Richard von Weizsäcker Forum 2025
Was passiert, wenn vertraute Ordnungen brüchig werden und die Zukunft weniger als Möglichkeitsraum denn als Abfolge von Krisen erscheint? Diese Frage stand im Zentrum des Richard von Weizsäcker Forums 2025. Über fünf Tage kamen knapp 70 Fellows der Robert Bosch Academy in Berlin und Frankfurt zusammen, um gemeinsam mit internationalen und deutschen Gästen darüber nachzudenken, wie gesellschaftliche, politische und ökologische Transformation unter Bedingungen tiefgreifender Unsicherheit gestaltet werden kann.
Das Forum ist das jährliche Treffen der Fellows der Academy. Es bietet die Möglichkeit, sich über Jahrgänge, Disziplinen und Regionen hinweg auszutauschen und in einem geschützten Rahmen miteinander ins Gespräch zu kommen. Hier ist Raum für Reflexion, kontroverse Debatten und neue Verbindungen. Gleichzeitig die Academy ihre Arbeit punktuell nach außen: durch Gespräche mit politischen Entscheidungsträger:innen, Vertreter:innen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sowie durch Begegnungen mit Orten, an denen globale Herausforderungen ganz konkret sichtbar werden.
Transformation vor Ort: Komplexität begehen
Ein zentrales Element des Forums war die Auseinandersetzung mit Transformation dort, wo sie alltäglich verhandelt wird. In Frankfurt erkundeten die Fellows, wie globale Umbrüche auf lokaler Ebene spürbar werden – und welche Handlungsspielräume sich daraus ergeben.
Bei der Europäischen Zentralbank stand die Frage im Raum, wie finanzielle Stabilität, politische Verantwortung und Innovationsfähigkeit in einer fragmentierten Welt zusammengedacht werden können. Am Frankfurter Flughafen ging es um die Zukunft kritischer Infrastrukturen: um Nachhaltigkeit, Resilienz und die Grenzen technischer Steuerbarkeit in einem hochvernetzten System. Im Rheingau zeigte sich am Beispiel des Weinbaus, wie Klimawandel nicht abstrakt bleibt, sondern sich als tägliche Anpassungsaufgabe zeigt – vom Weinberg bis in den Keller.
Diese Begegnungen machten sichtbar, dass Transformation selten linear verläuft. Sie ist geprägt von Zielkonflikten, Abwägungen und Entscheidungen unter Unsicherheit – und davon, dass globale Krisen immer konkrete, lokale Formen annehmen.
Macht, Technologie und planetare Grenzen
Auch digitale Technologien standen im Fokus des Forums – insbesondere die Frage, welche politischen, ökologischen und geopolitischen Implikationen der rasante Ausbau von KI-Infrastrukturen mit sich bringt. In Gesprächen über Energieverbrauch, Rohstoffabhängigkeiten und digitale Souveränität wurde deutlich, wie eng technologische Innovation mit globalen Machtverhältnissen und ökologischen Kosten verwoben ist.
Dabei ging es weniger um technologische Lösungen als um grundlegende Fragen: Wie lässt sich Innovation denken, ohne planetare Grenzen weiter zu verschieben? Welche Verantwortung tragen Staaten, Unternehmen und Zivilgesellschaft in einem Feld, das von asymmetrischen Abhängigkeiten geprägt ist? Und wo liegen die blinden Flecken einer Debatte, die Fortschritt häufig von seinen materiellen Voraussetzungen entkoppelt?
Young, Yet Powerless? The Future of Young People in the Aging Society. Panel Discussion with Frederike Hofmann-van de Poll (German Youth Institute), Ayush Yadav (Federal Student Conference), Nadine Wacker (Hessian Youth Council), Roberta Bojang (Host).
Junge Stimmen in alternden Gesellschaften
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Rolle junger Menschen in alternden Gesellschaften. In Frankfurt diskutierten Jugendvertreter:innen, Forschende und politische Akteur:innen, wie politische Teilhabe jenseits symbolischer Beteiligung aussehen kann – und welche strukturellen Veränderungen notwendig sind, damit junge Perspektiven tatsächlich Einfluss gewinnen.
Die Gespräche zeigten, dass es hierfür keine einfachen Antworten gibt. Unterschiedliche Vorstellungen von Repräsentation, neue Formen des Engagements und Fragen intergenerationeller Gerechtigkeit standen nebeneinander. Klar wurde jedoch: In Gesellschaften, in denen junge Menschen zahlenmäßig in der Minderheit sind, braucht es bewusste, verlässliche Strukturen, um ihre Stimmen hörbar und wirksam zu machen.
Future Narratives: From Reflection to Agency with Jasmine Alakari (Artist)
Die transformative Kraft von Imagination und Storytelling
Durch das gesamte Forum zog sich eine übergreifende Frage: Welche Rolle spielt Imagination in Zeiten der Krise? In mehreren Sessions wurde deutlich, dass gesellschaftlicher Wandel nicht allein aus Analysen und Strategien entsteht, sondern auch durch Erzählungen, Bildern und Momente, die unmittelbar erfahrbar sind.
Künstler:innen, Aktivist:innen und Fellows reflektierten, wie Storytelling Brücken schlagen, Agency stärken und festgefahrene Denkmuster irritieren kann. Dabei ging es nicht um Narrative als Instrumente der Überzeugung, sondern um das Öffnen von Räumen: für andere Perspektiven, für Emotionen und für Erfahrungen, die sich rationalen Kategorien entziehen. Im Austausch wurde spürbar, dass Imagination nicht im Gegensatz zu politischem Handeln steht, sondern dessen Voraussetzung sein kann.
Offene Fragen statt fertiger Antworten
Das Richard von Weizsäcker Forum 2025 verstand sich nicht als Ort fertiger Ergebnisse. Im Mittelpunkt standen Fragen, Spannungen und Denkbewegungen – und die Bereitschaft, Mehrdeutigkeit auszuhalten. In vielen Gesprächen wurde deutlich: Pessimismus ist ein Privileg, das sich nicht alle leisten können.
Handlungsfähigkeit entsteht dort, wo Menschen trotz Unsicherheit Verantwortung übernehmen und sich als wirksam begreifen.
Was bleibt, sind keine abgeschlossenen Thesen, sondern ein gemeinsamer Denkraum: die Frage, wie Zukunft unter Bedingungen von Krise, Ungleichheit und ökologischer Begrenzung neu vorgestellt werden kann – und welche Formen von Zusammenarbeit, Führung und Imagination dafür notwendig sind.
Richard von Weizsäcker Forum 2025
6.–10. Oktober 2025
Berlin & Frankfurt am Main
Teilnehmende
ca. 70 Richard von Weizsäcker Fellows aus über 40 Ländern
Wir danken unseren Impulsgeber:innen aus Politik, internationaler Zusammenarbeit, Zivilgesellschaft, Medien & Forschung, Wirtschaft sowie Kunst & Kultur für ihre Beiträge zum Forum.
Dima Al-Khatib · Jasmine Alakari · Sanam Naraghi Anderlini · Jana Baschin · Peter Beyer · Jakob Blankenburg · Agnieszka Brugger · Lars Castellucci · Lynn Debilzen · Dino Patti Djalal · Wiebke Esdar · Nabil Fahmy · Frederike Hofmann-van de Poll · Franziska Hoppermann · Sharinee Jagtiani · Zakariyya Meißner · Swapna Kona Nayudu · Jonathan Niesel · Konstantin von Notz · Kathrin Puff · Markus Reichel · Julia Reinhardt · Chris Reiter · Carne Ross · Johann Saathoff · Sebastian Schäfer · Nils Schmid · Isabel Schnabel · Roman Senkl · Nadine Wacker · Anja Wehler-Schöck · Ayush Yadav · Lili Zahavi