Richard von Weizsäcker Forum 2021

Im Rahmen des Richard von Weizsäcker Forums vom 11. bis 14. Oktober 2021 kamen ehemalige, aktuelle und künftige Fellows der Robert Bosch Academy für eine Studienreise in die Saar-Lor-Lux-Region und Berlin zusammen. Sie haben sich hier mit Deutschland im Superwahljahr und der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in Europa beschäftigt.

Richard von Weizsäcker Forum 2021 Titelbild

Vom 11. bis 14. Oktober kamen rund 35 ehemalige, aktuelle und zukünftige Fellows der Robert Bosch Academy zum diesjährigen Richard von Weizsäcker Forum zusammen. Auf der dreitägigen Studienreise in die Saar-Lor-Lux-Region im Grenzgebiet von Deutschland (Saarland), Frankreich (Lorraine) und Luxemburg tauschten sich die Fellows mit vielfältigen Gesprächspartner:innen aus. Sie erhielten hierbei eine grenzüberschreitende Perspektive auf kulturelle Identitäten und den Einfluss der Europäischen Union auf das tägliche Leben der Menschen vor Ort sowie die regionalen Spannungen. Am vierten Tag des Forums wurden die Fellows in Berlin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie dem Dirigenten Daniel Barenboim empfangen.

Die Saar-Lor-Lux-Region: ein Labor für grenzüberschreitende Zusammenarbeit

Die Saar-Lor-Lux-Region ist geprägt von einer gemeinsamen europäischen Geschichte, mehrsprachiger Kultur sowie grenzüberschreitenden Begegnungen im Alltag. Hier trafen auch die ehemaligen, aktuellen und künftigen Fellows der Robert Bosch Academy am 11. Oktober aus aller Welt zusammen und eröffneten das Richard von Weizsäcker Forum 2021.

Einen Einblick in die wirtschaftliche Situation der Region erhielten die Fellows am Morgen des 12. Oktober im Austausch mit Thomas Schuck, dem Geschäftsführer der saarländischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft SHS Strukturholding Saar GmbH. Im Fokus der Diskussion stand die Frage, wie die erfolgreiche Transformation einer klassisch industriell geprägten Region hin zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung gelingen kann und wie global agierende Unternehmen die regionale Wirtschaft prägen und gestalten.

RvW Forum 2021 Thomas Schuck rund

Thomas Schuck: „Die Vergangenheit lehrt uns, dass wir keine Angst vor Veränderungen zu haben brauchen. Denn Wandel und Veränderung sind unvermeidbar. Daher ist es umso wichtiger, die vorhandenen Strukturen und Industrien entsprechend anzupassen. Der Schlüssel zum Erfolg sind qualifizierte Menschen und ihre Fähigkeit und Bereitschaft, sich zu verändern und in der Region zu bleiben.“

Im Anschluss traf die Gruppe Martin Grasmück, den Intendanten des Saarländischen Rundfunks, zum gemeinsamen Mittagessen und tauschten sich über die Rolle und Herausforderungen regionaler Medien und grenzübergreifender Öffentlichkeiten.

RvW Forum 2021 Martin Grasmück rund grau

Martin Grasmück: „Wir befinden uns in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Wir müssen dafür sorgen, dass wir mit Fernsehen, Radio und neuen digitalen Formaten ein breites und vielfältigen Publikum erreichen und eine smarte Produktion vorantreiben. Und es ist wichtig, die Medienkompetenzen junger Menschen heute und in Zukunft zu stärken.“

Dass Grenzen Menschen nicht davon abhalten, sich zu begegnen, wird besonders im Bereich der Kunst und Kultur deutlich. Im Austausch mit Sylvie Hamard, der künstlerischen Leiterin des bilingualen deutsch-französischen PERSPECTIVES Festivals für Bühnenkunst, gingen die Fellows der Frage nach, wie Kunst und Kultur zu einer grenzüberschreitenden Identität in der Saar-Lor-Lux-Region beitragen kann.

RvW Forum 2021 Sylvie Hamard rund grau

Sylvie Hamard: „Die Aufgabe der Kultur besteht darin, die Menschen zu vereinen und Grenzen zu überwinden, die sich vor allem in den Köpfen befinden. Die Kunst kann die Denkweise der Menschen wirklich verändern. Künstler:innen bieten neue Perspektiven auf die Gesellschaft. Ich bin von der Notwendigkeit und dem Einfluss der Kunst auf unser Leben überzeugt.“

Ein Europa ohne innere Grenzen

„Schengen“ ist seit 1990 ein Synonym für ein Europa ohne Grenzkontrollen. Und damit ein Katalysator der europäischen Integration. In dem kleinen luxemburgischen Ort besuchten die Fellows das Europäisches Museum Schengen und tauschten sich im Anschluss an eine Tour mit der Museumsdirektorin Martina Kneip zu der Frage aus, wie wichtig das Schengener Abkommen auch 30 Jahre nach seiner Ratifizierung noch ist.

RvW Forum 2021 Martina Kneip rund grau


Martina Kneip: „Wenn die Menschen hierherkommen, wird ihnen oft erst bewusst, welchen Eckpfeiler das Schengener Abkommen hinsichtlich der Freizügigkeit darstellt. Hier beginnen die Besucher:innen, den Wert der grenzüberschreitenden Freizügigkeit zu erkennen.“

Die Zeit über das Abendessen nutzten die Fellows, um einerseits die Erfahrungen des Tages zu reflektieren, und sich andererseits über ihre aktuellen Projekte auszutauschen.

Der nächste Tag der Studienreise begann mit einer Tour durch die französische Ortschaft Rodemack, die über die Jahrhunderte hinweg Zeugin der konfliktreichen Geschichte der Grenzregion geworden ist.

RvW Forum 2021 Gruppenbild Fellows

Anschließend ging es in Richtung Luxemburg Stadt zu einem gemeinsamen Mittagessen mit Jean-Louis Thill, Direktor für Europa und internationale Wirtschaftsbeziehungen im luxemburgischen Außen- und Europaministerium. Mit ihm sprachen die Fellows über die Zukunft der europäischen Integration.

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Jean-Louis Thill: „Wir haben in unserer Region jahrzehntelang daran gearbeitet, Grenzen unsichtbar zu machen. Die Schließung der Grenzen während der Covid-Pandemie hat die Verwundbarkeit der grenzüberschreitenden Gemeinschaften deutlich gemacht und das Vertrauen der Menschen in offene Grenzen erschüttert.“

Um ein besonders intensiv diskutiertes Thema ging es auf der letzten Station der Studienreise: Rechtsstaatlichkeit in der Europäischen Union. Wie kann die EU rechtsstaatliche Standards innerhalb ihrer Grenzen stärken und angemessen darauf reagieren, dass einzelne Mitgliedsstaaten die unabhängige Justiz in ihren Ländern systematisch zu schwächen scheinen? Diese und weitere Fragen prägten den Austausch der Fellows mit Juliane Kokott, eine von elf Generalanwält:innen am Gerichtshof der Europäischen Union.

RvW Forum 2021 Juliane Kokott rund grau


Juliane Kokott: „Die jüngsten Entwicklungen in einigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union stellen für den Gerichtshof der EU ein wichtiges Arbeitsfeld dar. Die EU muss sich die Frage stellen, welche Art von Union sie in Zukunft sein will. Die Idee einer immer engeren Werteunion wird heute in Frage gestellt und es muss eine Antwort gefunden werden.“

Ein Kammerkonzert zur Krönung der intellektuellen Denkanstöße

Am Morgen des vierten und letzten Tages des diesjährigen Richard von Weizsäcker Forums wurden die Fellows von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue empfangen. Im Gespräch ging es u.a. um die Eindrücke der Fellows aus der Studienreise, die Auswirkungen der Bundestagswahlen 2021 und die Rolle Deutschlands in der sich wandelnden internationalen Ordnung.

RvW Forum 2021 Frank-Walter Steinmeier rund grau


Frank-Walter Steinmeier: „Deutschland bleibt ein Land, das sich seiner internationalen Verantwortung bewusst ist und sie wahrnimmt. Die Bewältigung der großen Aufgaben, vor denen die Menschheit steht, wird viel, viel mehr Zusammenarbeit innerhalb der internationalen Gemeinschaft erfordern.“

Die Frage, was von Deutschland auf der Weltbühne zu erwarten sei, stand auch im Zentrum der anschließenden Diskussion. In einer internen Runde reflektierten die Fellows über die internationalen Erwartungen an die nächste Bundesregierung und die Herausforderungen, die auf den Nachfolger von Bundeskanzlerin Angela Merkel warten. Die Diskussion begann mit Impulsen von Soli Özel, Professor für internationale Beziehungen an der Kadir Has-Universität in Istanbul, Sylvie Kauffmann, Redaktionsleiterin bei Le Monde, und Walter Russell Mead, Kolumnist bei The Wall Street Journal, wurde von der SPIEGEL-Journalistin Christiane Hoffmann moderiert.

RvW Forum 2021 Soli Özel rund grau


Soli Özel: „Das Thema Außenpolitik wurde in den Fernsehdebatten vor der Bundestagswahl kaum diskutiert. Daher sollten wir skeptisch sein, ob Deutschland den Willen und den Mut haben wird, mehr Risiko und Verantwortung zu übernehmen, um die EU zu einem starken geopolitischen Akteur zu machen.“

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Sylvie Kauffmann: „Deutschland verhält sich so, als ob wir den Luxus der Zeit hätten. Haben wir aber nicht. Es gibt weltweit so viel zu tun. Und wir müssen sofort beginnen, um das Beste aus der deutschen G7-Präsidentschaft und der französischen EU-Präsidentschaft im Jahr 2022 zu machen.“

RvW Forum 2021 Walter Russel Mead rund grau


Walter Russel Mead: „Irgendwann werden ein sehr zufriedenes Deutschland, das Kontinuität will, und eine sehr unzufriedene internationale Gemeinschaft, die mit Kontinuität nicht leben kann, aneinandergeraten.“

Den Abschluss des diesjährigen Forums bildete ein Austausch mit dem Dirigenten und Pianisten, Maestro Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin und Gründer der Barenboim-Said Akademie. Dieser sprach über das Potenzial von Kunst und Musik, Menschen über Nationen und Grenzen hinweg zu verbinden. Auf die intellektuellen Denkanstöße folgte ein Kammerkonzert mit Musikern der Barenboim-Said Akademie.

RvW Forum 2021 Daniel Barenboim rund grau


Daniel Barenboim: „Im West-Eastern Divan Orchestra herrscht - wie in jedem anderen Orchester auch - Gleichheit. Jeder hat die gleichen Rechte und Pflichten. Es reicht nicht aus, über Menschenrechte zu reden. Sie sind wichtig. Aber wir haben auch eine menschliche Verantwortung.“

Abgerundet wurde der letzte Tag des Richard von Weizsäcker Forums 2021 mit einem gemeinsamen Abschiedsessen im Atrium des Berliner Standorts der Robert Bosch Stiftung in der Französischen Straße 32. In seinen abschließenden Worten beschrieb Henry Alt-Haaker, Leiter des Bereichs Strategische Partnerschaften und Robert Bosch Academy der Robert Bosch Stiftung, die wichtigsten Erkenntnisse der Studienreise: „Wir haben auf dieser Reise die Lebensrealität von Bürgerinnen und Bürgern in Grenzregionen von vormaligen ‚Erzfeinden‘ in einem vereinten und friedlichen Europa kennen gelernt. Hierbei konnten wir sowohl erkennen, wie die Vision einer grenzenlosen EU die Menschen begeistert, als auch die kleinen und großen administrativen und politischen Herausforderungen kennen lernen, mit denen sich die Menschen im Alltag beschäftigen. Eine Welt der internationalen Kooperation, in der über unterschiedliche Meinungen und Perspektiven diskutiert wird, ohne dass sie Nachbarn trennen, ist eine Vision, mit der sich die Robert Bosch Academy sehr gut identifizieren kann.

Das Richard von Weizsäcker Forum ist die wichtigste Veranstaltung der Robert Bosch Academy und bringt jährlich ehemalige, aktuelle und zukünftige Fellows zusammen. Es wurde zu Ehren von Richard von Weizsäcker eingerichtet, des ehemaligen Bundespräsidenten und langjährigen Mitglieds des Kuratoriums der Robert Bosch Stiftung.

María Fernanda Espinosa und Kumi Naidoo berichten über ihre Eindrücke aus der Studienreise

Bilder: Robert Bosch Academy / David Ausserhofer