Kornely Kakachia kommt als erster georgischer Fellow an die Robert Bosch Academy, um zu untersuchen, wie Deutschland und die EU mit Europas östlicher Nachbarschaft umgehen. Er kennt diese Frage aus der Innenperspektive: Als Politikwissenschaftler arbeitet er seit Jahrzehnten daran, mit unabhängiger und überparteilicher Analyse Georgiens Weg zur Demokratie zu ebnen. Doch heute ist das Georgian Institute of Politics, die von ihm aufgebaute Denkfabrik, geschlossen. Georgien entfernt sich vom Westen, gegen den Willen der meisten Menschen im Land.
„Ich habe nicht bei null, sondern bei minus zwei angefangen.“
Kornely Kakachia wurde 1971 in einer Kleinstadt in Westgeorgien geboren. Sein Vater starb, als er acht Monate alt war; seine Mutter zog ihn allein groß. „In Amerika würde man jemanden wie mich einen Self-made-Man nennen“, sagt er.
Er wurde erwachsen, während sich die Sowjetunion auflöste. Kornely Kakachia gehörte zur ersten Generation georgischer Politikwissenschaftler:innen, die das Fach an einer Universität durchsetzten, an der noch wissenschaftlicher Kommunismus gelehrt wurde. Ringsum zerfiel das Land. „Wir hatten einen Bürgerkrieg. Wir hatten Stromausfälle. Wir standen für Brot an“, sagt er. „Manche nennen meine Generation eine verlorene Generation.“
Der gesamte Staat, von der Verfassung über die Parteien bis zur Zivilgesellschaft, musste erst aufgebaut werden. Kornely Kakachia erinnert sich an seine Studienzeit: „Wir besuchten unser erstes Außenministerium. Da saßen nur drei Leute. Georgien hatte nie ein Außenministerium gehabt. Man musste alles von Grund auf schaffen.“
Für Kornely Kakachia war die Politikwissenschaft der Weg nach vorn, doch dieser hatte einen Preis, der bis heute schmerzt. Um eine Wohnung kaufen zu können, ohne in eine Partei einzutreten oder Schmiergeld zu zahlen, arbeitete er zehn Jahre lang für die Vereinten Nationen, per Vertrag vom Publizieren ausgeschlossen. „Ich habe meine besten Jahre als Wissenschaftler verloren. Aber nur so ging es ohne Korruption“, sagt er.
„Am Ende muss dies dem Gemeinwohl dienen.“
Nach der Rosenrevolution, dem friedlichen Aufstand von 2003, der Präsident Eduard Schewardnadse – den früheren sowjetischen Außenminister, der Georgien seit 1992 geführt hatte – aus dem Amt trieb, kehrte Kornely Kakachia in die Wissenschaft zurück. Er ging an die Harvard Kennedy School, nach Columbia und kam dann wieder nach Hause.
Seine Studierenden wollten, dass er eine neue Universität aufbaute. Er gründete stattdessen eine Denkfabrik. Das Georgian Institute of Politics (GIP) entstand 2011, wuchs auf zwölf Mitarbeitende und wurde, in seinen Worten, „eine Marke“, eng vernetzt mit europäischen Forschungspartnern und Projekten.
Selbst Politiker zu werden, kam für ihn nie infrage, obwohl ihm wiederholt ein Mandat angeboten wurde. Das GIP sollte unabhängig und überparteilich sein, sagt Kornely Kakachia. „Es ging darum, Gesellschaft, Wissenschaft und Regierung im politischen Gespräch zusammenzubringen.“
„Viele meiner Freunde nannten mich Nokia“, sagt er und lacht. „Wissen Sie, Nokia, das Handy? Dessen Slogan hieß ,connecting people‘ (‚Menschen verbinden‘). Ich habe es geschafft, verschiedene Menschen zusammenzubringen, manchmal auch gegensätzliche.“ Dann wird er ernst. „Wissenschaft und Denkfabriken müssen zum Wissen der Gesellschaft beitragen, Menschen einbeziehen und ihnen gegenüber rechenschaftspflichtig sein“, sagt er. „Am Ende muss dies dem Gemeinwohl dienen.“
„Diese Regierung will nicht, dass man denkt.“
Das GIP ist inzwischen geschlossen. Es hat seine Arbeit eingestellt, weil das Umfeld zunehmend repressiv wurde, aber auch, weil sein Auftrag vom antidemokratischen Kurs Georgiens ausgehöhlt wurde. Gesetze nach russischem Vorbild machten den weiteren Betrieb unmöglich, weil sie Nichtregierungsorganisationen faktisch von ausländischer Finanzierung abschnitten.
„Diese Regierung will nicht, dass man denkt. Und dann braucht sie auch keine unabhängige Denkfabrik“, sagt Kornely Kakachia. „Wir haben viele Analysen und Empfehlungen geschrieben, vor allem für die Regierung. Aber wenn die Regierung nicht zuhört, wofür das alles? Für wen schreibt man dann?“
Die Schließungen treffen mittlerweile auch die Universitäten. Eine neue Regel erlaubt nur eine Fakultät pro Stadt, sodass nur eine einzige Hochschule in ganz Georgien die Politikwissenschaft lehren darf. „Manche Kritiker spotten: eine Stadt, eine Toilette.“
„Wer bist du dann noch?“
Das Schrumpfen des politischen und zivilgesellschaftlichen Raums in Georgien sei, als verlöre man seine Identität, sagt Kornely Kakachia. Und der Druck wird zunehmend persönlich. Während die Regierung ihre Kampagne gegen liberale Stimmen an den Universitäten verschärft, droht auch ihm, wie vielen Kolleg:innen, seine Stelle zu verlieren. Erst die Denkfabrik, nun bald wohl der Lehrstuhl: „Wer bist du dann noch?“, fragt er.
Dann scherzt er: Drei Jahre lang hatte Kornely Kakachia einen Jean-Monnet-Lehrstuhl inne, die renommierteste Professur, die die EU vergibt. Wenn die Regierung ihn hinauswirft, würde er die Marke behalten, sagt er lachend: „Dann werde ich der Jean-Monnet-Taxifahrer. Ich werde ein Jean-Monnet-Taxi haben.“
Georgien verlassen will Kornely Kakachia nicht. „Die Menschen hier vor Ort müssen über das Schicksal der georgischen Demokratie entscheiden.“ Er verweist auf russische und belarussische Oppositionelle, die ihr Land verließen und den Kontakt zur Heimat verloren. „Diesen Fehler sollten wir nicht wiederholen.“
„Georgien hat eine Kultur des Widerstands.“
Die Menschen in Georgien sind seine Hoffnung. Wo Kornely Kakachia Rückschritt in der Demokratie verzeichnet, beobachtet er zugleich Widerstand. Für eine Regierung, die sich Russland anpasst, während ihre Bevölkerung opponiert und an Europa und dem EU-Beitritt festhält, prägte Kornely Kakachia den Begriff „bandwagoning by stealth“ („heimliches Mitschwimmen“). „Die Regierung tut das eine“, sagt er, „aber sie kann nicht einfach machen, was sie will, weil die öffentliche Meinung dagegenhält.“
Der Widerstand ist konkret: Seit mehr als 500 Tagen protestieren die Menschen in Georgien. Auslöser war das Aussetzen der EU-Beitrittsgespräche durch die Regierung, nach einer Wahl im Oktober 2024, die internationale Beobachter:innen als von schweren Unregelmäßigkeiten überschattet sahen.
Fragt man Kornely Kakachia, wer ihn inspiriert, nennt er nicht berühmte Namen, sondern die Demonstrierenden. „Das sind einfache Bürger, und sie sind es, die diese Demokratiebewegung tragen“, sagt er. „Sie opfern so viel. Sie kommen ins Gefängnis, sie zahlen Strafen, sie werden angegriffen, besonders die Frauen.“
„Georgien ist ein Vorposten der westlichen Demokratie.“
Was ihn wütend macht, ist der Zeitpunkt des Rückschrittes in Georgien. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte Europa Georgien endlich seine Tür geöffnet: Im Dezember 2023 erhielt Georgien gemeinsam mit der Ukraine und Moldau den EU-Kandidatenstatus, in Kornely Kakachias Worten „ein Gewinnerlos“. Dann ließ die Regierung in Tiflis es verstreichen und verschob die Beitrittsgespräche auf 2028.
Kornely Kakachia ärgert auch, dass Europa nicht sieht, was auf dem Spiel steht. Im Südkaukasus, sagt er, konkurriert die EU längst nicht mehr nur mit Russland, sondern mit China, dem Iran und den Golfstaaten – Mächten, die Häfen und Straßen bauen und keinerlei demokratische Bedingungen daran knüpfen, wie Brüssel es tut. Die Antwort sei jetzt nicht, Georgien aufzugeben, sondern für das Land zu werben, sagt Kornely Kakachia: „Georgien kann ein Vorposten der westlichen Demokratie in dieser Region sein. Wenn Georgien Erfolg hat, schauen andere hin und sagen: Dieses arme Georgien hat es geschafft, warum wir nicht?“
„Ich glaube an den Spirit der Georgier:innen.“
Genau dafür ist er nach Berlin gekommen: dafür zu werben, dass Europa mehr für Georgien tut, nicht weniger. Der erste Georgier, der je an die Robert Bosch Academy berufen wurde, versteht seine Richard von Weizsäcker Fellowship weniger als Auszeichnung für sich als für sein Land. Es geht um das Brückenbauen, für das er bekannt ist: In Berlin will er Europa erklären, warum Georgien wichtig ist, und den Georgier:innen vermitteln, was Europa tun wird und was nicht. Und bei aller Düsternis bleibt Kornely Kakachia Optimist. „Ich glaube an den Spirit der Georgier:innen.“
Kornely Kakachia
September 2026 - März 2027
„Warum unterschätzt Europa noch immer die strategische Bedeutung Georgiens und der Schwarzmeerregion? Und was braucht es, damit Deutschland und die EU sich ernsthaft und dauerhaft engagieren, bevor konkurrierende und autoritäre Mächte das entstehende Vakuum besetzen?“