Vorgestellt: Kumi Naidoo

Kumi Naidoo ist ein Menschenrechts- und Umweltaktivist aus Südafrika. Er war von 2009 bis 2016 Direktor von Greenpeace International und von 2018 bis 2020 Generalsekretär von Amnesty International.

Kumi Naidoo

Woran werden Sie als Fellow an der Robert Bosch Academy arbeiten?

Ich werde mich auf die Fragen konzentrieren, warum politischer Aktivismus daran scheitert, notwendige Veränderungen zu erreichen und warum der Fortschritt nur so langsam in Gang kommt und nicht mit der drängenden wissenschaftlichen Realität Schritt hält. Ich möchte herausfinden, was wir zukünftig ändern müssen, damit Aktivismus erfolgreicher ist. Um es kurz zu sagen: Ich möchte neue, mutige Denkweisen für einen Aktivismus finden, der den Rahmen bisher gewohnter NGO-Arbeit aufbricht und Formen des politischen Engagements entwickelt, die wie Graswurzel-Bewegungen aus den Communities selbst kommen und eher dezentral organisiert sind. Um mögliche Veränderungen und neue Herangehensweise zu erforschen, plane ich, die Community der Richard von Weizsäcker Fellows in Diskussionen über globale Lösungen einzubeziehen. Ich werde vier virtuelle Fokusgruppengespräche mit den Fellows initiieren, um Meinungen und Ideen zu diesen Fragen zu sammeln. Die Ergebnisse werde ich in zwei Seminaren mit Aktivisten und anderen Praktikern zu Diskussion stellen.

Darüber hinaus möchte ich Zeit investieren, um mich mit „Artivism“ zu beschäftigen: Welches Potenzial hat diese kreative Verbindung von Kunst und Aktivismus, um Mängel in der Kommunikation zwischen Aktivisten zu beheben? Ich will die Möglichkeiten erforschen, die Artivism eröffnet, um die Botschaften von Klimagerechtigkeit, ökonomischer Gerechtigkeit und anderen politischen Themen, für die sich Menschen einsetzen, für eine größere Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich werde diese neue Methode gemeinsam mit dem in Berlin arbeitenden Künstler Olafur Eliasson untersuchen, der eine Veranstaltungsreihe plant, die als ein Forum zur Interaktion zwischen einem Teil der Kunstwelt und den Klima-Aktivisten dienen soll.

Was sind die relevanten Themen in Ihrem Arbeitsfeld?

Eines der größten Probleme für den Aktivismus weltweit ist nicht nur der alles durchdringende, repressive Staatsapparat, obwohl dieser Respekt einflößen kann. Er hat im zivilgesellschaftlichen Raum großen Schaden angerichtet, zum Beispiel durch Inhaftierungen ohne vorherige Gerichtsverhandlungen, die Ermordung von Aktivisten – darunter auch Blogger – und durch die Verabschiedung von Gesetzen, die Freiheitsrechte einschränken. Auf diese Weise sind sogar Regierungen vorgegangen, die behaupten, die Demokratie zu unterstützen. Das dokumentieren die Berichte der NGO Civicus: World Alliance for Citizen Participation. Dieser Trend der Einengung unseres demokratischen Bewegungsspielraums wurde bereits nach den Anschlägen vom 9. September 2001 sichtbar und hat sich seitdem ungebrochen fortgesetzt. Die größte Herausforderung stellt der ideologisierte Staatsapparat dar. Damit meinen wir den staatlichen Rahmen für Religionsausübung, für Erziehung und Bildung, für soziale Normen und andere Verhaltensweisen sowie insbesondere die Rechtsvorschriften für die Kommunikation und die Medien.

Wie hat sich die Covid-19-Pandemie spezifisch auf politischen Aktivismus und die Zivilgesellschaft ausgewirkt?

Es gibt gegenwärtig viele Aktivisten, die sagen, dass diese Zeit eine der furchteinflößendsten in ihrem bisherigen Leben ist. Als Belege dafür nennen sie die sich verschärfende Ungleichheit und Korruption. Und da ist auch noch die Tatsache, dass wir der Klimakatastrophe so nahe sind. Die Unsicherheiten, die die Pandemie verursacht, und der Verlust an Menschenleben rufen Verzweiflung und Panik hervor. Doch Covid-19 hat auch die tiefen Widersprüche offengelegt, die in praktisch jeder Gesellschaft überall auf der Welt existieren. Das sind insbesondere die Widersprüche zwischen unserer Wertschätzung für Menschen und der tiefgehenden ökonomischen Ungerechtigkeit. Zum Beispiel ist uns während COVID zum ersten Mal bewusst geworden, welche Menschen in wirklich unverzichtbaren Berufen arbeiten: Es sind die Menschen, die uns pflegen, die im öffentlichen Nahverkehr arbeiten, die unsere Nahrungsmittel anbauen usw. Es ist tragisch, zu beobachten, dass diese, für das Funktionieren unserer Gesellschaft so wichtigen Menschen, vergessen wurden, sobald Impfungen möglich waren. Gleichzeitig schafft das Aufdecken dieser Widersprüche sehr große Chancen für strukturelle und systemische Veränderungen. Die Menschen werden sich nicht mehr mit den winzigen Trippelschritten zufriedengeben, die unser System bisher gemacht hat, um soziale, ökonomische und politische Ungerechtigkeiten aufzulösen.

Welche Erkenntnisse, die ihrer zukünftigen Arbeit nutzen, hoffen Sie während Ihres Fellowships zu gewinnen?

Ich werde über meinen eigenen Aktivismus der vergangenen Jahre nachdenken und so einige Gründe identifizieren, warum Aktivismus nicht größere und schnellere positive Resultate erzielt. Ich hoffe, dass ich so die Probleme bei der Mobilisierung der Öffentlichkeit besser verstehe, um Politiker und Wirtschaftsführer zum dringend notwendigen Handeln zu bewegen. Dann möchte ich Vorschläge entwickeln, wie wir Aktivismus neu denken können, was seine Orthodoxien, Strategien und Taktiken betrifft.

Was macht Berlin und Deutschland relevant für Ihre Arbeit?

Eine meiner Schlüsselerkenntnisse nach vielen Jahrzehnten als Aktivist lautet: Die Hauptschwäche eines großen Teils des Aktivismus ist, dass die Aktivisten ihr eigenes Bewusstsein und ihr eigenes Denken auf die Menschen projizieren, die sie mobilisieren wollen. Diese Projektion führt dazu, dass sie nicht die Demut besitzen, erst einmal zu begreifen, wo die Menschen stehen und sie dort abzuholen. Es geht darum, die Kommunikation der Menschen und ihren kulturellen Rhythmus zu verstehen und daran anzuknüpfen. Aktivismus muss Themen aufnehmen, die Menschen kennen und darauf aufbauen und nicht von den Menschen erwarten, dass sie gedanklich schon an dem Ort sind, wo die Aktivisten sie gerne abholen möchten. Vor diesem Hintergrund bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir ein besseres Verständnis für das Kommunizieren komplexer Botschaften entwickeln müssen. Diese Botschaften müssen verständlich sein, ohne grob zu vereinfachen. Einer der Menschen, die mich bei diesem Denkprozess sehr inspiriert haben, ist der Künstler Olafur Eliasson. Ich hatte bereits das Privileg mit ihm zu arbeiten. Er lebt in Berlin. Olafur und ich werden versuchen, eine Brücke zwischen der Welt des Aktivismus und der der Kunst und Kultur zu bauen. Ich werde auch die vielfältige Szene der Kulturschaffenden in Berlin ansprechen. Mit einigen von ihnen hatte ich bereits das Vergnügen zu arbeiten.

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