektuell sehr anregend. Es ist auch ein guter Ort für mich, weil hier einige der Personen arbeiten, die ich interviewen möchte. Es gibt Politiker im Deutschen Bundestag und in der Bundesregierung, mit denen ich gerne sprechen würde. Meine Arbeit wird sehr stark meine berufliche Erfahrung widerspiegeln. Ich bin kein Wissenschaftler, der Grundlagenforschung betreibt. Ich versuche vielmehr, meine verschiedenen Tätigkeiten als Berater zu vergleichen – und zu verstehen, in welchen Fällen meine Ratschläge umgesetzt wurden und in welchen Fällen sie nicht funktionierten und warum. Mein Ziel als Fellow der Robert Bosch Academy ist, über internationale Entwicklung und meine Arbeit in diesem Bereich zu schreiben. Ich denke, das Ergebnis wird ein Fachartikel sein. Und dieser wird dann möglicherweise Teil eines Buches.