Die verschiedenen Facetten des Klimawandels

Um dem Klimawandel zu begegnen, müssen ökologische, ökonomische und soziale Faktoren berücksichtigt werden. Lesen Sie, wie Laurence Tubiana, Ottmar Edenhofer, Samantha Gross und Leena Srivastava eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit einschätzen.

Klimawandel
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Sandra Breka: Das Engagement der Robert Bosch Stiftung

Die fortschreitende Klimakrise und der weltweite Rückgang der Artenvielfalt bedrohen zunehmend den Erhalt unser natürlichen Lebensgrundlagen. Der Übergang zu einer treibhausgasneutralen Gesellschaft und die Bewältigung von Klimawandelfolgen sind Menschheitsaufgaben, die nicht nur ärmere, sondern auch wohlhabende Gesellschaften vor immense Herausforderungen stellen. Friedliches Zusammenleben und die Wahrung der Menschenwürde waren Robert Bosch ein besonderes Anliegen. Beides hängt heute maßgeblich von der Bewältigung der globalen ökologischen Krise ab. 

Um die Ziele des Klimaabkommens von Paris zu erreichen, ist neben der schnellen und umfassenden Dekarbonisierung des Energiesystems auch der Erhalt wichtiger CO2-Speicher wie Wälder und Moore und eine boden-, wasser- und biodiversitätsschonende, emissionsreduzierte Landwirtschaft unabdingbar. Fruchtbares Land ist eine knappe Ressource, die durch Klimawandelfolgen und steigende Nachfrage zunehmend weiter unter Druck gerät. Dies führt vermehrt zu klimabedingten Wanderungsbewegungen und droht insbesondere im globalen Süden bestehende Ungleichheiten und Konflikte zu verstärken.

„Die Förderung der Robert Bosch Stiftung wirkt auf
einen gerechten Übergang zu einem klimapositiven
und -resilienten Landnutzungssystem hin
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Die Förderung der Robert Bosch Stiftung wirkt auf einen gerechten Übergang zu einem klimapositiven und -resilienten Landnutzungssystem hin. Wir unterstützen Ansätze, die Klima- und Biodiversitätsschutz mit dem Abbau von Ungleichheit verbinden. Wir setzen uns für die kohärente und ambitionierte Umsetzung des EU-Green Deal im Bereich Landwirtschaft und Ernährung ein, und für die klimaresiliente und gerechte Ausgestaltung von Landnutzung in ausgewählten Regionen Subsahara-Afrikas. Wir stellen Akteuren vor Ort die nötigen Ressourcen zur Verfügung, um gute Praxis zu entwickeln und zu teilen und wirken auf eine nachhaltige Ausgestaltung politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen hin.

Dabei legt die Stiftung einen Fokus auf die soziale Dimension der Transformationsprozesse, und arbeitet mit ihren Partnern an den Schnittstellen zwischen Klimawandel und anderen globalen Herausforderungen wie der Bearbeitung von Konflikten, der menschenwürdigen Gestaltung von Migration und der Stärkung von Demokratie.

Sandra Breka Autor 266_200

Sandra Breka ist Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung.

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Laurence Tubiana: Europa kann die Richtung vorgeben

Auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow im November sieht sich die Welt dem ersten echten Test des Pariser Abkommens gegenüber. Von den Ländern wird erwartet, dass sie neue Ziele für die Emissionsreduzierung bis zum Jahr 2030 vorlegen sowie neue Maßnahmenpläne, um diese Ziele zu erreichen. Viel hat sich seit 2015 verändert. Netto-Null-Emissionen bis zum Jahr 2050 sind die neue Normalität als Benchmark für Klima-Ambitionen: Dutzende von Ländern haben hierzu bekannt. Jetzt müssen sie ihre kurzfristigen Pläne überprüfen, um sicherzustellen, dass sie mit diesen langfristigen Zielen kompatibel sind.

Europa kann dabei vorangehen und die Richtung weisen. Im Kontext des europäischen Green Deal hat die EU für das Jahr 2050 bereits das Ziel von Netto-Null-Emissionen gesetzt und das Ziel für 2030 auf die Emissionsreduzierung um 55 Prozent erhöht. Weil die USA dem Pariser Abkommen wieder beigetreten sind, hat Europa einen starken Partner in den diplomatischen Verhandlungen um einen Green Deal.

Regierungen und Unternehmen können die
nächsten Schritte in dem Wissen gehen,
dass die Bürger hinter ihnen stehen
.“

Die Finanzierungsfrage ist eines der wichtigsten Themen, bei denen in Glasgow Fortschritte gemacht werden müssen: Die Staaten müssen die Verpflichtungen erfüllen, die sie bereits eingegangen sind, und bei der Finanzierung von Maßnahmen zur Anpassung und Resilienz vorankommen. Dazu gehört auch (in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds) ein Mechanismus zum Schuldenerlass als Gegenleistung für klimafreundliche Investitionen. Darüber hinaus stehen die Finanzierung und die technische Unterstützung für erneuerbare Energien in Subsahara-Afrika auf der Agenda.

Doch der ökologische Wandel geht nicht allein Regierungen an. Auch Unternehmen und Investoren ist klar geworden, dass das Ziel „Null-Emissionen“ der neue Referenzrahmen ist. Deshalb müssen sie jetzt ihre Planungen entsprechend ausrichten. Wir sehen dafür erste Anzeichen, zum Beispiel in Form der „Race to Zero“-Kampagne. Der nächste Schritt muss es sein, Mechanismen zu entwickeln, um die Unternehmen an der Erfüllung dieser Pläne zu messen und zur Verantwortung zu ziehen.

Regierungen und Unternehmen können die nächsten Schritte in dem Wissen gehen, dass die Bürger hinter ihnen stehen. In den vergangenen Jahren ist das öffentliche Bewusstsein in Sachen Klimawandel gewachsen: Wir haben eine zuvor nicht gekannte Mobilisierung von Bürgern und jungen Menschen gesehen, die jetzt konkretes Handeln fordern. Auch in der Covid-Krise zeigen Umfragen beständig, dass die Bürger von ihren Regierungen ehrgeizigeres Handeln für den Klimaschutz verlangen. In Glasgow können die Regierungen zeigen, dass sie ihren Bürgern zuhören.

Laurence Tubiana Autor 266_200
ECF

Laurence Tubiana ist Geschäftsführerin der European Climate Foundation.

Ottmar Edenhofer: Wie bisher weiterzumachen, können wir uns nicht leisten

„Klimapolitik muss man sich leisten können“ ist ein gern bemühtes Argument; darum dürfe man es damit auch nicht übertreiben. Diese Aussage ist jedoch falsch. Klimapolitik ist kein Luxusgut, um das man sich kümmern kann, wenn alle „wirklich wichtigen“ Probleme gelöst sind. Schließlich geht es hier um unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen.

Diese globalen Gemeinschaftsgüter müssen unbedingt vor der Zerstörung bewahrt werden – und dazu gehört eine konsequente Klimapolitik. Was wir uns keinesfalls leisten können, ist so weiterzumachen wie bisher. Die Folge wäre eine Destabilisierung unseres Klimas, die alle und alles trifft: Extremwetterereignisse, Meeresspiegelanstieg, Verlust der Biodiversität und vieles mehr.

„Das hat nicht nur globale und nationale
Auswirkungen, sondern wirkt sich auch
auf jeden Einzelnen von uns aus.“

Das hat nicht nur globale und nationale Auswirkungen, sondern wirkt sich auch auf jeden Einzelnen von uns aus. Eine erfolgreiche Klimapolitik muss natürlich wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen und sozialen Ausgleich schaffen. Kompensationszahlungen für einkommensschwache Haushalte können hier helfen.

Und Klimapolitik muss effizient sein. Wir müssen versuchen, unsere ehrgeizigen Ziele mit minimalen volkswirtschaftlichen Kosten zu erreichen. Denn angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels, der nötig ist, kann kein Geld verschwendet werden. Zuletzt muss Klimapolitik effektiv sein, damit die Emissionen auch wirklich sinken. Derzeit laufen wir Gefahr, bei einem ungebremsten Klimawandel nicht nur unsere eigene wirtschaftliche Entwicklung aufs Spiel zu setzen, sondern vor allem unsere Zukunft.

Ottmar Edenhofer Autor
PIK

Ottmar Edenhofer ist Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change sowie Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der TU Berlin.

Samantha Gross: Die Herausforderung, energieintensive Sektoren zu dekarbonisieren

Die zu simple, aber nützliche Formel für ein CO2-freies Energiesystem lautet: Dekarbonisiere den Elektrizitätssektor und elektrifiziere dann das gesamte System. Diese Formel ist großartig, soweit sie umsetzbar ist. Der Nahverkehr, die Heizung in unseren Wohnungen oder Häusern und industrielle Prozesse, die bei niedrigen oder mittleren Temperaturen ablaufen, sind für die Elektrifizierung gut geeignet. Nichtsdestotrotz sind diese Ausnahmen von der Regel für signifikante Emissionen verantwortlich, die wir eliminieren müssen, wenn wir bis Mitte des Jahrhunderts die Netto-Emissionen auf null senken wollen.

Vom technischen Standpunkt aus sind die Problemsektoren jene, in denen die Eigenschaften fossiler Brennstoffe von besonderem Vorteil sind: Zum Beispiel verfügen fossile Brennstoffe über eine hohe Energiedichte. Das bedeutet, sie binden eine große Energiemenge pro Gewichts- oder Volumeneinheit. Das ist besonders beim Transport wichtig: Die heutigen fossilen Brennstoffe enthalten etwa 40-mal so viel Energie pro Gewichtseinheit wie eine Batterie auf dem neusten technischen Stand.

„Für den Flugverkehr, die Seeschifffahrt oder den
Lastverkehr über weite Strecken sind die Eigenschaften
fossiler Brennstoffe schwer zu ersetzen.“

Wenn ein Fahrzeug leichte Ladung transportiert und seine Fahrt zum Nachladen unterbrechen kann, ist das nur ein kleines Problem. Aber für den Flugverkehr, die Seeschifffahrt oder den Straßenlastverkehr über weite Strecken sind diese Eigenschaften fossiler Brennstoffe schwer zu ersetzen. Industrielle Nutzung, für die sehr hohe Temperaturen notwendig sind, zum Beispiel in der Zementherstellung oder in der petrochemischen Industrie, sind ebenfalls eine Herausforderung bei der Dekarbonisierung, weil sehr hohe Temperaturen nicht ohne Verbrennungsprozesse erreicht werden können. Schließlich setzen einige industrielle Prozesse Kohlendioxid frei – und zwar nicht durch Energieverbrauch, sondern durch eine chemische Reaktion als Teil des Prozesses selbst.

Während wir große Hoffnungen auf Elektrizitätssysteme setzen, die aus erneuerbaren Energien gespeist werden, müssen wir einen weiteren Schwerpunkt auf Forschung und Investitionen in Bereichen legen, in denen Wasserstoff, CO2-Abscheidung und -Speicherung oder E-Kraftstoffe angemessenere Lösungen bieten.

Samantha Gross Autor

Samantha Gross ist Direktorin der Energy Security and Climate Initiative der Brookings Institutions sowie Brookings – Robert Bosch Foundation Transatlantic Initiative Fellow der Robert Bosch Academy.

Leena Srivastava: Wir brauchen einen Systemwandel

Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, die 2015 beschlossen wurde, fordert eindeutig, dass alle 17 nachhaltigen Entwicklungsziele als Bestandteile eines Ganzen betrachtet werden müssen und unteilbar sind. Die Agenda dient auch dazu, die drei gleichstarken Säulen der nachhaltigen Entwicklung zu stützen: tragfähige Wirtschaftsentwicklung, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit.

Sechs Jahre und eine Pandemie später versucht die Welt immer noch, die vielen Vernetzungen und gegenseitigen Abhängigkeiten zu entschlüsseln, die zwischen den einzelnen Entwicklungshilfen bestehen. Das gilt besonders in Bezug auf den Klimawandel. Durch welche Mechanismen lassen sich vielfältige Entwicklungsfortschritte erzielen und negative Auswirkungen auf andere Ziele vermeiden?

„Wir müssen unseren Fokus über die Transformation
unserer Wirtschaft hinaus erweitern.“

Was die Pandemie und die Lockdowns schlagartig sehr klar gemacht haben: Die Menschheit hat viele Möglichkeiten, mit einem bedeutend geringeren ökologischen Footprint zu arbeiten und zu leben. Um nachhaltige Vorteile zu erreichen, müssen wir unseren Fokus über die Transformation unserer Wirtschaft hinaus erweitern. Wir müssen das Fundament neu legen, auf dem die Menschheit steht: Regierungsführung, Wissenschaft, Bildung und andere Institutionen.

Dadurch könnten wir unsere Wirtschaft neu gestalten, die sich durch industrielle und soziale Revolutionen weiterentwickelt hat. Wir müssen die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte ausnutzen und die Zukunft besser einschätzen, um uns mit einer systematischen Herangehensweise den Zielen zu nähern, die nichts weniger als die Ziele des gesamten Planeten Erde sind.

Leena Srivastava Autor

Leena Srivastava ist stellvertretende Generaldirektorin für Wissenschaft des International Institute for Applied Systems Analysis und Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy.

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