Eine Frage. Dreißig Jahre. 130 Länder.

April 2026

Unni Karunakara plante nie eine Karriere, er folgte einer Überzeugung. 
Sie führte ihn von Kerala bis zur Präsidentschaft von Ärzte ohne Grenzen (MSF) – und jetzt nach Berlin.

„Ich habe nie meinen Lebenslauf geplant “, sagt Unni Karunakara, wenn er auf seine Laufbahn zurückblickt – und lacht. Der 62-jährige ehemalige Präsident von Médecins Sans Frontières (MSF) beschreibt seine Zwanziger als „ruderlos“: Nach dem Medizinstudium arbeitete er für ein Pharmaunternehmen, handelte mit Aktien, brach eine Radiologieausbildung ab und jobbte als Roadie für eine Rockband.

Was er schließlich fand, war keine Karriere, sondern eine Frage: Wer bekommt Gesundheitsversorgung, wer nicht – und warum? Sie hat ihn durch 130 Länder und dreißig Jahre Public-Health-Arbeit begleitet – von der Ogaden-Wüste in Äthiopien über Genf und die Korridore der Vereinten Nationen bis zurück nach Indien.

Jetzt hat sie ihn nach Berlin geführt. Als Richard-von-Weizsäcker-Fellow nimmt er Deutschlands Rolle in der globalen Gesundheitspolitik unter die Lupe – und stellt eine unbequeme Frage: Wie trifft ein Land, das von globaler Solidarität spricht, Entscheidungen, wenn diese Solidarität etwas kostet? 

In der Medizin geht es um Krankheit, nicht Gesundheit.

Lange bevor Karunakara seine Mission fand, schien die Mission ihn bereits zu suchen. Als junger Medizinstudent in Manipal hörte er im BBC World Service von französischen MSF-Ärzten, die 1984/85 im vom Hunger verwüsteten Äthiopien arbeiteten. „Ich war tief beeindruckt – unerschrockene Ärzte, die dorthin gingen, wo Hilfe am dringendsten gebraucht wurde. Ich schrieb MSF einen Brief und bot mich als Freiwilliger an. Ich habe nie eine Antwort erhalten.“

Es sollten noch weitere zehn Jahre vergehen, bis er den Weg zu MSF fand. Zunächst prägten ihn seine südafrikanischen Freunde an der Medizinhochschule – die in Indien studierten, weil die Apartheid ihnen zu Hause keinen Platz ließ. „Das zündete bei mir die Idee, dass es viele Wege gibt, Medizin zu praktizieren und Gesundheit zu denken.“ 

Eine Zufallsbegegnung mit einem britischen Arzt während seiner Radiologieausbildung gab ihm das fehlende Vokabular: „Bei mir fiel der Groschen: Medizin ist nicht Gesundheit. Gesundheit ist viel mehr. Gesundheit und Wohlbefinden haben vor allem mit sozio-politischen und wirtschaftlichen Bedingungen zu tun.“

Mit 32 bewarb sich Karunakara an der Harvard University für einen Master in Public Health. Er hielt es einen Tag aus – „Neun von zehn Studierenden waren Ärzt:innen; das fühlte sich einfach nicht richtig an“ – und wechselte nach Yale, wo Jurist:innen, Ingenieur:innen und Literaturwissenschaftler:innen gemeinsam mit Mediziner:innen über Gesundheit diskutierten. „Es war die perfekte Brücke zwischen Natur- und Sozialwissenschaften.“

„Macht wird immer genommen, nie gegeben.” 

Erneut spielte der Zufall eine Rolle, als Karunakara für sein Public-Health-Praktikum Südafrika wählte. Es war 1994, Nelson Mandela war gerade Präsident geworden. Das Ende der Apartheid mit eigenen Augen zu erleben gab ihm „ein gewisses Verständnis von Macht“, sagt er: „Macht ist da – bis sie es eines Tages nicht mehr ist. Macht wird immer genommen, nie gegeben.“

Auf dem Rückweg nach New York legte er einen Zwischenstopp am Flughafen Brüssel ein. „Ich fing zufällig an, mit diesem Typen zu reden.“ Der Typ arbeitete bei MSF, und das Gespräch führte letztlich zu einem Job-Angebot. Karunakara hatte noch ein Jahr Studium vor sich, Studienschulden abzuzahlen und eigentlich den Plan, Akademiker zu werden. Er nahm das Angebot trotzdem an.

Er reichte seine Yale-Abschlussarbeit frühzeitig ein und trat MSF bei – noch vor der Graduierungsfeier. Sein erster Einsatz: Ein Tuberkulose-Kontrollprogramm in Äthiopien aufbauen. Zwei Monate später traf per Cessna am Jijiga-Flugstreifen ein Paket mit den Fotos seiner Abschlussfeier ein: Seine Kommiliton:innen hatten ein Foto von ihm auf Lebensgröße vergrößert, es in Talar und Barett gehüllt und zur Feier mitgenommen. „Es gab sogar ein Foto, wie ich mein Diplom von Prof. Levin überreicht bekomme!“ 

„Gesundheit ist Politik im Großen.“

Äthiopien führte zu Aserbaidschan, Brasilien, dem Kongo, Bangladesch – jeder Einsatz eine Variation desselben Lernprozesses. Im Kongo wurden Schlafkranke seinerzeit mit einem giftigen, arsenhaltigen Präparat behandelt: Das sicherere Mittel war wegen fehlender Profitabilität vom Markt genommen und als Haarentfernungscreme für den westlichen Markt neu vermarktet worden, erzählt Karunakara mit mehr als einer Spur von Wut.

„Ich will, dass Menschen überall so behandelt werden, wie ich behandelt werden will“, sagt er und beruft sich auf Rudolf Virchow, einen der Gründungsväter der Sozialmedizin: „Gesundheit ist nichts anderes als Politik im Großen. Dementsprechend geht es darum, den Status quo herauszufordern. Wir müssen Aktivist:innen sein und gegen die wirtschaftlichen und politischen Interessen angehen, die der Gesundheit von Menschen schaden.“

Karunakara arbeitete über zwei Jahrzehnte für MSF. 2010 wurde er schließlich zum Internationalen Präsidenten gewählt. Der tägliche Kampf gegen politisches Versagen und strukturelle Ungleichheit weltweit zehrt, sagt er. „Aber Pessimismus ist ein Luxus. Handeln ist entscheidend. Zu Hause sitzen ist keine Option.“

Ich will, dass Menschen überall so behandelt werden, wie ich behandelt werden will.

„Geh hin, hör zu und versteh.“ 

Nach seiner MSF-Präsidentschaft kehrte Karunakara nach Indien zurück, stieg auf ein Fahrrad und radelte 6.000 Kilometer von Srinagar nach Kerala – quer durch ein Land, dem er fast 20 Jahre lang fern geblieben war. „Das Fahrrad war eine sehr demokratische Art zu sehen, wie sich Indien verändert hatte. Wenn man radelt, kann man anhalten und mit Menschen reden. Man rauscht nicht auf einer Autobahn vorbei.“

Es ist eine Haltung, die sich durch alles zieht, was er tut. Für Public Health, die von oben kommt, hat er wenig übrig. „Wandel – und vor allem Entwicklung – lässt sich nicht von außen aufzwingen“, sagt er. „Er braucht lokale Strategien, getragen und umgesetzt von Gemeinschaften vor Ort und ihren Regierungen. Wer im Gesundheitsbereich arbeitet, muss beobachten, zuhören, nachdenken und befähigen.“

Angesichts der politischen Entwicklungen von heute sei der Kampf gegen Ungleichheit drängender denn je, fügt er hinzu. „Das Prinzip der Humanität – die absolute Überzeugung, dass alle Menschen ein Leben in Würde und Respekt verdienen: Darüber haben wir früher nie gesprochen. Heute spreche ich überall darüber, weil es keine Selbstverständlichkeit mehr ist.“

Deutschland: wertegeleitete Führungsmacht in der globalen Gesundheit? 

Dreißig Jahre nachdem sein erster Brief an MSF unbeantwortet blieb, ist Karunakara als Richard-von-Weizsäcker-Fellow in Berlin. Die Frage, die ihn durch 130 Länder begleitet hat, hat sich nicht verändert.

Während seiner Fellowship plant er Gespräche mit Politiker:innen, zivilgesellschaftlichen Akteur:innen und Aktivist:innen aus dem gesamten politischen Spektrum. In einer Welt, in der sich die USA aus dem Multilateralismus zurückziehen und der Einparteienstaat China am anderen Ende des geopolitischen Spektrums steht, hat Deutschland sich als wertegeleitete Führungsmacht in der globalen Gesundheitspolitik positioniert, erklärt er.

Wie will es diesem Anspruch gerecht werden? Karunakara ist in Berlin, um sich mit dieser Frage zu befassen. Deutschland bemühe sich, globale Gesundheitsdebatten über den jährlichen World Health Summit in Berlin zu bündeln: Schließt dieses Forum wirklich globale Stimmen ein – oder werden Prioritäten von der Mitte nach außen gesetzt? Und wie hält Deutschland an seinen erklärten Prinzipien von Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit fest, wenn diese Prinzipien Geld kosten? „Deutschland sagt, es stelle mehr Geld zur Verfügung. Aber die Zahlen belegen das nicht.“

Die Grundsatzfrage – wer kontrolliert was, zu wessen Bedingungen, und wer geht leer aus – ist dieselbe, bei der Karunakara immer wieder landet. Ob er das so geplant hat oder nicht.

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