Bild
Woran arbeiten Sie als Fellow der Robert Bosch Academy?
Ich möchte Teil einer gerechten Welt sein. Wir müssen unser Verhältnis zur Technologie ebenso neu gestalten wie die Technologien selbst, wenn wir gemeinsam eine gerechte Welt schaffen wollen.
Wie sieht ein Internet aus, das auf den Werten der Selbstbestimmung, Sicherheit und Freiheit aufbaut? Das ist die Frage, die den Rahmen meiner Forschung bildet, die ich mir selbst stelle und die ich in Gesprächen mit vielen anderen gestellt habe. Ich erwarte keine „Antworten“ oder „Lösungen“, sondern Überlegungen und Erfahrungen, Gefühle und Hoffnungen. Letztendlich denke ich, dass wir wissen, was Selbstbestimmung bedeutet, sobald wir die Erfahrung gemacht haben, dass unsere Rechte ignoriert werden. Wir wissen, was Sicherheit bedeutet, wenn wir verletzt werden und wir verstehen, was Freiheit bedeutet, wenn wir in Unfreiheit leben. Diese Konflikte sind unvermeidbar, wenn wir uns einen sozialen Raum wie das Internet teilen. Es geht also nicht darum, eine Welt und ein Internet zu erschaffen, die stets konfliktfrei und gerecht sind, sondern vielmehr um eine Welt, in der wir die Möglichkeit haben, verantwortungsvoll miteinander umzugehen, Konflikte auszutragen und zu koexistieren.
Meine Frage scheint viele weitere Fragen aufzuwerfen: Was ist mit den Milliarden von Menschen, die nicht online sind? Wie lassen sich Gemeinschaft und Individuum angesichts einer unübersichtlichen Fülle kommerzieller und damit eingeschränkt freier Software schützen? Wie könnten Rechenschaftspflichten und Wiedergutmachung jenseits der bestehenden Strukturen staatlicher Instanzen und unternehmerischer Verantwortung aussehen? Wo können wir ansetzen, um etwas anderes aufzubauen? Die Frage, auf die ich immer wieder als Erstes zurückkomme, noch vor allen anderen Fragen nach dem Wie und Wo, lautet: Wer fängt an? Wer baut etwas anderes auf?
Wir brauchen uns nur umzusehen, um zu erkennen, was das Resultat der vergangenen 40 Jahre ist, als die Privilegiertesten die Technologie weiterentwickelt haben und auch über den Zugang zu dieser Technologie, die Ausbildung, die Finanzierung und die Ressourcen entschieden haben. Ich denke, wir sollten alle gemeinsam beginnen, auf unsere eigene Art und Weise, wo auch immer wir uns befinden, etwas Neues aufzubauen.
Was sind die wichtigsten Themen in Ihrem Arbeitsfeld?
Es gibt so viele wichtige und herausfordernde Themen, die im gesamten Technologiebereich zu berücksichtigen sind: vom Internetzugang bis zum Recht auf Reparatur von Technologieprodukten; von der Voreingenommenheit der Algorithmen bis zu Medienrassismus und von digitaler Überwachung bis zum Datenschutz. In all diesen Diskussionen sind die Werte Selbstbestimmung, Sicherheit und Freiheit als rote Fäden zu erkennen.
Darüber hinaus haben einige spezifischere Themen meine Arbeit geprägt und meine Interessen beeinflusst, zu ihnen gehören:
Wie nehmen Sie die gegenwärtigen Debatten wahr, die darüber geführt werden, wie Technologien zum Besseren eingesetzt werden können?
Es ist wichtig, die zugrunde liegende Frage zu benennen: Kann Technologie neutral sein? Kann eine Technologie „dem Guten“ dienen? Und natürlich muss man bei der Beantwortung dieser Frage darauf achten, wer daraus einen Nutzen zieht (oder besser gesagt, wer davon – im Wortsinn – profitiert).
Im jüngsten Buch, das ich gemeinsam mit Afua Bruce verfasst habe, The Tech That Comes Next, argumentieren wir, dass von Menschen geschaffene Technologien niemals neutral sein können, weil Menschen nicht neutral sind. Wenn wir den Mythos glauben, dass Technologie neutral sein kann – ein Mythos, der uns regelmäßig und ganz bewusst von Technologieunternehmen verkauft wird –, dann trennen wir Technologie von ihren politischen und sozialen Auswirkungen. Natürlich ist Technologie politisch! Aber die Annahme, sie sei es nicht, nützt den Technologieunternehmen, insbesondere den größten, die so die Erwartungen an die Rechte und den Schutz des einzelnen Nutzers und der Gesellschaft als Ganzes lockern oder auslöschen.
Daraus ergibt sich, dass keine Technologie ausschließlich oder vollständig „gut“ sein kann. Für wen sie gut ist, wie sie genutzt wird, wie sie aufrechterhalten wird und so weiter, ergibt sich aus den subjektiven Auswirkungen auf verschiedene Gruppen. Diese Denkweise verleitet uns auch zu der Annahme, wir könnten Technologien in gute und schlechte einteilen. Und das wiederum lenkt davon ab, sich auf die Bedürfnisse, die Autonomie und die Verantwortlichkeiten zu konzentrieren. Diese Aspekte sollten klar definiert sein für alle Technologien und die Communities, die sie benötigen, nutzen und denen sie letztlich sogar gehören.
Welche Erkenntnisse für Ihre Arbeit erhoffen Sie sich von Ihrem Stipendium?
Ich bin offen für Erkenntnisse aus vielen verschiedenen Fachrichtungen, Regionen und Perspektiven. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit der Abschaffung der Sklaverei. Die Lehren aus der Arbeit und dem Denken der Abolitionist:innen haben mich am meisten inspiriert und mir die Kraft gegeben, die Systeme, die ich heute erlebe, in Frage zu stellen und über eine neue Zukunft nachzudenken. Es kann überwältigend und lähmend sein, wenn man sieht, wie Beschränkung von Freiheiten und Freiheitsentzug, Macht, Vorherrschaft und Unterdrückung sowohl in den Regierungsstrukturen als auch in den Unternehmensstrukturen um uns herum verankert sind. Doch es liegt eine Stärke darin, klar zu beobachten, was geschieht. Das ermöglicht uns, besser zu verstehen und uns zu vergegenwärtigen, wie es anders sein könnte und sein müsste.
Zum Glück bin ich nicht der einzige Mensch, der sich für die Zukunft des Internets und unserer Welt interessiert! Ich bin begeistert und dankbar für die Gelegenheit, diese Gespräche, Ideen und Fragen mit so vielen anderen zu erforschen – ja, zu träumen. Ich erhoffe mir Einblicke in einige Bereiche, darunter:
Was macht Berlin und Deutschland für Ihre Arbeit relevant?
Für mich ist es wichtig, aus meinem gewohnten Umfeld herauszukommen, um nachzudenken und die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Berlin ist ein hervorragender Ort, da der Zeitunterschied ausreicht, um mich von meinem Arbeitsalltag in den USA zu lösen. Was mir hier sofort aufgefallen ist, ist das Interesse der Menschen, die ich getroffen habe, und ihre Fähigkeit, große Fragen zu stellen, ohne sofort klare Antworten zu erwarten.
Mehr noch als in Berlin im Allgemeinen habe ich festgestellt, dass die Teilnahme an der Robert Bosch Academy bereits zu unglaublichen Gesprächen unter den Fellows geführt hat, wie es nur in interdisziplinären und vielfältigen Gruppen der Fall ist. Es ist ein Privileg zu sehen, wie meine Fragen von Menschen, die in Feldern wie Gesundheit, Geschichte, Demokratie und Klimawandel arbeiten, aufgegriffen werden und wie wir uns gegenseitig beeinflussen. Gemeinsam sind wir immer stärker, und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung aus erster Hand.