Asien und Pazifik
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Unni Karunakara wuchs in Kerala, Indien, auf – in einer Gesellschaft, die Gesundheitsversorgung zwar als Grundrecht versteht, in der Kaste, Klasse und Religion aber immer noch prägen, wer Zugang hat und wer nicht. Als Medizinstudent in den 1980er Jahren hörte er im BBC World Service erstmals von „französischen Ärzten“, die im durch Hunger verwüsteten Äthiopien arbeiteten. Die Vorstellung, dass Medizin mehr sein könnte als klinische Routine, ließ ihn nicht los – auch wenn es noch ein Jahrzehnt dauern sollte, bis sie sein Leben bestimmte.
Nach Medizinstudium und dem Beginn einer Radiologieausbildung fand er den Weg zum Thema Public Health – und zur für ihn von nun an zentralen Einsicht: Medizin behandelt Krankheit, aber Gesundheit befasst sich mit Wohlergehen – und wird maßgeblich von Politik, Wirtschaft und Machtverhältnissen bestimmt. Einen weiteren Anstoß gab ein Praktikum in Südafrika 1994, kurz nach dem Ende der Apartheid. Er begegnete Ärzt:innen, für die Gerechtigkeit und Heilkunde untrennbar waren. Eine Zufallsbegegnung am Flughafen Brüssel brachte ihn zu Médecins Sans Frontières (MSF). Sein erster Einsatz: der Aufbau eines Tuberkuloseprogramms in der Ogaden-Wüste in Äthiopien.
Was er dort erlebte – und später in Aserbaidschan, im Kongo, in Haiti, Somalia und Dutzenden weiterer Krisenregionen – bestätigte für ihn, dass globale Gesundheitsgerechtigkeit ohne Strukturwandel und Machtverschiebungen nur ein Versprechen bleibt. Als Internationaler Präsident von MSF (2010–2013) führte er eine der angesehensten humanitären Organisationen der Welt durch einige ihrer prägendsten Entwicklungen. Heute ist er Senior Fellow und Dozent an der Yale University und der United Nations University – und stellt weiter die Frage, die ihn sein ganzes Berufsleben lang beschäftigt hat: Wie entscheiden politische und wirtschaftliche Strukturen über die Gesundheit von Menschen – und wie lassen sie sich verändern, damit sie mehr auf echter Humanität und Solidarität beruhen statt auf den Interessen Weniger?
Während seiner Richard-von-Weizsäcker-Fellowship nimmt Unni Karunakara Deutschlands wachsende Rolle in der globalen Gesundheitspolitik unter die Lupe: seine Versprechen, seine Widersprüche und die Frage, wie weit sie von echtem Willen nach Solidarität geleitet ist.
Richard von Weizsäcker Fellowship 2026
Deutschlands Engagement in der globalen Gesundheit: Solidarität oder Rhetorik?
Als Richard-von-Weizsäcker-Fellow untersucht Unni Karunakara, wie Deutschland die Prinzipien Solidarität, Gerechtigkeit und Chancengleichheit in der globalen Gesundheit versteht und inwieweit es ihnen gerecht wird. Nachdem sich die USA aus zentralen Institutionen der globalen Gesundheitspolitik, darunter die Weltgesundheitsorganisation, zurückgezogen haben, hat Deutschland den Anspruch formuliert, in dieses Vakuum zu treten. Doch was diese Führungsrolle in der Praxis bedeutet, bleibt eine offene Frage, so Karunakara.
Gesundheit neu denken: Geleitet von Gerechtigkeit und Chancengleichheit
Deutschlands Bestreben, globale Gesundheitsdebatten beim jährlichen Weltgesundheitsgipfel in Berlin zu verankern, sowie sein Engagement für einen Pandemievertrag und eine nachhaltige WHO-Finanzierung machen den Anspruch Berlins deutlich, in globalen Gesundheitsthemen eine wertegeleitete Führungsrolle einzunehmen.
Gleichzeitig führte Deutschland während der COVID-19-Pandemie die Riege der Länder an, die die nahezu weltweit geforderte, zeitweilige Aussetzung von Patentrechten auf COVID-19-Medikamente und -Impfstoffe blockierte. Dieser sogenannte „TRIPS Waiver“ hätte ärmeren Ländern ermöglicht, die Medikamente für den eigenen Bedarf selbst zu produzieren.
Für Karunakara sind dies keine nebensächlichen Widersprüche, sondern zentrale Punkte: Was bedeutet „Solidarität“ wirklich? Die TRIPS-Debatte hat protektionistische Reflexe im Herzen der liberalen Marktwirtschaft sichtbar gemacht und wirft eine zentrale Frage auf, sagt er: Enden die Solidaritätsprinzipien, die Deutschlands eigenes Gesundheitssystem tragen, an den Landesgrenzen? Überlässt Berlin die globale Gesundheit im Ausland dem Markt, öffentlich-privaten Partnerschaften und freiwilligen Beiträgen?
Macht verschieben: Hin zu den Betroffenen
Karunakara will Impulse zu echten Machtverschiebungen in der globalen Gesundheit vorantreiben: Er plädiert dafür, Entscheidungsprozesse, Ressourcen und Wissensprozesse weg von wohlhabenden Institutionen, hin zu den am stärksten betroffenen Gemeinschaften zu verlagern. Wie Deutschland diesen Wandel versteht und in die Praxis übersetzt, entscheide über das Leben der Menschen, die davon abhängig sind.
Seine zentralen Fragen:
- Steht hinter Deutschlands wachsender Rolle ein echtes Umdenken – oder werden alte Muster in neuer Sprache reproduziert?
- Und wie lassen sich globale Gesundheitsversprechen einlösen, während Entwicklungshilfe schrumpft, Entscheidungen von zwischenstaatlichen Gremien auf Multi-Stakeholder-Plattformen wandern und die Bundesregierung globale Gesundheit zunehmend als Sicherheits- und Wirtschaftsthema rahmt?
Um das herauszufinden, plant er Gespräche mit Abgeordneten, politischen Entscheidungsträger:innen, Forschenden und zivilgesellschaftlichen Akteur:innen aus dem gesamten politischen Spektrum.