Wieder und wieder

Februar 2026

Anlässlich des vierten Jahrestages der groß angelegten Invasion Russlands in die Ukraine beschäftigt sich dieser Text mit den strukturellen Bedingungen, durch die dieser Krieg überhaupt erst zum Dauerzustand werden konnte – und damit, was dies für die politische und moralische Zukunft unserer Welt bedeutet.

Von Vasyl Cherepanyn 

Luftaufnahme von militärischen Feldbefestigungen, mit Verteidigungsgräben und Erdwerken, Kriegsgebiet
IMAGO/Zoonar

Angenommen, der Krieg gegen die Ukraine dauerte weitere zehn Jahre an – was würde dann aus Europa werden? Diese Frage stellten wir Künstler:innen im Jahr 2024. Sie war als Impuls für das Posterprojekt der Kyiv Perenniale in Berlin gedacht, die anlässlich des zehnten Jahrestages der Maidan-Revolution und des zehnten Jahres, in dem Russland Krieg gegen die Ukraine führte, ins Leben gerufen wurde. Sich auszumalen, wie sich die Welt innerhalb der nächsten zehn Jahre verändern könnte, erscheint aus heutiger Sicht sogar noch mehr wie eine ambitionierte Mischung aus Zukunftsforschung, Science-Fiction und Wahrsagerei. Dabei zeigen die strukturellen Gegebenheiten der aktuellen Notlage, wie todernst solche Vorhersagen zu nehmen sind. Und da die Zukunft nur im gerade geschehenden Jetzt existiert, werden solche Longue-durée-Entwicklungen – also in erster Linie Strukturveränderungen – unsere künftige Welt auch weiterhin tiefgreifend prägen.

Da ist zunächst die globale Kriegsdynamik. Der unter US-amerikanischer Führung erfolgte, verwirrend chaotische Rückzug des Westens aus Afghanistan im Jahr 2021 zog unmittelbar die Machtergreifung der Taliban nach sich. Letztlich kennzeichnet dieser Rückzug den „Hirntod“ der NATO – denn nicht zuletzt wurde hier eine Gesellschaft hintergangen und im Stich gelassen, die man zuvor zwanzig Jahre lang in ihrem Aufbau und ihrer Entwicklung unterstützt hatte. Dieser Bruch löste einen neuartigen Zyklus von als „spezielle Militäroperationen“ bezeichneten Kriegen aus – angefangen mit der Großinvasion Russlands in die Ukraine, gefolgt von der militärischen Eroberung des von Armenien kontrollierten Bergkarabach durch Aserbaidschan, dem israelisch-palästinensischen Krieg und den US-Angriffen auf den Iran und Venezuela.

So unterschiedlich diese Konflikte im historischen und politischen Kontext auch sind, zeichnet sich doch ein gemeinsamer Verlauf ab: Ursprünglich jeweils als Blitzkrieg konzipiert, entwickelten sie sich fast alle zu langwierigen, unterschiedlich heftigen Kriegen, deren Ende nicht absehbar ist. Zusammengenommen summieren sich diese Konflikte zu einem Phänomen, das zunehmend einer globalen Bürgerkriegssituation ähnelt – wobei Grönland schon auf dem Tisch liegt und unter anderem Taiwan am Horizont erscheint.

Zweitens ist da die Covid-19-Pandemie. Auch wenn sie weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist, unterschätzen wir weiterhin, wie tiefgreifend diese globale Notlage noch immer unsere Gegenwart prägt. Unsere Welt unterliegt heute anderen psychopolitischen Bedingungen, sie ist per se eine postpandemische Welt und wird es auch bleiben. So gesehen hat die Politik an sich als direkte Folge der Pandemie auch selbst psychische Auswirkungen. Einerseits machte die Pandemie weltweit Isolisierungsmaßnahmen erforderlich und erzeugte eine Art „Bunkereffekt“, durch den sich die Sinneswahrnehmungen und die Muster menschlicher Interaktion verändert haben. Andererseits haben die beispiellosen restriktiven Maßnahmen gezeigt, wie schnell ganze Bevölkerungen ihrer gesellschaftlichen Rechte und ihrer tagtäglichen Lebensgewohnheiten beraubt werden können, die eine Gesellschaft in existenzieller Hinsicht erst ausmachen. Keiner der aktuellen Kriege wäre ohne diese Erfahrungen möglich gewesen, zumindest nicht in ihrer aktuellen Ausprägung. Wir alle werden noch jahrelang in diesem „Long Covid“-Kollektivzustand leben.

An letzter Stelle steht der wichtigste Aspekt von allen: das Aufkommen des ersten nichtmenschlichen Akteurs in der Geschichte der Menschheit, der künstlichen Intelligenz. Die Pandemie hatte die Menschen bereits einer Art „Zoom-Diktatur“ unterworfen und damit eine kollektive Interpassivität gefestigt. Aus Sicht der KI nun dient die Brutalität der aktuellen Kriege als effizienter Mechanismus, der ihr den Weg zu einer zügigen Ausbreitung ebnet. KI-gestützte, tödliche autonome Waffensysteme sind der Inbegriff der Ideologie des Dark Enlightenment und bilden heute die Spitze der technologischen Entwicklung. Es überrascht daher kaum, dass sich dieselben Menschen, die heute öffentlich von der Besiedlung des Mars schwärmen – Besiedlung, sic! –, mit dem Zeigen des Hitlergrußes wohlfühlen und aktiv dazu beitragen, das Leben auf der Erde zur Hölle zu machen. Eine monströse Mischung aus Feudalismus, Oligarchie, Tech-Fortschritt und Faschismus ist gerade auf dem besten Wege, das ideologische Bestiarium einer KI-dominierten Zukunft zu bestimmen. So gesehen erscheint die aktuelle politische Realität nicht nur wie eine KI-erzeugte Welt – sie ist es bereits und folgt damit nur der Logik ihrer eigenen weiteren Entwicklung.

Gewalt beginnt immer als Virus, setzt sich als Krebsgeschwür fort und endet als Wüste. In ihrer neuartigen grausamen Gestalt dringt Kriegsgewalt nun auch in politische Prozesse ein, zerstört demokratische Gesellschaften und frisst sich in sämtliche Lebensbereiche hinein, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. In der Folge einer vertanen politischen Chance für einen emanzipatorischen Wandel erleben wir nun eine enorm reaktionäre globale Konterrevolution – das unerfüllte Versprechen einer Protestwelle von „Platzbesetzern“, die sich über Kontinente hinweg ausbreitete, ist zu einer alles überrollenden Welle aus rechtsextremem Populismus, militärischen Besetzungen und algorithmusgetriebener Polarisierung des sozialen Lebens geworden. Muss die Diagnose unserer gegenwärtigen misslichen internationalen Lage nicht lauten, dass die Vertreter:innen des liberalen politischen Zentrums, die es seit Jahren nicht wagen, das Wort „Regimewechsel“ in Bezug auf autoritäre oder gar totalitäre Staaten auch nur in den Mund zu nehmen, nun selbst einen krassen Regimewechsel im eigenen Land erleben?

Die Frage des Posterprojekts der Kyiv Perenniale, wie Europa nach einem zehn Jahre andauernden Krieg Russlands gegen die Ukraine aussehen würde, beantwortete das Grafikdesignstudio Experimental Jetset mit einem Poster, das die Karte der Zehn Schwerter beziehungsweise die Pik-Zehn darstellt. Im Tarot und beim Kartenlegen steht diese Karte für Unglück, Trauer, Schmerz und ein tragisches Ende; das wie eine Speerspitze geformte Blatt oder Pik-Symbol wird häufig mit Waffen assoziiert. In dem sie die zehn Pik-Symbole durchstrichen und damit symbolisch neutralisierten, entschieden sich die Künstler:innen jedoch ganz bewusst dafür, die negative Bedeutung der Karte aufzuheben. Eine derartige kathartische Geste, die Negation der Negation, erscheint heute als eine der dringlichsten politischen Handlungen, die wir uns noch vorstellen können.