Lehren aus der Berichterstattung über Trump

Seit langem gängige Gepflogenheiten im politischen Journalismus erscheinen zunehmend unpraktikabel, weil Donald Trump so viele der Regeln bricht, die in der Vergangenheit für Präsidenten galten. Die amerikanische Presse muss ihren Umgang mit Trump ändern – oder sie riskiert es, sein Verhalten zur neuen Normalität zu machen.

von Jay Rosen

1. Meine bisher wichtigste Erkenntnis

Die Methoden und Praktiken der amerikanischen Presse basieren auf tiefverwurzelten Annahmen darüber, wie sich Präsidenten beider Parteien verhalten werden. Diese Annahmen lassen sich nicht auf Trump anwenden. Deswegen sind die Methoden nutzlos. Doch weil diese Annahmen bereits vor langer Zeit von der amerikanischen Presse internalisiert wurden, neigen die Journalisten eher dazu, Trump zu normalisieren, als die eigenen Praktiken mühevoll zu verändern.

2. Umgekehrte Verifikation

Verifizieren heißt, eine Aussage, die Anspruch auf Wahrheit erhebt, durch Fakten, Daten, Dokumente und Interviews zu untermauern. „Umgekehrte Verifikation“ heißt, eine Aussage, die durch Fakten usw. belegt ist, öffentlich anzuzweifeln. Das erzeugt Reibung, Streit, Aufregung und kreiert eine Story. Die so entstehende Energie kann eine politische Bewegung antreiben. So begann Trumps Kandidatur. Er wurde ein sogenannter „Birther“. (Ein Birther ist eine Person, die fälschlicherweise behauptet, dass der frühere US-Präsident Barack Obama außerhalb der Vereinigten Staaten geboren wurde und deshalb laut der US-Verfassung nicht das Amt des amerikanischen Präsidenten hätte innehaben dürfen.)

3. Was passiert, wenn man sich der Wahrheit von Nachfrageseite nähert?

Begriffe wie „Post-Wahrheit“ gefallen mir nicht. Aber es ist eine wichtige Tatsache, dass es auf den Social-Media-Plattformen, insbesondere auf Facebook, eine erhebliche Nachfrage danach gibt, dass eine Behauptung wahr sein soll – auch wenn sie es erwiesenermaßen nicht ist. Es gibt eine Anhängerschaft (also eine Nachfrage im wirtschaftlichen Sinn) für die erfundene „Tatsache“, dass Obama in Kenia geboren wurde. Facebook ist ein System, das diese Nachfrage spürt. Journalisten selbst sind Anbieter von Wahrheit. Aber die Nachfrage, dass eine Behauptung wahr sein soll, ist der Raum, in dem Trump lebt.

4. Wenn die Wahrheit einfach untergeht

In den USA gibt es die Football-Metapher „flooding the zone“ – den wichtigen Bereich des Spielfelds mit Angreifern überfluten. In Russland spricht man vom „Feuerwehrschlauch der Lügen“. Beides meint das Gleiche und es trifft den Journalismus an seinem schwächsten Punkt: In einer Flut von Behauptungen geht die Wahrheit unter. Das funktioniert. Der Feuerwehrschlauch der Lügen schwemmt alles weg: Das Vertrauen wird ausgehöhlt, Menschen werden davon überzeugt, dass man ihnen nicht die Wahrheit sagt. Das schreckt alle außer den hartnäckigsten Lesern, Zuhörern und Zuschauern ab. Politik wird zur hässlichen Schlammschlacht. Weder demokratisch Gesinnte im Medienpublikum noch renommierte Journalisten haben darauf eine Antwort. Die Lügenflut reißt alles mit sich.

5. Gegen die Medien regieren

„Die Demokratische Partei ist egal“, sagte Steve Bannon 2018. „Die wirkliche Opposition sind die Medien. Und der richtige Weg mit ihnen umzugehen, ist sie mit Scheiße zu überfluten …“ Bannon ist kein weiser Mann, aber das war ein kluges Statement über Trumps politischen Stil. Dieser Politikstil macht Journalisten zu Hassobjekten, überwältigt die Nachrichten mit Kontroversen und überzeugt Trumps Unterstützer, alles von vornherein abzulehnen, was die Presse über ihn sagt.

6. „In 1.170 Tagen hat Präsident Trump 18.000 falsche oder irreführende Behauptungen aufgestellt.“

So lautete kürzlich eine Schlagzeile der Washington Post. Ein ehernes Gesetz des amerikanischen Journalismus lautet: „Was der Präsident sagt, ist eine Nachricht.“ Aber das ist ein Beispiel für eine journalistische Praxis, die Trump obsolet gemacht hat – durch endloses Lügen und Falschinformation. Also habe ich die Presse gedrängt, eine neue Maxime aufzustellen: „Der Präsident hat etwas gesagt. Ist seine Äußerung es wirklich wert, verbreitet zu werden?“

7. „Es mag nicht gut für Amerika sein, aber es ist verdammt gut für CBS.“

Les Moonves, der Chef des Fernsehsenders CBS, sagte diesen Satz am 29. September 2016. Es war eine tiefgründige Aussage. Er sagte nicht nur: Trumps Aufstieg ist gut für das Geschäft der Nachrichtenindustrie, die die meisten Journalistengehälter zahlt. Er sagte auch: Was gut für die Medienindustrie ist, ist schlecht für die amerikanische Demokratie. Aber hey, das ist nun mal, was wir tun. Was diese Einstellung kostet – in Form von verlorener Berufsehre und dem Verlust an öffentlichem Vertrauen – lässt sich nicht ausrechnen.

8. Im Kampf vermisst: die Republikanische Partei

Politologen werden ihnen sagen, dass Opposition gegenüber der Politik eines amerikanischen Präsidenten selten seine Anhänger umstimmt. Aber wenn die Anführer seiner eigenen Partei Widerstand gegen die Exzesse eines Präsidenten leisten, dann beeindruckt das die Wähler. Diesen Gegendruck gibt es von der Republikanischen Partei gegenüber Trump fast nie. Das ist eine weitere Erosion in der amerikanischen Demokratie. Sie erlaubt sowohl Fox News als auch Trump, sich mit dem Kampf gegen die Medien zu beschäftigen – genau wie Steve Bannon es gesagt hat.

9. Die Öffentlichkeit, die den Nachrichten glaubt, wird kleiner

Das Vertrauen in die Medien sinkt in den USA seit langem. Aber jetzt sind wir über den Wendepunkt hinaus: Nach meiner Einschätzung vertrauen 30 Prozent der Wähler eher Trump als Informationsquelle über Trump als den Berichten der Mainstream-Medien. Das bedeutet: Für diesen Anteil der Wähler existiert ein autoritäres Nachrichtensystem, das seinen eigenen Informationsloop schafft.

10. James Fallows hat es in The Atlantic gut beschrieben:

Die Medien wurden nicht für so jemanden gemacht. Dieser jemand hat sich nicht verändert. Die Medien müssen sich ändern.“ Das ist wahr, aber die Wahrheit liegt noch tiefer. „Ausgewogenes“ Berichten, Politik wie ein Pferderennen zu betrachten oder wie ein Spiel für Insider zu behandeln: Diese Art von Journalismus stellte sich eine Welt von ungefähr gleich starken Parteien vor, die nach denselben Regeln spielten. Der politische Konsens in der amerikanischen Gesellschaft machte diese auf Konsens beruhenden Praktiken der Presse möglich. All das zerfällt gerade. Und deshalb erscheinen die allgemein akzeptierten Methoden des politischen Journalismus immer weniger plausibel.


Der folgende Text ist eine Zusammenfassung der zehn wesentlichen Punkte aus meiner Vorlesung am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Oxford Universität vom 15. Mai 2020. Ich habe meine Gedanken auf Folien festgehalten und meinen Bildschirm mit mehr als 100 Teilnehmern auf aller Welt geteilt. Jede Folie stellte eine wichtige Lektion dar, die ich seit 2015 aus dem krampfhaften Kampf zwischen Trump und der US-Presse gelernt habe.

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