Gemeinsam nach den Fragen suchen, die unsere Zeit stellt

Bild
Berlin 2026

Ein Ort des gemeinsamen Denkens

Wenn ich die Robert Bosch Academy mit einem einzigen Bild erklären müsste, würde ich nicht unbedingt mit Fellowships oder Vorlesungen beginnen. Mein Ausgangspunkt wäre ein Hain vor den Toren Athens.

Erst kürzlich erinnerte mich unser Fellow, der Kurator und Philosoph Vasyl Cherepanyn, daran, dass die Akademia im alten Griechenland ursprünglich keine Institution, sondern ein Ort war: Nach dem mythischen Helden Akademos benannter Hain, der Platon und seinen Gefährten als Treffpunkt diente. Was dort entstand, war eine Gemeinschaft der intellektuellen Auseinandersetzung. Gemeinsam und oft kontrovers beschäftigte man sich mit Fragen der Politik, der Ethik und der Wahrheit ebenso wie der Gesellschaftsordnung.

Heute, mehr als zwei Jahrtausende später, hallt dieses Verständnis einer Akademie, das in zahlreichen Traditionen der Denkens über Zeit und Kontinente hinweg immer wieder aufgegriffen wurde, noch immer in mir nach. Und ich meine, vielleicht ist es sogar eine der besten Möglichkeiten, die Robert Bosch Academy zu verstehen.

Im Kern bietet die Academy vor allem Raum für gemeinsames Denken. Im Rahmen von Fellowships, Vorlesungen, Workshops und zahlreichen Gesprächen bringen wir Menschen unterschiedlicher Länder, Berufe und Lebenswelten zusammen. Wir tun dies, weil viele der Fragen, die uns heute beschäftigen – Demokratie, Technologie, Konflikte, Migration, Klima, sozialer Zusammenhalt –, nationale und disziplinäre Grenzen überschreiten. Diese Fragen lassen sich nicht aus nur einer Perspektive beantworten. Sie verlangen nach intellektueller Offenheit, Neugier und der Bereitschaft, sich auf Menschen einzulassen, deren Erfahrungen und Sichtweisen von den eigenen abweichen.

Gespräch als Form des Denkens

Unser Motto – Space to Think. Reason to Act. – steht für die tiefe Überzeugung der Academy, dass Denken kein Selbstzweck ist, sondern immer auch eine Form, mit der Welt in Beziehung zu treten. Denken und Handeln gehören zusammen. Gutes Urteilsvermögen erwächst aus Reflexion – und Reflexion gewinnt dort ihre eigentliche Bedeutung, wo sie unser handeln leitet. Zugleich verweist Reason to Act auf die doppelte Bedeutung des englischen Wortes reason: Es meint sowohl den Grund für unser Handeln als auch Vernunft und Urteilsvermögen – die Fähigkeit, eine komplexe Welt zu verstehen.

Für die Academy sind Gespräche deshalb mehr als ein Austausch von Meinungen. Sie sind eine Form des Denkens. Gespräche ermöglichen uns, Annahmen zu überprüfen, Ideen zu schärfen und auf Perspektiven zu treffen, die unsere eigenen infrage stellen. Oft führen sie nicht unmittelbar zu Antworten. Ihr eigentlicher Wert liegt woanders.

Nämlich darin, herauszufinden, wann althergebrachte Antworten nicht mehr ausreichen. Ein Gedanke, auf den ich oft zurückkomme, stammt aus der Tradition der Kritischen Theorie, die die Philosophin Eva von Redecker kürzlich neu aufgegriffen hat: Wahrheit hat einen Zeitkern. Die Bedeutung von Ideen, Konzepten und Antworten bemisst sich daran, wie sie auf die Bedingungen ihrer jeweiligen Zeit reagieren und ob sie uns helfen, eine sich wandelnde Welt zu verstehen. Verändern sich die Umstände, können vertraute Antworten ihre Kraft verlieren. Und so stehen wir immer wieder vor derselben einfachen Überlegung:  Wie lautet die nächste Frage?
 

Die Freiheit anders zu denken

Öffentliche Debatten kreisen häufig um Fragen, die bereits sichtbar geworden sind. Die Academy richtet ihren Blick ebenso auf jene, die sich gerade erst abzeichnen: auf Entwicklungen, deren Tragweite noch nicht vollständig erkennbar ist, auf Annahmen, die nicht länger tragen, und auf Herausforderungen, für die wir noch keine angemessene Sprache gefunden haben.

Eine der Herausforderungen unserer Zeit besteht darin, dass Beschleunigung, Komplexität und der ständige Anspruch, unmittelbar reagieren zu müssen, unseren Blick für das Mögliche allmählich verengen. Wir sind damit beschäftigt, die Gegenwart zu bewältigen, und verlieren darüber leicht mögliche Zukünfte aus dem Blick. Intellektuelle Freiheit ist deshalb so wichtig, weil sie die Möglichkeit offenhält, dass die Welt auch anders sein könnte.

Dafür braucht es Zeit, Offenheit und die Bereitschaft, vertraute Denkmuster hinter sich zu lassen. Und, neben intellektueller Neugier, auch intellektuellen Mut. Eine solche Freiheit ist niemals selbstverständlich.

Die Academy möchte diesen Möglichkeitsraum bewahren. In einer zunehmend von Unmittelbarkeit geprägten Welt schafft die Academy den Nährboden für Reflexion, für das Entstehen unabhängiger Meinungen, für intellektuelle Entdeckungsreisen. In vertrauensvoller Atmosphäre sind Fellows und Gäste 
eingeladen, sich auf Ungewissheit einzulassen, Widersprüchen auf den Grund zu gehen und für all das offen zu bleiben, was wir noch nicht vollständig verstehen.

Diese Freiheit ist Privileg und Verantwortung zugleich.

In diesem Sinne ist die Academy ein Ort, an dem intellektuelle Freiheit mit dem Engagement für das Gemeinwohl einhergeht. Ein Ort, an dem Fragen nicht nur um ihrer selbst willen gestellt werden, sondern weil unser Verständnis der Welt bestimmt, wie wir in ihr handeln.

Ich lade Sie herzlich ein, diesen Weg des gemeinsamen Denkens mit uns zu gehen.