Nachhaltiger Frieden durch lokal geführte Friedensinitiativen

„Wenn Waffenstillstände oder Friedensabkommen von oben nach unten und an der Bevölkerung vorbei ausgehandelt werden, scheitern sie meist schnell“, sagt Atje Drexler, Bereichsleiterin "Globale Fragen" der Robert Bosch Stiftung und verantwortlich für die Arbeit der Stiftung im Thema „Frieden“.

Ein Gespräch mit Atje Drexler.

Peace Direct _ Locally-led Peacebuilding DCR
Frauen im Dorf Mavivi, Demokratische Republik Kongo, bei einer Mikrofinanzierungssitzung. Foto von Greg Funnell/ Peace Direct

Henry Alt-Haaker: Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist der Krieg in Europa wieder in den Mittelpunkt der globalen Diskussion gerückt. Wie engagiert sich die Robert Bosch Stiftung in diesem Konflikt?

Atje Drexler: Die Robert Bosch Stiftung ist seit Beginn der Invasion in der Ukraine aktiv, aber auch in deren Nachbarländern, in die viele Menschen geflohen sind, und in Deutschland. Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen: In der Ukraine unterstützen wir Nichtregierungsorganisationen, die die Zivilbevölkerung mit konkreten Maßnahmen schützen, manchmal mit so einfachen Dingen wie einem Generator in einem Luftschutzkeller. Damit haben die Menschen Zugang zu Strom und können ihre Handys aufladen, so dass sie den Schutzraum nicht verlassen müssen, um Familien und Freunde zu kontaktieren oder Informationen über sichere Evakuierungsrouten zu erhalten. Wir unterstützen auch NGOs, die mit ukrainischen Beamten zusammenarbeiten, um sie in der Dokumentation von Gräueltaten und möglichen Kriegsverbrechen zu schulen. Diese Daten und Dokumente können dann vor internationalen Gerichten verwendet werden.

Außerhalb der Ukraine fließen unsere Mittel hauptsächlich in die Unterstützung von Geflüchteten. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit in Deutschland ist das Bildungssystem, damit ukrainische Kinder in deutsche Schulen integriert werden und gleichzeitig den Unterricht in ihrer Muttersprache und nach dem ukrainischen Lehrplan fortsetzen können.

 

Zu Lebzeiten hat sich Robert Bosch für den Frieden eingesetzt. Im Rahmen unseres Schwerpunkts für globale Fragen hat die Robert Bosch Stiftung ein Friedensprogramm. Erzählen Sie uns etwas darüber?

Die Stiftung unterstützt Peacebuilding, also Friedenssicherung, auf lokaler Ebene als Ansatz für einen langfristigen und nachhaltigen Frieden. Das bedeutet, dass die Menschen, die in einer Konfliktregion leben und am meisten von dem Konflikt betroffen sind, den Friedensprozess steuern und gestalten.

Wir fördern diesen Ansatz auf zwei verschiedenen Ebenen: Auf der Mikroebene unterstützen wir lokal geführte Friedensinitiativen vor Ort. Wir haben einige Regionen ausgewählt, in denen wir glauben, dass dieser Ansatz etwas bewirken kann. Wir werden unsere Arbeit auf dem westlichen Balkan, die wir in den 1990er Jahren begonnen haben, mit diesem neuen Ansatz fortsetzen. Obwohl es auf dem westlichen Balkan derzeit keinen aktiven gewaltsamen Konflikt gibt, kann die Situation auch nicht als friedlich bezeichnet werden. Die Konflikte der 1990er Jahre sind nach wie vor ungelöst. Wir arbeiten auch im Nahen Osten, wobei wir uns besonders auf den Zusammenhang zwischen Klima- und Umweltveränderungen und Konflikten konzentrieren. Und die dritte Region, in der wir auf der Mikroebene arbeiten, ist die Sahelzone. Hier setzen wir einen Schwerpunkt an der südlichen Grenze der zentralen Sahelzone. Das ist die Region, die an die Küstenländer am Golf von Guinea grenzt.

Auf der Makroebene arbeiten wir an dem theoretischen Konzept von lokal geführten Friedensinitiativen und befassen uns auch mit dem erweiterten Umfeld für lokale Friedensstifter. Dies geschieht im Rahmen des internationalen Systems für Peacemaking (Friedensschaffung) und Peacebuilding (Friedenssicherung). Wir wollen dieses System so verändern, dass es die lokalen Friedensstifter stärker unterstützt.

 

Das ist ein sehr spezifischer Blickwinkel auf das Thema Peacebuilding, der auch einige der großen Konflikte ausschließt, die die Debatte in den Medien beherrschen. Warum konzentrieren wir uns auf die Friedenssicherung unter lokaler Führung?

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass man ohne die lokalen Akteure keinen nachhaltigen Frieden erreichen kann. Wir haben in vielen Konfliktlösungsprozessen erlebt, dass die Konfliktparteien eine Vereinbarung über die Aufteilung der Macht schließen, die die Akteure vor Ort außer Acht lässt, also nicht integrativ ist. Wenn viele Gruppen, darunter die lokale Bevölkerung, außen vor gelassen werden, wird das Friedensabkommen nicht von einem breiten Konsens getragen.

Dies kann dazu führen, dass die Vereinbarung entweder überhaupt nicht umgesetzt wird oder nach einigen Jahren wieder zerfällt. Die durchschnittliche Bestandsdauer dieser Abkommen liegt bei fünf bis sieben Jahren – danach bricht die Gewalt wieder aus. Viele dieser Abkommen über die Teilung von Macht führen also nur zu einem vorübergehenden Waffenstillstand oder zu etwas, das als „negativer Frieden“ bezeichnet wird – die bloße Abwesenheit von Gewalt im großen Maßstab. Viele Organisationen, darunter auch die UN mit ihrem Fonds für Peacebuilding, fordern, dass die lokalen Akteure stärker einbezogen werden und sogar die Führungsrolle übernehmen sollten. In der Praxis hat sich jedoch nicht viel geändert.

Vor allem seit der russischen Invasion in der Ukraine nehmen sicherheitspolitische und militärische Ansätze zur Friedenssicherung zu. Zivile Konfliktlösungsmechanismen unter lokaler Führung werden dagegen oft als nutzlos dargestellt, was sie jedoch nicht sind. Beispiele von den Philippinen oder Sierra Leone zeigen, dass langfristige zivile und lokal geführte Friedensprozesse erfolgreich sind.

 

Die Robert Bosch Stiftung hat keine Büros außerhalb Deutschlands, so dass wir unsere Projekte hauptsächlich von Deutschland aus steuern. Das könnte von denen kritisiert werden, die dem Konflikt geographisch näher sind. Wie stellen wir sicher, dass wir die betroffenen gesellschaftlichen Gruppen und die relevanten Akteure erreichen, die etwas verändern können?

Das ist keine leichte Aufgabe. In der Sahelzone haben wir gerade in diesem Jahr ein Pilotprojekt in der Grenzregion zwischen der Elfenbeinküste, Burkina Faso und Nordghana gestartet. Wir arbeiten mit zwei lokalen Organisationen zusammen: Die ivorische Organisation ist eine lokale NGO, die ghanaische eine Zweigstelle einer internationalen NGO. In diesem Fall war es wichtig, eine Organisation zu finden, die tatsächlich in der Elfenbeinküste verwurzelt und registriert ist und unsere Mittel direkt erhalten kann. Sie schickt ihre Mitarbeitenden von beiden Seiten in die Grenzregion und spricht mit verschiedenen Interessengruppen wie Ältesten, Frauenorganisationen, religiösen Führungspersönlichkeiten und Geschäftsleuten in den verschiedenen Gemeinden.

Diese Vorgehensweise erfordert eine Vielzahl von Konsultationen. Was wollen und brauchen die Menschen für ihre Gemeinden? Was würde ihnen helfen, Gewalt zu verhindern oder zu überwinden? Wir gehen nicht hin und sagen: Das ist es, was ihr tun müsst. Wir helfen, ein Programm zu entwickeln. Die Konsultationen in rund 30 Gemeinden entlang der Grenze dauern noch an. Wir wissen, dass es lange dauert, bis sich die Menschen, die in einem Dorf oder einer multiethnischen Gemeinschaft oder sogar in einer grenzüberschreitenden Gemeinschaft mit Dörfern auf beiden Seiten der Grenze leben, darauf einigen können, was genau ihrer Meinung nach hilfreich wäre.

 

Sie haben die komplexen Gegebenheiten in Konfliktgebieten erwähnt. Wir als Stiftung versuchen, die Verflechtungen und Synergien, die wir als „Nexus“ bezeichnen, innerhalb verschiedener Themen zu identifizieren. Das sind Themen, die sich gegenseitig beeinflussen und wechselseitige Auswirkungen haben. Wie sieht der Nexus zwischen Klimawandel und Konflikt in der Praxis aus?

Dieser Nexus wird immer deutlicher und sichtbarer, nicht nur in unserer Arbeit, sondern allgemein in der Debatte über Konflikte. Der Klimawandel an sich ist zwar nicht die Ursache von Konflikten, aber er verschärft bestehende Konflikte. Der Mangel an Ressourcen wie Wasser oder Ackerland in Regionen wie dem Nahen Osten, aber auch in der Sahelzone, ist seit langem ein Grund für Konflikte. Konflikte zwischen Bauern und Hirten gibt es in der Sahelzone schon seit Generationen. All dies wird durch unzuverlässige Regenmuster und Dürreperioden als Folgen des Klimawandels noch verschärft.

Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir die Auswirkungen des Klimawandels abmildern und den Menschen in der Region helfen können, sich an die veränderte Umwelt anzupassen. Denn der Klimawandel ist Wirklichkeit. Der Wassermangel im Jemen und die Kontrolle über die Süßwasserressourcen in den Händen einiger weniger werden immer ein Grund für Konflikte sein, wenn die Wasserkrise nicht gelöst wird.

Das Gleiche gilt für den Libanon. Eines unserer Projekte dort reaktiviert traditionelle Mechanismen zur Bewältigung von Ressourcenkonflikten und zur gemeinsamen Nutzung von Ressourcen. Viele Menschen in trockenen Regionen haben diese Art von Mechanismen in der Vergangenheit genutzt. Einige dieser Mechanismen wurden durch koloniale Praktiken verdrängt, aber andere können wiederbelebt werden. Menschen, die zum Beispiel denselben Grundwasserleiter nutzen, verstehen ihre gemeinsame Verantwortung für diese Ressource und finden traditionelle Wege, um mit den entstehenden Konflikten umzugehen.

 

Sie haben bereits die Herausforderungen der lokal geführten Friedenssicherung angesprochen: Man braucht Geduld, das Umfeld ist unbeständig und es müssen verschiedene Akteure einbezogen werden, die oft schwer zu erreichen sind. Gibt es noch andere Herausforderungen für Ihre Arbeit?

Nehmen Sie die Sahelzone. Eine Herausforderung besteht darin, dass in der gesamten Region ein sehr sicherheitspolitisch orientierter und militarisierter Ansatz für Frieden vorherrscht. Dieser konzentriert sich stark auf die Prävention von gewalttätigem Extremismus und den Kampf gegen den Terror – mit vielen verschiedenen Sicherheitsakteuren vor Ort: Zu denen gehören lokale, nationale und internationale Missionen, einschließlich der UN und der EU. Dies hat dazu geführt, dass die einheimische Bevölkerung Menschen aus dem Norden, wie z. B. Europäern, und nationalen wie internationalen Sicherheitskräften, generell misstrauisch gegenübersteht. Es kommen dort viel mehr Menschen durch Sicherheitskräfte zu Schaden als durch Terroristen.

 

Gibt es etwas, das Sie hoffnungsvoll stimmt? Sehen Sie positive Entwicklungen im Bereich des Peacebuilding im Allgemeinen?

Obwohl wir seit Februar einen Anstieg der militarisierten Ansätze zur Friedenssicherung verzeichnen, erkennen die internationalen Akteure endlich, dass das System in seiner jetzigen Form nicht die gewünschten Ergebnisse bringt. Man ist sich also darüber im Klaren, dass sich die Art und Weise, wie wir an den Frieden herangehen, ändern muss, insbesondere auf UN-Ebene. Für diejenigen, die sich für die Förderung des Peacebuildings auf lokaler Ebene einsetzen, bietet sich die Gelegenheit, diese Ansätze in den internationalen Instrumentenkasten aufzunehmen und endlich über bloße Erklärungen hinauszugehen. Es gibt eine große Dynamik für lokal geführte Bewegungen und Dekolonisierung. Lokale Ansätze sind Expertenansätze. Das System muss sich ändern, und wir versuchen, diese Machtverschiebung zugunsten der lokalen Akteure und Lösungen zu unterstützen.

Atje Drexler rund grau 2

 

Atje Drexler leitet im Fördergebiet "Globale Fragen" der Robert Bosch Stiftung die Programme "Frieden" und "Ungleichheit".

Henry Alt-Haaker rund grau 30p

Henry Alt-Haaker leitet den Bereich Strategische Partnerschaften und Robert Bosch Academy der Robert Bosch Stiftung.

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