Frieden und Menschenrechte
Ratna Omidvar spricht über Migration nicht als abstraktes Politikthema, sondern aus eigener Erfahrung. 1949 in Indien geboren, wuchs sie im Schatten der Teilung Indiens und Pakistan von 1947 auf. Nach einem Germanistikstudium in München zog sie mit ihrem iranischen Mann nach Teheran. Nach der Islamischen Revolution floh sie 1981 mit ihrer Familie über Deutschland nach Kanada.
Diese Erfahrung prägt bis heute die Frage, die sie in ihrer Arbeit leitet: Wie schafft man Bedingungen, unter denen Einwanderer:innen ihr volles Potenzial entfalten können?
In 40 Jahren Arbeit an den Schnittstellen von Zivilgesellschaft, Politik und Forschung in Kanada gründete und leitete sie Organisationen, die sich für einen besseren Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt für Einwanderer:innen einsetzen. Dazu gehören der Toronto Region Immigrant Employment Council (TRIEC), die Global Diversity Exchange an der Toronto Metropolitan Universität und die Maytree Foundation.
Von 2016 bis 2024 war sie unabhängige Senatorin im kanadischen Senat und leitete den Senatsausschuss für Soziales, Wissenschaft und Technologie. Weithin anerkannt für ihre Expertise in Migrations- und Integrationsfragen, trieb sie – neben anderen Initiativen – Gesetzesreformen voran, die die Bildungs- und Arbeitsmarktchancen für Einwanderer:innen verbesserten.
Kern ihres Engagements ist ihre Überzeugung, dass Immigration eine Chance für aufnehmende Länder wie Deutschland und Kanada ist, die unter Arbeitskräftemangel und alternden Gesellschaften leiden. Integration zu fördern, ist daher keine Leistung für Immigrant:innen allein, sondern eine Investition in die Wirtschaft und das soziale Miteinander der aufnehmenden Länder, so Omidvar.
Für ihr zivilgesellschaftliches Engagement wurde Ratna Omidvar 2011 in den „Order of Canada“ berufen und erhielt 2014 das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Im Jahr 2026 ist sie Richard von Weizsäcker Fellow der Robert Bosch Academy.
Richard von Weizsäcker Fellowship 2026
Neue Impulse für die deutsch-kanadische Partnerschaft zu Migration
Als Richard von Weizsäcker Fellow möchte Ratna Omidvar die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kanada in der Migrationspolitik mit neuer Energie und konkretem gemeinsamen Handeln füllen. Beide Länder teilen nicht nur Grundwerte wie Demokratie und Menschenrechte; sie stehen heute auch vor ähnlichen Herausforderungen, sagt sie. Dazu gehören alternde Bevölkerungen, Arbeitskräftemangel, wachsende Skepsis gegenüber Einwanderung und die Notwendigkeit, Flucht- und Arbeitsmigration menschenwürdig zu gestalten.
Migration mit anderen Augen sehen
Kanadas Erfahrung als multikulturelle Gesellschaft und Deutschlands wachsendes Selbstverständnis als Einwanderungsland böten die Grundlage für eine vertiefte bilaterale Zusammenarbeit, sagt Omidvar und postuliert einen dringenden Perspektivwechsel: „Geflüchtete werden auf eine Weise etikettiert, die ihnen wirklich wichtige Eigenschaften nimmt: Geflüchtete sind Ärzt:innen, Handwerker:innen, Köch:innen, Ehefrauen, Studierende. Sie haben Kompetenzen, die man nicht entdecken kann, solange man sie nicht dabei unterstützt, sich zu stabilisieren."
Mit der Zivilgesellschaft Integration verbessern
Aufbauend auf dem deutsch-kanadischen Migrationsabkommen will Ratna Omidvar erkunden, wie sich die bilaterale Partnerschaft durch den Austausch bewährter Praktiken, gemeinsame Forschung, innovative Kooperationen und geteilte Evaluation mit neuem Leben füllen lässt. Besonders interessiert sie sich für eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Städten, Hochschulen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Mehr bürgerschaftliches Engagement ist für sie der Schlüssel zur gelingenden Integration von Migrant:innen und Geflüchteten. Sie verweist hierbei auf erprobte Ansätze in Kanada, wo etwa der Staat NGOs finanziert, Bürger:innen Patenschaften für Geflüchtete übernehmen und Bundesländer ihre eigenen Einwanderungskontingente festlegen.
Neue Partnerschaften in Forschung, Innovation und Politik
Zentrale Fragen für Omidvar sind: Welche Politikfelder – etwa Arbeitsmarktintegration, Anerkennung ausländischer Abschlüsse oder Fluchtmigration – bieten das größte bilaterale Potenzial? Und wie lassen sich politischer Wille, behördliche Abstimmung und öffentliche Meinung so mobilisieren, dass tragfähige Lösungen entstehen?
Geflüchtete und Migrant:innen sind eine Chance für die Länder, die sie aufnehmen, sagt Omidvar. Einsatz und Ausdauer der Einwanderer:innen seien aus der Not heraus entstanden. „Ich kann Ihnen Geschichte um Geschichte von Menschen erzählen, die nach Kanada gekommen sind, um Schutz zu suchen, und dieses Land zu einem besseren gemacht haben – ganz unabhängig davon, dass sie ein gutes Leben für sich aufgebaut haben. Sie haben unser Land zu einem besseren gemacht."