Eine Lehrerin, die nie aufgehört hat zu lernen

Juni 2026

Vizepräsidentin, UN-Chefin, Lehrerin aus Passion: Phumzile Mlambo-Ngcuka hat nie aufgehört zu fragen, für wen Bildung da ist – und wem sie vorenthalten wird.

Phumzile Mlambo-Ngcuka hat einige der mächtigsten Positionen bekleidet, die ein Mensch haben kann – Vizepräsidentin Südafrikas, Exekutivdirektorin von UN Women, Untergeneralsekretärin der Vereinten Nationen. Und doch ist sie im Innersten ihr Leben lang Lehrerin geblieben. Was sie antreibt, sind nicht Amt und Würden, sondern Probleme und die Menschen dahinter: das Kind, das nicht lesen kann; die Uniabsolventin, die keine Arbeit findet; die junge Frau, der man bedeutet, sich zurückzunehmen. Seit fünfzig Jahren kreist sie um diese Fragen – vom südafrikanischen Township, in dem ihre Mutter Erwachsenen das Lesen und Schreiben beibrachte, bis in die Korridore der Vereinten Nationen. „Schon in der Grundschule hatte ich mir fest vorgenommen, Professorin zu werden“, sagt sie. 

Mit ihrer Richard-von-Weizsäcker-Fellowship bringt sie diese lebenslange Beschäftigung nach Deutschland. Sie will verstehen, wie das deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem junge Menschen auf die Arbeitswelt vorbereitet – und daraus Schlussfolgerungen für Südafrika und einen Kontinent ziehen, dessen Bevölkerung im Durchschnitt 19 Jahre alt ist.

Das Küchen-Klassenzimmer: wo alles begann

Phumzile Mlambo-Ngcuka wurde 1955 in Clermont bei Durban geboren, in einem Haushalt, in dem Bildung nicht bloß Anspruch, sondern Alltag war. Ihr Vater, ein Lehrer, kam mit Heften zum Korrigieren nach Hause. Ihre Mutter, tagsüber Gemeindekrankenschwester, hielt abends Alphabetisierungskurse in der Familienküche ab. Mit elf Jahren wurde Phumzile ihre inoffizielle Assistentin.

„Ich fühlte mich in diesen Momenten wie eine kleine Erwachsene", erinnert sie sich. Was sie am meisten bewegte, war die Verwandlung, die sie bei den erwachsenen Schüler:innen beobachtete: „Die größte Freude war, wenn sie gelernt hatten zu schreiben und zu rechnen. Dann konnten sie ihr eigenes Geld verwalten. Der Samen wurde dort gepflanzt."

Die dreifache Unterdrückung: Rasse, Geschlecht und Klasse

Die Erwachsenen, die im improvisierten Klassenzimmer ihrer Mutter saßen, hatten das Lesen- und Schreibenlernen nicht einfach versäumt. Die Apartheid, die große Ungerechtigkeit ihrer Zeit, hatte dafür gesorgt, dass sie dazu keine Chance bekamen. Armut und die Diskriminierung von Frauen kamen erschwerend hinzu. Phumzile Mlambo-Ngcuka nennt es die „dreifache Unterdrückung".

Nach dem Soweto-Aufstand von 1976 wurde ihr wegen ihres politischen Engagements das Studium in Südafrika verboten. Sie wich nach Lesotho aus, studierte dort Geistes- und Erziehungswissenschaften, immer ebenso Aktivistin wie Studentin. Ihr Verlobter Bulelani Ngcuka saß derweil im Gefängnis, weil er sich geweigert hatte, gegen Mitglieder des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) auszusagen. Als junge Lehrerin in Südafrika stand auch sie unter Beobachtung der Sicherheitsbehörden. Im August 1985 heirateten die beiden, zwölf Tage nach Bulelanis Entlassung.

Von der Erschöpfung, schwarz zu sein: Apartheid und politische Selbstbildung 

Der Ausweg kam für Phumzile Mlambo-Ngcuka durch eine YWCA-Jugendkonferenz in Singapur, auf der sie für eine Anti-Apartheid-Resolution eintrat. Ihre sichtbares Eintreten brachte ihr ein internationales Job-Angebot bei der World YMCA in Genf ein. Fünf Jahre lang arbeitete sie dort an Jugendprogrammen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten und setzte sich gleichzeitig dafür ein, das Apartheidsystem in Südafrika international weiter zu isolieren.

„Ich sage den Menschen immer: Es ist erschöpfend, Schwarz zu sein", sagt Phumzile Mlambo-Ngcuka. Der Druck, ständig auf der Hut vor Repressalien sein zu müssen, und der gleichzeitige Drang, stets aktiv Widerstand zu leisten, habe das Leben unter Apartheid ausgemacht. „Wo immer man war, fühlte man sich als Botschafterin des Kampfes gegen die Apartheid. Das hat einen aufgezehrt. Das war ich."

Vom Widerstand in die Verantwortung: den Unterdrücker befreien

1994 zog Phumzile Mlambo-Ngcuka in das erste demokratische Parlament Südafrikas ein und übernahm rasch Regierungsverantwortung: Staatssekretärin im Handels- und Industrieministerium, Ministerin für Bodenschätze und Energie, schließlich ab 2005 Vizepräsidentin: als erste Frau in diesem Amt. Der Übergang vom Widerstand in die Verantwortung – „die Temperatur zu senken" – erforderte einiges an Umlernen, sagt sie: „Wir versuchten, ein Land aufzubauen, in dem Menschen lernen müssen, mit denen zusammenzuleben und zu arbeiten, die sie früher als Feinde betrachteten."

Geschlechtergerechtigkeit ist so tief verwurzelt. Und sie ist überall.

„Gott sei Dank für Mandela", sagt sie. Er habe anderen vorgelebt, wie man den Impuls zu Rache und Vergeltung zurückdrängt: „Dein größter Sieg als Freiheitskämpferin ist es, wenn du deinen Unterdrücker befreist. Und du kannst deinen Unterdrücker nicht befreien, wenn du anhaltenden, nicht enden wollenden Zorn gegen ihn hegst."

Als Ministerin für Handel und Industrie förderte sie die Qualifizierung junger Menschen. Als Vizepräsidentin baute sie darauf auf und lancierte die „Joint Initiative on Priority Skills Acquisition (JIPSA)“ – ihr zentrales Programm, um junge Menschen gezielter auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Als Ministerin für Bodenschätze und Energie trieb sie die Elektrifizierung ganzer Gemeinden voran und öffnete den Bergbau für schwarze Südafrikaner:innen, die systematisch von den Ressourcen ihres eigenen Landes ausgeschlossen waren. In ihrer Erinnerung ist es ihre wohl wirkungsvollste Zeit: „Wir haben Türen für Menschen geöffnet. Darauf bin ich wirklich stolz."

2008 trat sie als Vizepräsidentin zurück, kurz nach der Abberufung von Präsident Mbeki durch den ANC. „Ich war erschöpft", sagt sie. Sie sehnte sich außerdem schon lange danach, zu dem zurückzukehren, was ihr von jeher am meisten bedeutete: die Bildung. 

Die ungeschlossene Lücke: Bildungs- und Geschlechtergerechtigkeit 

Phumzile Mlambo-Ngcuka gründete die Umlambo Foundation, die sich dafür engagiert, die Bildung an unterversorgten Schulen zu verbessern. Und sie kehrte mit demselben Thema selbst an die Universität zurück: mit einer Promotion an der Universität Warwick in Großbritannien. Ihre Forschungsfrage: Wie kann mobiles Lernen die Lehrerausbildung an ressourcenarmen Schulen unterstützen? Technologie im Dienst der Lehrkräfte und Lehrkräfte im Dienst der Benachteiligten: Phumzile Mlambo-Ngcuka blieb sich treu. 

Wir haben nicht den Luxus aufzugeben. Wenn wir es aufgeben zu versuchen, geben wir die Zukunft unserer Kinder auf.

Von 2013 bis 2021 leitete sie UN Women. Zu den Initiativen, die sie auf den Weg brachte, gehörte „HeForShe", die Männer dazu aufruft, für Frauenrechte einzustehen. Was sie in dieser Zeit auch feststellte: Selbst die Vereinten Nationen sind nicht frei von den Ungleichheiten, die sie zu überwinden sucht. „Es hat wenig Spaß gemacht", sagt Phumzile Mlambo-Ngcuka trocken. „Geschlechtergerechtigkeit ist tief verwurzelt. Sie ist überall."

Jugendförderung: Jobschöpfer ausbilden, nicht Jobsuchende 

Als Richard-von-Weizsäcker-Fellow kehrt Phumzile Mlambo-Ngcuka zu der Frage zurück, die sie ihr ganzes Leben begleitet hat: Wie lässt sich Bildung für alle zugänglich machen – und wie können junge Menschen auf das vorbereitet werden, was die Welt von ihnen verlangt? Bis 2050 wird jeder vierte Mensch in der globalen Erwerbsbevölkerung Afrikaner:in sein. Viele werden ohne passende Vorbereitung in diese Arbeitswelt eintreten, sagt sie.

Im Rahmen der JIPSA-Initiative hatte Phumzile Mlambo-Ngcuka Praktikumsprogramme aufgebaut, die junge Absolvent:innen für Praktika ins Ausland und auch nach Deutschland vermittelt hatte. Manchmal begegnet sie ihnen noch. „Jemand kommt auf mich zu und sagt: Ich war in dem Programm, und jetzt bin ich dies und das. Das wärmt mir das Herz." 

Doch für Phumzile Mlambo-Ngcuka reicht es nicht, um das strukturelle Missverhältnis aufzulösen, die sie schon vor zwanzig Jahren frustriert hat: die Lücke zwischen dem, was gelehrt wird, und dem, was gebraucht wird. Deswegen will sie während ihrer Fellowship das deutsche duale Berufsausbildungssystem untersuchen und herausfinden, was sich möglicherweise in ihr Land übertragen lässt – und was nicht. 

Sie hat eine klare Haltung dazu, welche Vorbereitung Bildung liefern sollte für das Arbeiten in einer Welt, die in tiefem Wandel steht. „Bildung muss auf Problemlösung ausgerichtet sein. Man wird ausgebildet, weil man in einer Welt lebt, die Probleme hat“, sagt sie. „Sobald du Bildung erworben hast, trägst du Verantwortung – nicht dafür, Arbeit zu suchen, sondern dafür, sie zu schaffen." Sie ist ebenso klar darin, was ältere Generationen dabei jüngeren schulden: Jüngere sollten nicht getragen, aber sie müssen gehört werden. 

Phumzile Mlambo-Ngcuka war elf Jahre alt, als sie in der Küche ihrer Mutter in Clermont zum ersten Mal erlebte, was Bildung vermag. Sie hat nicht aufgehört, danach zu handeln.

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