Ein gewöhnlicher Mensch mit einem aussergewöhnlichen Leben

April 2026

Von Amritsar über München und Teheran nach Toronto – und jetzt Berlin:

Ein Leben zwischen Vertreibung und entschlossenem Engagement

Zu Ratna Omidvar passen keine leichten Etiketten: Senatorin, Aktivistin, Politikerin, Wissenschaftlerin – all dies war sie schon, doch keines davon trifft sie wirklich. „Ich bin keine Professorin", sagt sie lachend, nachdem sie fälschlicherweise so angesprochen wird. „Ich würde mich eher als neugierige und engagierte Bürgerin bezeichnen. Ich bin nicht damit zufrieden, Probleme immer wieder zu beschreiben. Ich möchte Lösungen finden."

1949 in Indien geboren, hat sie vier Länder und Erschütterungen durchlebt, die viele zum Schweigen gebracht hätten: Mit 20 verließ sie Indien, um in München zu studieren, heiratete einen iranischen Kommilitonen und zog mit ihm nach Iran – „für immer", so ihr Plan. Fünf Jahre später zwang die Islamische Revolution sie 1981 zur Flucht. Es folgten vier Jahrzehnte des Neuaufbaus in Kanada, gekrönt mit der Berufung in den kanadischen Senat, dem sie von 2016 bis 20024 angehörte. Nun kehrt sie als Richard von Weizsäcker Fellow nach Deutschland zurück.

„Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, der ein außergewöhnliches Leben erfahren hat – mit Herausforderungen, aber auch mit immer neuen Chancen, die man sich kaum vorstellen kann", blickt sie zurück.

Angst und Gewalt: Eine Kindheit im Schatten der indisch-pakistanischen Teilung

Lange bevor Ratna Omidvar selbst Vertreibung erlebte, wuchs sie in ihrem Schatten auf. Geboren zwei Jahre nach der Teilung Indiens und Pakistans und aufgewachsen in Amritsar nahe der neuen Grenze, war die Partition – und die Gewalt, die sie brachte – in ihrer Familie allgegenwärtig. Ihr Großvater wurde inhaftiert, weil er an Gandhis Bewegung teilnahm. Ihre Tante, damals eine junge Frau, entkam nur knapp einer marodierenden Bande: Sie überlebte, weil die Verfolger lediglich ihr langes Haar zu packen bekamen – und dies abhackten.

„Ich habe fast jedes Buch gelesen, das über die Teilung geschrieben wurde", sagt Ratna Omidvar: „Immer geblieben ist die Angst, dass so etwas wieder passieren könnte." Was für sie ebenfalls blieb, ist die Empathie, die diese Erfahrung erzeugte: Was sie als Mensch und Bürgerin antreibt, ist „die Fähigkeit, mich in andere Menschen hineinzuversetzen", sagt sie. „Für mich ist das Persönliche politisch geworden." 

„Flucht, Freiheit und Erlösung": Ein Leben in drei Kapiteln

Sie beschreibt ihr Leben in drei Kapiteln: Flucht, Freiheit und Erlösung. Als Studentin in München verliebte sie sich in Deutschland: „Ich liebe die Sprache. Ich liebe die deutsche Dichtung – und Bayern ist der schönste Fleck der Welt!" Sie verliebte sich auch in Mehran, einen persischen Ingenieurstudenten, und entdeckte mit ihm die Bayrischen Alpen. „Wir kamen vom Berg herunter, entschlossen, den Rest unseres Lebens gemeinsam zu wandern." Fünf Jahre später zogen beide nach Teheran. Ratna Omidvar lernte Farsi, tauschte ihren indischen Pass gegen die iranische Staatsbürgerschaft und plante, für immer zu bleiben. „Ich erinnere mich, wie ich zu meinem Mann sagte: Wir müssen den Iran langsam entdecken, denn wir werden hier den Rest unseres Lebens verbringen", sagt sie – und fügt mit einem Anflug von Ärger hinzu: „Ich war nie in Schiras, weil ich es mir als etwas Besonderes aufgespart hatte!"

Die Islamische Revolution von 1978/79 durchkreuzte alle Pläne. Zunächst glaubte das Paar – inzwischen Eltern einer kleinen Tochter – nicht daran, dass die Revolution ihr Leben berühren würde. „Und dann befanden wir uns in dieser wahnsinnigen Hast, einer unmittelbaren Gefahr zu entkommen." 1981 floh die junge Familie über die Türkei aus dem Iran, das gesparte Geld im Gestänge des Kinderwagens versteckt. Der Schritt über die Grenze zur Türkei teilte ihr Leben in ein „Davor" und ein „Danach", sagt Ratna Omidvar. „Wir hatten kein Land mehr – und darüber bin ich vor Angst schier erstarrt."

Die junge Familie kehrte nach Deutschland zurück. Freunde in München hatten eine Wohnung für sie eingerichtet. Mit Kinderbett. Mit Spielzeug. „Ich werde noch immer emotional, wenn ich daran denke, wie viel Menschen uns geholfen haben." Sechs Monate später nahm Kanada sie auf.

Zurückgeben: Engagement und Politik mit Empathie

„Die Brücke zwischen Angst und Unsicherheit hin zu Sicherheit und Stabilität – dieser Weg und das, was danach kam, ist das Fundament von allem, was ich tue", sagt Ratna Omidvar. In Kanada von vorne anzufangen war schwer, doch wie in Deutschland gab es wieder Menschen, die halfen. „Ich wäre nicht in diesem Land, wenn Menschen kein Risiko für mich eingegangen wären", erklärt sie. „Ich kann es ihnen nicht zurückzahlen. Ich kann es nur weitergeben – und das versuche ich durch Politik, durch Engagement."

Ehrenamtliche Arbeit in einem Gemeindezentrum in Toronto bestimmte die Richtung für die folgenden vier Jahrzehnte: Ratna Omidvar arbeitete mit Einwanderer:innen und baute Organisationen und zivilgesellschaftliche Initiativen auf, die das Leben von Neuankömmlingen verbesserten. Sie wurde Präsidentin der Maytree Foundation, gründete den Toronto Region Immigrant Employment Council mit und initiierte die Global Diversity Exchange an der Toronto Metropolitan University – alles mit dem Ziel, Immigrant:innen gerechtere Chancen zu ermöglichen. Während der Syrienkrise 2015 organisierte sie Patenschaften für 20 Geflüchtetenfamilien.

2012, mit 63 Jahren, wurde sie in den Order of Canada aufgenommen. 2016 folgte die Berufung als unabhängiges Mitglied des kanadischen Senats. Sie verließ ihn 2024 mit Eintritt des gesetzlichen Ruhestands als eine der profiliertesten Stimmen Kanadas in Fragen der Migration, Inklusion und Minderheitenrechte. Ihr Senatskollege Stan Kutcher verabschiedete sie mit den Worten: „Manche Menschen sind sichere Häfen: Sucht ihre Gesellschaft. Ratna, du bist ein sicherer Hafen."

Ich möchte einen wirklichen Unterschied machen – ich möchte Lösungen umgesetzt sehen.

Written by Ratna Omidvar

Lösungen finden: Drei Wörter, die ein Gesetz veränderten 

„Ich möchte immer engagiert sein und einen Beitrag leisten. Aber über einen Beitrag hinaus möchte ich Lösungen umgesetzt sehen", sagt Ratna Omidvar. Ein Lieblingsbeispiel für das, was sie mit „Lösungen" meint, ist klein, präzise – und brauchte fünf Jahre: Nach kanadischem Recht konnten Staatsbürger:innen und Daueraufenthaltsberechtigte Studienkredite erhalten, aber anerkannte Geflüchtete – die trotz ihrer rechtlichen Anerkennung oft noch auf Papiere warteten – fielen durch das Raster. Jahre verlorener Bildungszeit waren die Folge. Als Senatorin drängte Ratna Omidvar auf eine gesetzliche Lösung und betrieb gleichzeitig ein Stipendienprogramm, um die Lücke zu überbrücken.

Am Ende wurden drei Wörter in das bestehende Gesetz eingefügt: „Jeder, der kanadischer Staatsbürger, dauerhaft aufenthaltsberechtigt oder anerkannter Geflüchteter ist, kann Studienkredite beantragen." Ratna Omidvar erzählt die Geschichte mit stiller Genugtuung.

„Mein Name bedeutet hoffnungsvoll …"

Was hält sie in schwierigen Zeiten aufrecht? Bei dieser Frage seufzt Ratna Omidvar. „Das Klima für Geflüchtete und Einwanderer:innen ist härter geworden…", sagt sie, bevor sie sich selbst stoppt. „Aber ich bin eine Optimistin. Wissen Sie, mein Name, Omidvar, mein Name heißt ‚hoffnungsvoll‘." Als sie heiratete, habe sie entgegen persischen Gepflogenheiten den Namen ihres Mannes angenommen, erzählt sie. „Ich fand, dass der Name meines Mannes so gut zu mir passte, dass ich ihn einfach wollte“, erklärt sie. „Also bin ich hoffnungsvoll. Ich bin hoffnungsvoll, dass wir trotz all der Herausforderungen um uns herum weiter unsere Menschlichkeit finden."