Das Nachbarschaftsproblem und wie man ihm die Stirn bieten kann

Es lohnt sich, in sozial schwächere Stadtviertel zu investieren. Anstatt die Brennpunkte der nächsten wirtschaftlichen und sozialen Krise oder Pandemie zu sein, können sie zu Orten der Hoffnung und Widerstandsfähigkeit werden. Vier Handlungsempfehlungen, wie das gelingen kann.

von Doug Saunders

Das Jahr 2020 wird durch zwei große Krisen bestimmt: einerseits die Covid-19-Pandemie und andererseits der eklatante Rassismus in den westlichen Gesellschaften, der nun deutlich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt ist. Beide Krisen konzentrieren sich regelmäßig auf bestimmte Stadtteile und ihre Auswirkungen machen sich auf kommunaler Ebene besonders bemerkbar. In vielen Fällen sind es dieselben Quartiere, die am stärksten sowohl von Covid-19 und als auch von Rassismus betroffen sind. Diese Tatsache sollte bei Politikern die Alarmglocken klingeln lassen, denn es geht um die Wundstellen und Ungleichheiten in diesen Nachbarschaften in europäischen und nordamerikanischen Städten.

Soziale Brennpunkte sind besonders stark von der Pandemie betroffen

Zu Beginn der Coronavirus-Pandemie im Februar und im März stieg die Zahl der Infizierten in den Zentren der Großstädte explosionsartig an, ausgelöst durch den internationalen Reiseverkehr. In vielen Ländern konzentrierte sich der Anstieg dann stark auf Viertel in der urbanen Peripherie, auf große Wohnsiedlungen und auf die zentrumsnäheren Vororte mit geringem Einkommen. Wenn man sich Stadtpläne mit statistischen Zahlen zu Corona-Infizierten anschaut, sind die Viertel mit den höchsten Infektionsraten auf dem Scheitelpunkt der Pandemie – im späten Frühjahr und Frühsommer 2020 – auch die Nachbarschaften, wo die meisten ethnischen oder religiösen Minderheiten, Einwanderer oder Flüchtlinge leben. Das gilt in vielen Städten der westlichen Welt wie Paris, München, Barcelona, Stockholm, New York, Toronto, Montreal oder Houston.

Dabei handelt es sich sehr oft auch um Stadtviertel mit niedrigem Einkommen. Wissenschaftler in Europa und Nordamerika haben im vergangenen Jahrzehnt mit immer genaueren Forschungsmethoden gezeigt, dass diese Viertel eine vergleichsweise geringe generationenübergreifende sozio-ökonomische Mobilität aufweisen. Mit anderen Worten: Kinder, die in diesen Nachbarschaften aufwachsen, haben signifikant geringere Chancen auf bessere Bildung und ein besseres Einkommen als ihre Eltern. Viele Experten sind der Meinung, dass sich sozio-ökonomische Mobilität und Ungleichheit in bestimmten geographischen Bereichen verstärkt konzentrieren.

Die Krisen des Jahres 2020 haben uns auf schmerzhafte Weise gelehrt, dass diese Nachbarschaften besonders anfällig für Probleme und von der „Mobilitätsfalle“ betroffen sind. Die großen wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitlichen Probleme, die wir oft als global oder national wahrnehmen, lassen sich oft besser verstehen, wenn wir sie als Probleme spezifischer Stadtteile begreifen. Und es kann gut sein, dass die effektivsten Lösungen auf der lokalen Ebene dieser Nachbarschaften ansetzen.

An der Robert Bosch Academy leitete ich kürzlich einen Online-Workshop, der internationale Experten unterschiedlicher Disziplinen zusammenbrachte, die sich mit den lokalen Dimensionen sozialer und wirtschaftlicher Probleme beschäftigen. Es waren Spezialisten für Wirtschaft, Geografie, Soziologie, Urbanistik und Quartiersmanagement dabei, die unterschiedliche Ansätze verfolgten und unterschiedliche Schlussfolgerungen zogen. Aber es herrschte ein breiter Konsens darüber, dass Ungleichheiten und Immobilitäten auf kommunaler Ebene von Regierungen und regionalen Verantwortlichen in Politik und Verwaltung vernachlässigt oder übersehen werden. Das gilt besonders dann, wenn die Probleme Gruppen von Einwanderern und Flüchtlingen, historisch marginalisierte Minderheiten und post-industrielle oder post-sozialistische Gesellschaften betreffen.

So fasste George Gabler, Professor für Urban Studies an der Wayne State University, das Problem treffend zusammen: „Die Herausforderungen, denen sich Einwanderergruppen, Flüchtlinge … nicht-weiße oder indigene Gruppen gegenübersehen, konzentrieren sich auf dieselben geographischen Orte. Weil diese Gruppen am stärksten von der Mehrheit abgesondert leben, sind sie überproportional in den untersten Einkommensschichten vertreten und verfügen über die geringste generationenübergreifende sozio-ökonomische Mobilität.“

Doch die meisten Teilnehmer glaubten auch, dass durch politische Maßnahmen etwas gegen die Schutzlosigkeit dieser Nachbarschaften getan werden kann, um Hürden für die Aufwärtsmobilität, die Inklusion und die Integration zu beseitigen. Diese politischen Initiativen würden nicht nur die prekären Wohnquartiere selbst betreffen, sondern auch die Lebensqualität der Familien und Communities verbessern, die sie prägen. Hier sind einige der wichtigsten Empfehlungen der Experten.

Empfehlung 1: Erkennt die neue Relevanz bestimmter Quartiere für die Ansiedlung und Integration von Einwanderern an!

Ein Faktor, der die Ungleichheiten auf lokaler Ebene und die Mobilitätshürden im 21. Jahrhundert verschärft hat, ist, dass sich Einwanderer in vielen Teilen Europas und Nordamerikas in Großsiedlungen an der Peripherie und in den zentrumsnahen Vorstädten ansiedeln. Im späten 20. Jahrhundert dagegen lebten Einwanderer eher in dichtbesiedelten Bezirken in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums. Doch in den vergangenen beiden Jahrzehnten hat sich das deutlich verändert. Einwanderer und Flüchtlinge sind in weniger besiedelte Stadtgebiete gezogen, die weiter vom Zentrum entfernt liegen. Begleitet wurde diese Entwicklung von verschiedenen Formen der Armut und der räumlichen Ballung von Ethnien. In vielen europäischen Städten wurde dies durch die staatliche Ansiedlungspolitik für Immigranten ausgelöst, was besonders während der migrationsbedingten Krise der Jahre 2015 und 2016 zu beobachten war. Diese Ansiedlungspolitik brachte Neuankömmlinge in unbeliebten, leicht verfügbaren Wohnungen in der städtischen Peripherie unter. In anderen Großstädten hat der Wohnungsmarkt migrantische Communities und Menschen mit niedrigem Einkommen in nähergelegene Vorstädte verdrängt, weil die Innenstädte unter wohlhabenden, besser gestellten Familien beliebter geworden sind. Großteils hatte das mit dem Erfolg früherer Einwanderergenerationen zu tun.

„Diese vormals typischen Nachbarschaften, in denen sich frühere Einwanderer niederließen, stehen nicht mehr zur Verfügung“, sagt Dr. Nihad El-Kayed, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität zu Berlin. „Heutzutage ziehen Menschen wahrscheinlich eher nicht in diese stark funktionalisierten, vielfältigen Innenstadtquartiere, sondern in die Außenbezirke. Und diese neuen Zielorte der Einwanderer sind häufig reine Wohngebiete mit Hochhäusern, die weder dichtbesiedelt noch funktional divers sind.“

Steigende Segregation und der Ressourcenmangel in diesen Nachbarschaften sowie die Schwierigkeit, bessere Wohnungen und Schulen zu finden, führt dazu, dass einige Bewohner sagen, sie fühlten sich „gefangen“. In Europa ist dieses Gefühl das Ergebnis eines unglücklichen Zusammenwirkens mehrerer Faktoren, die soziale Mobilität und räumliche Beweglichkeit verhindern: staatliche Sozialleistungen, öffentlicher Wohnungsbau und Einwanderungspolitik. Der Soziologe Dr. Matthias Bernt forscht am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung über große Wohnungsbauprojekte in Deutschland. Er hat herausgefunden, dass die ökonomische und ethnische Segregation in Bezirken mit großen Wohnanlagen im vergangenen Jahrzehnt stark zugenommen hat. Der Grund: Durch eine Reform der sozialen Wohnbeihilfen durch den Staat wird die Miete der Wohngeldempfänger direkt an private Wohnungsunternehmen gezahlt, die vormals gemeinnützige Wohnanlagen des sozialen Wohnungsbaus managen.

In Kombination mit der Ansiedlungspolitik der Bundesländer, die Migranten dazu zwingt, in einem Bezirk, in einer Stadt oder in einer Region zu bleiben, bedeutet dies, dass Flüchtlinge in den ihnen zugewiesenen Wohnungen „eingeschlossen“ sind. In diesen Wohnanlagen leben oft ausschließlich andere kürzlich angekommene Migranten oder Flüchtlinge. So haben diese Menschen nur wenige Möglichkeiten, sozio-ökonomische Fortschritte zu machen. Bernt schließt daraus: „Dieser politische Rahmen funktioniert als Segregations-Maschine, die nicht von der unsichtbaren Hand des Marktes, sondern vom Sozialstaat angetrieben wird.“

Empfehlung 2: Erleichtert Bewohnern physische Mobilität und den Umzug!

Das Leben spielt sich nicht innerhalb einer einzigen Nachbarschaft ab. Selbst arme und neu angekommene Bewohner beschränken sich nicht auf einen Stadtteil, sei es im täglichen Leben oder im Laufe ihres Familienlebens.

Erwachsene müssen täglich andere Stadtviertel aufsuchen: um zu arbeiten, einzukaufen, an Treffen oder religiösen Versammlungen teilzunehmen, in ihrem Sozialleben oder um Bildungsangebote wahrzunehmen. Wenn sie einen Laden oder ein Unternehmen betreiben, sind sie auf Menschen aus anderen Nachbarschaften als Kunden angewiesen. Oft schicken sie ihre Kinder auf Schulen in anderen Teilen der Stadt, um ihre Bildungschancen zu verbessern. Selbst wenn sie aus einem „schwierigen“ Viertel wegziehen, kehren sie wahrscheinlich immer wieder zurück, um einzukaufen, an Gottesdiensten teilzunehmen und ihr Sozialleben zu pflegen.

Die Menschen, die in den neuen Wohnsiedlungen für Migranten in den stadtnahen Vororten leben, sind häufig auf langsamere und stärker mit Pendlern besetzte öffentliche Verkehrsverbindungen angewiesen, um in andere Stadtteile zu gelangen, wenn es auch einige Ausnahmen gibt. Das erwies sich in den Monaten, in denen die Covid-19-Krise am schärfsten war, als gefährlich. Weil die Bewohner dieser Quartiere mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in sogenannten „systemrelevanten“ Berufen arbeiten, waren sie als Berufspendler gezwungen, über längere Zeit Kontakt zu anderen Menschen in geschlossenen Räumen zu haben.

Die Entscheidung, in ein anderes Viertel zu ziehen, ist also für viele Einwanderer und Einwohner mit niedrigem Einkommen von größter Bedeutung. Viele Wissenschaftler haben dieselbe Beobachtung gemacht: In einen anderen Teil der Stadt zu ziehen, um mit der gesamten Familie einen neuen, vielversprechenderen Platz zum Leben zu finden oder um für die Kinder eine bessere Schule in einem Mittelklasseviertel zu finden, ist eine Schlüsselstrategie für den sozialen Aufstieg.

Aber Stadtquartiere, in denen Einwanderer leben, bestehen heute meistens aus gleichförmigen Wohnhäusern, die von privaten Vermietern, öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften oder in einer Kombination von beidem angeboten werden. Nur selten sind in derselben Nachbarschaft bessere Häuser oder Wohnungen verfügbar, die soziale Mobilität am gleichen Ort ermöglichen. Die Angebotskrise auf dem Wohnungsmarkt in den vergangenen zehn Jahren hat die Miet- und Kaufpreise in den meisten Großstädten überall auf der Welt nach oben getrieben. Das hat dazu geführt, dass die alte Strategie von Einwanderern, für ein paar Jahre eine Wohnung in einer Nachbarschaft mit niedrigem Einkommen zu mieten und dann in ein besseres Viertel zu ziehen, nicht mehr so einfach umzusetzen ist. Aus den „paar Jahren“ können ein oder zwei Jahrzehnte werden.

Die Isolation und das Fehlen von Einkaufsmöglichkeiten, Geschäften oder anderen Dienstleistungen in diesen Vororten, die näher am Zentrum liegen, bedeutet auch, dass Neuankömmlinge weniger Kontakt zu Menschen haben, die ihnen helfen können. Die ihnen zum Beispiel Geld leihen, eine Arbeit geben oder ihnen die Sprache beibringen.

„Ich glaube, der große Unterschied von heute zu früher ist, dass es für neue Einwanderer viel schwieriger ist, Zugang zu typischen Nachbarschaften ihrer eigenen Ethnie oder Herkunft zu finden. Nachbarschaften mit einer ethnischen Ökonomie und ethnischen Netzwerken, wo Einwanderer zumindest am Anfang die wirklich wichtige Infrastruktur finden können, die ihnen bei der Selbstorganisation, beim Umgang mit Behörden und vielen anderen Dingen helfen kann“, sagt Dr. Christine Barwick, Soziologin am Berliner Centre Marc Bloch. In ihren Veröffentlichungen untersucht sie die Umzugs- und Bleibestrategien, die Migranten in europäischen Städten anwenden, um ihre Lage zu verbessern. „Der Zugang zu ethnischen Nachbarschaften ist jetzt viel stärker eingeschränkt.“

Einschränkungen der physischen Mobilität sind oft die Ursache für Einschränkungen der sozio-ökonomischen Mobilität. Das macht Nachbarschaften anfällig für Krisen. Es hat sich gezeigt, dass selbst kleine Maßnahmen, die die Geschwindigkeit und Sicherheit von Verkehrsverbindungen verbessern, positive Auswirkungen für ganze Bevölkerungsgruppen haben. Wohndiversifizierung kann den Weg für den Aufstieg in die Mittelklasse innerhalb einer Nachbarschaft freimachen – vor allem wenn Monopole von Wohnungsbau- und Vermietungsgesellschaften in einem Quartier aufgebrochen werden. Auch eine Wohnungspolitik, die es Familien mit niedrigem Einkommen und Einwandererfamilien leichter macht, in andere Stadtviertel zu ziehen – eine populäre Maßnahme in Nordamerika –, verbessern auf ähnliche, nachgewiesene Weise die Resultate.

Empfehlung 3: Investitionen in Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb von Nachbarschaften

In vielen Nachbarschaften, in denen fast ausschließlich Einwanderer leben, ist eine Tendenz zu beobachten: Die Chancen zum sozialen Aufstieg bleiben schlecht. Nicht nur für die, die im Viertel bleiben, sondern für die Nachbarschaft und ihre Institutionen als Ganzes. Es beginnt eine Abwärtsspirale von sich verschlechternden Lebensstandards und Lebensbedingungen. Das liegt daran, dass es einigen Bewohnern gelingt, wegzuziehen oder ihre Kinder auf Schulen mit besserem Ruf außerhalb des Viertels zu schicken. Dabei handelt es sich um die ehrgeizigeren, einflussreichen Einwandererfamilien und die toleranteren, ebenfalls aufstiegsaffinen Familien mit geringem Einkommen, die im jeweiligen Viertel geboren sind. Die Familien mit den geringsten Ressourcen und Fähigkeiten bleiben zurück. Die Schulen folgen dem gleichen Muster: Die besseren Lehrer lassen sich an bessere Schulen versetzen. Es bleiben uninspirierte Schulklassen, die weitere Familien davon abhalten zu bleiben und einen hohen Anteil an Schulabgängern ohne Abschluss aufweisen.

Eine Reihe von Großstädten, unter ihnen Amsterdam, Berlin und London, haben Erfolg damit gehabt, viel Geld in sogenannte Schwerpunktschulen in sozial benachteiligten Stadtquartieren mit vielen Einwanderern zu investieren. Diese Schulen sollen Schülerinnen und Schüler aus wohlhabenderen Vierteln anziehen und Kinder aus der eigenen Nachbarschaft ermutigen, in der Schule zu bleiben. Ebenso haben viele Städte mit Erfolg höherpreisige Wohnungen für Angehörige der unteren Mittelklasse in ökonomisch schwächeren Wohnlagen gebaut. Das kann in diesen Nachbarschaften den Weg zum sozialen Aufstieg bereiten und die Bevölkerungsdichte auf ein ansprechenderes Niveau bringen.

Dennoch warnen einige Experten, dass Neubauten und neue Institutionen alleine nicht notwendigerweise die Lage der Bewohner verbessern. Carl Mossfeldt, ein Stratege für Stadtentwicklung mit Sitz in Stockholm, hat beobachtet, dass Investitionen in Wohnungen und Institutionen wie zum Beispiel Schulen nur dann wirkliche Veränderungen bringen, wenn sie strukturell geschehen und sich direkt auf Nachbarschaften konzentrieren. Gleichzeitig müssen Regierungs- oder Verwaltungsinstitutionen auf mehreren Ebenen involviert sein. Die Maßnahmen müssen außerdem von Programmen begleitet sein, die sich auf die lokalen Communities konzentrieren und die den Bewohnern eine größere Kontrolle über die Veränderungen in ihrer Nachbarschaft erlauben.

Der Kern der Probleme liegt laut den Experten nicht nur bei den Schulen oder den Wohnungen, sondern in fehlenden Investitionen in diesen Nachbarschaften auf allen Ebenen. Die Quartiere mit geringer sozialer Mobilität leiden oft sichtbar an fehlenden sozialen und kulturellen Einrichtungen und einer fehlenden sichtbaren Präsenz staatlicher Institutionen. Eine Ausnahme ist nur die Polizei.

Scott Allard, Professor für Sozialpolitik an der University of Washington und Autor des Buches Places in Need: The Changing Geography of Poverty, hat herausgefunden, dass die Pro-Kopf-Ausgaben für soziale und gesundheitliche Dienste in den Vereinigten Staaten – das schließt Ressourcen ein, die zur Bekämpfung von Krankheiten, Arbeitslosigkeit und Armut sowie für die Integration ausgegeben wurden – in Innenstadtbereichen fast sieben Mal höher sind als in den Vororten. Diese Diskrepanz mag in Europa nicht so hoch sein, aber sie ist in den Nachbarschaften der städtischen Peripherie eindeutig beobachtbar und messbar.

„An Orten mit höheren Armutsraten ist der Zugang zu und die Versorgung mit diesen Diensten schlechter“, sagt Allard. „Und deshalb fällt es schwer, über soziale Mobilität zu reden, ohne über ethnischer und Klassensegregation zu sprechen.“

Empfehlung 4: Gebt der nächsten Generation eine bessere Chance!

Was bestimme Nachbarschaften schutzlos macht und Ungleichheiten hervorruft, ist die grundlegende Tatsache, dass es Kindern nicht möglich ist, eine bessere Bildung, ein höheres Einkommen und eine höhere Lebensqualität zu erreichen als ihre Eltern. Experten sind unterschiedlicher Ansicht darüber, ob das an der Stadtplanung und der Isolation, den mangelhaften staatlichen Institutionen, den fehlenden wirtschaftlichen Möglichkeiten oder einfach an Rassismus und Marginalisierung liegt. Aber sie sind sich alle einig, dass jede Maßnahme, die auf die Verbesserung der Situation in diesen Stadtquartieren abzielt, mit positiven Möglichkeiten für die nächste Generation beginnen muss – und das, wenn die Kinder und Jugendlichen möglichst jung sind.

„Es fehlt an Fantasie in diesen Communities. Von klein auf an lernen diese Kinder, was alles nicht möglich ist“, sagt Jay Pitter, eine Beraterin für Stadtentwicklung und Städtebau und Senior Fellow am Canadian Urban Institute, die selbst in einer Wohnung in der Peripherie von Toronto aufwuchs. In dieser Gegend waren die Covid-19-Fälle und die Segregation am höchsten. „Das wird auch an besonderen Angeboten für den Freizeitbereich deutlich: So gibt es zum Beispiel ein Basketballfeld, aber kein Schwimmbad und keine Bücherei. Es gibt vielleicht Läden, in denen man einen Scheck einlösen kann, oder einen Schnapsladen. Das ist wie eine Botschaft an die Kinder: Das hier ist in eurem Viertel für euch möglich – und das nicht.“

Frühkindliche Bildungsprogramme und Zugang zu Kindertagesstätten und Bildungsangeboten außerhalb der Arbeitszeit haben bereits deutlich positive Auswirkungen auf Angehörige der zweiten Einwanderergeneration gezeigt. Der Wirtschaftswissenschaftler Miles Corak, Professor an der City University New York, benannte innovative Programme zur Unterstützung der Bildung von Kindern von der frühen Kindheit bis ins späte Teenager-Alter: Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, Mentorenprogramme und Unterstützung beim Übertritt in eine weiterführende Schulform.

Marc Parés, beurlaubter Professor für Geographie an der Autonomen Universität Barcelona und zurzeit Mitglied des katalanischen Parlaments, sagte: „Die Höhe der öffentlichen Investitionen in Stadtquartieren macht einen Unterschied, was wirtschaftliche Sicherheit und Lebensqualität angeht. … Wo Regierungen in den vergangenen Jahrzehnten in Dinge wie frühkindliche Bildung und Schulen investiert haben, haben sich die Menschen stärker selbst organisiert, um mit einer schwierigen Situation fertigzuwerden.“

Wie wir in diesem Jahr auf die harte Tour gelernt haben, sind es diese Nachbarschaften wert, dass in sie Zeit und Ressourcen investiert werden. So können sie sich von Hotspots der nächsten Wirtschaftskrisen und Pandemien zu Orten der Hoffnung und Widerstandsfähigkeit entwickeln, in denen eine neue Generation heranwächst, die im Kampf gegen Probleme die Führung übernimmt.


Doug Saunders ist Fellow der Robert Bosch Academy und erforscht auf der Nachbarschaftsebene die Wurzeln sozialer und ökonomischer Probleme. Er ist Autor mehrerer Bücher über Städte und Migration, unter anderem Arrival City, und schreibt über International Affairs für die kanadische Tageszeitung The Globe and Mail.

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