Was wir über die transatlantische Spaltung zwischen illiberalen und liberalen Kräften wissen sollten

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Daniel S. Hamilton hielt im Mai 2026 die erste Academy Lecture der Robert Bosch Academy. Der nachfolgende Text kann geringfügig von seinem Vortrag abweichen.

Es ist mir eine Freude, im Kreis von Freundinnen und Freunden sowie Kolleginnen und Kollegen an die Robert Bosch Academy zurückzukehren. Für die Unterstützung der Stiftung über all die Jahre bin ich zutiefst dankbar, und ich freue mich über diese Gelegenheit, meiner Wertschätzung erneut Ausdruck zu verleihen.

Nach meinem Ausscheiden aus dem State Department unterstützte mich die Stiftung dabei, an meiner Universität die Richard-von-Weizsäcker-Professur einzurichten. Ich hatte das Privileg, Richard von Weizsäcker persönlich gekannt zu haben; eine Professur innezuhaben, die seinen Namen trägt, war für mich daher nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Verpflichtung, klare und nicht selten auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen und zu begreifen, dass Führung am besten durch verantwortungsbewusstes Handeln zum Ausdruck kommt.

Vielleicht war es ja diese Verbindung, die Dieter Berg, den damaligen Leiter der Stiftung, dazu bewog, mich um Unterstützung beim Aufbau eines neuen Projekts zu bitten. Ich fragte, worum es gehe. Er sagte: „Das Projekt läuft unter dem Namen Richard von Weizsäcker Fellowship. Es wird in Berlin angesiedelt sein und wir wollen, dass du uns beim Aufbau hilfst.“ Ich antwortete: „Klingt interessant. Wie viel Zeit würde ich etwa einplanen müssen?“

„Ein Jahr“, sagte er. „Wann müsste ich anfangen?“, fragte ich. „In zwei Monaten“, antwortete er. Ich wollte gerne einen Beitrag leisten, konnte aber in Washington nicht einfach alles stehen und liegen lassen und für ein Jahr nach Berlin kommen. Daher bot ich an, zunächst für einige Monate zu bleiben und vielleicht später noch einmal zurückzukehren. Und genau so kam es.

Einige Monate später war ich also zurück in meiner zweiten Heimat Berlin, während dieses wunderbare Gebäude noch im Bau war. Der liebliche Klang von Presslufthämmern erfüllte die Luft, während ich versuchte, die Erwartungen der Stiftung zu erfüllen und den mir selbst auferlegten Verpflichtungen gegenüber dem Namen Richard von Weizsäcker gerecht zu werden. Ich freute mich sehr, bei der Entstehung dessen dabei zu sein, was zur Robert Bosch Academy und ihrer Gemeinschaft von Fellows geworden ist.

Dann ereignete sich ein besonders folgenreicher Zwischenfall: Das nebenan entstehende, passenderweise Titanic genannte Hotel löste sich gewissermaßen aus seiner Verankerung und neigte sich gegen das neue Bosch-Gebäude. Es folgte allerlei Aufregung, doch mein kurzer Aufenthalt war zu Ende, und es war Zeit, nach Hause zurückzukehren.

Zum Glück scheint das Gebäude nun doch stabil, und die Robert Bosch Stiftung ist fest im Boden verankert. Heute ist es umso wichtiger, dass Sie standhaft bleiben, denn auch die transatlantischen Beziehungen haben sich inzwischen aus ihrer Verankerung gelöst. Dabei kommt mir die ursprüngliche Titanic in den Sinn. Als man 1909 mit ihrem Bau begann, verkündeten ihre Eigentümer stolz, sie sei „praktisch“ unsinkbar.

Das beschreibt treffend, wie wir in den vergangenen 80 Jahren über die europäisch-amerikanischen Beziehungen gedacht haben: praktisch unsinkbar.

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Daniel Hamilton Robert Bosch Academy Lecture ©Anita Back.jpg

Zu unserem Entsetzen haben wir einen Riss im Rumpf entdeckt. Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir, dass dieser Riss nicht zwischen den Vereinigten Staaten und Europa verläuft, sondern zwischen transatlantischen Liberalen und transatlantischen Illiberalen; zwischen Akteuren des politischen Mainstreams auf beiden Seiten des Atlantiks und einem erstarkten transatlantischen Bündnis amerikanischer und europäischer rechtsextremer Rebellen. Diese stellen die Normen infrage, an denen sich unsere Gesellschaften orientieren und die seit acht Jahrzehnten den Rahmen der transatlantischen Partnerschaft bilden.

Zur Klarstellung: Mit dem Begriff „Liberale“ meine ich das gesamte Spektrum politischer Akteure – sei es aus dem linken oder rechten Lager oder der Mitte –, die sich als Teil der westlichen liberalen Tradition verstehen. Diese Tradition ist geprägt vom Bekenntnis zu Pluralismus sowie vom Schutz individueller Freiheiten, der Demokratie, der Gewaltenteilung und der Rechtsstaatlichkeit. „Illiberale“ wiederum sind größtenteils weiße Ethnonationalisten. Sie eint der Vorwurf, transatlantische Liberale und Politiker des Mainstreams hätten individuellen Freiheiten Vorrang vor der Unantastbarkeit nationaler Kulturen eingeräumt, den Freihandel dem Schutz bedrängter Arbeiter in ländlichen Regionen und in der Industrie vorgezogen, die politischen Wahlmöglichkeiten eingeschränkt, „traditionelle Familienwerte“ angegriffen, ihren Gesellschaften „Wokeness“ eingeimpft und die freie Rede zu Themen wie Migration und race bzw. ethnische Zugehörigkeit unterdrückt. Sie mögen zwar durch demokratische Wahlen nach Macht streben; sobald sie diese erlangt haben, missachten einige jedoch die verfassungsrechtlichen Grenzen ihrer Befugnisse, missbrauchen den Rechtsstaat, manipulieren Wahlen und entziehen Menschen grundlegende Rechte und Freiheiten. Sie greifen Konservative des Mainstreams mindestens ebenso scharf an wie Progressive.

Donald Trump verkörpert genau diese Spaltung. Er will, dass sich die Vereinigten Staaten aus Europa zurückziehen. Er hat mit hohen Zöllen gedroht, Dänemarks Souveränität mit dreisten Ansprüchen auf Grönland infrage gestellt, NATO-Verbündete drangsaliert, widersprüchliche Botschaften zur Stärke der US-Truppen in Deutschland und Polen ausgesandt, die Bereitstellung von für die Abschreckung entscheidenden US-Langstreckenmarschflugkörpern eingestellt und die Unterstützung für die Ukraine beendet, während er Wladimir Putin die Hand reichte. Laut seiner Nationalen Sicherheitsstrategie sollte es Ziel der US-Politik sein, „Widerstand gegen Europas gegenwärtigen Kurs zu fördern“. Sein Krieg gegen den Iran hat die größte Energiesicherheitskrise der Geschichte ausgelöst.

US-Vizepräsident J. D. Vance äußert sich sogar noch herablassender: Er erklärte den europäischen Verbündeten, sie könnten nicht auf die Vereinigten Staaten zählen, wenn sie die Migration nicht drosselten oder weiterhin verhinderten, dass illiberale Parteien politische Macht erlangten. Außenminister Marco Rubio schlägt zwar einen diplomatischeren Ton an; die von ihm entworfene Vision ist jedoch nichts anderes als ein „zivilisatorischer“ Atlantizismus, bei dem Zusammenarbeit und Unterstützung der USA davon abhängen, in welchem Maße sich europäische Regierungen mit illiberalen Anliegen identifizieren.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Trump in der transatlantischen Partnerschaft verheerenden Schaden anrichtet. Doch den gesamten Fokus auf Trump zu richten, ist zu einfach. Erstens entbindet dies amerikanische und europäische Kritiker davon, sich mit ihrer eigenen Verantwortung für die transatlantischen Unruhen auseinanderzusetzen. Zweitens ist Trump impulsiv und erratisch – er folgt keinem Drehbuch, denn es gibt keines. Es gibt keine Trump-Doktrin; das Ganze ist ein einziges Chaos. Das hindert transatlantische Illiberale jedoch nicht daran, eine politische Agenda für die Zeit nach Trump zu erstellen – und genau darauf sollten wir unser Augenmerk richten. 

Drittens: Wenn wir uns zu sehr auf Trump konzentrieren, vergessen wir, dass die Wiedergeburt des Illiberalismus uns alle angeht. Fixieren wir uns allein auf Trump oder setzen ihn mit den 342 Millionen Menschen gleich, die in den 50 Bundesstaaten der Vereinigten Staaten leben, beschwören wir allzu leicht eine unüberwindbare Kluft zwischen einem vermeintlich in sich geschlossenen und liberalen „Europa“ und einem angeblich ebenso geschlossenen, illiberalen Amerika herauf. Das ist eine althergebrachte Tradition: Die eine Seite des Atlantiks projiziert ein stereotypes Bild auf die andere und macht sie zum Sinnbild dessen, wie man nicht sein und niemals werden sollte. Beide Seiten zeichnen ein verzerrtes Bild der jeweils anderen – als Projektionsfläche für ihre eigenen innenpolitischen Debatten.

„Die Ansichten der Trump-Regierung mögen extrem sein, doch sie sind kein amerikanischer Sonderfall.“

Diese Form des transatlantischen Othering – nicht selten recht selbstgefällig und selbstbeweihräuchernd – sagt oft mehr über die Schwächen, Unsicherheiten und die Unwissenheit derjenigen aus, die ein solches Bild entwerfen, als über die vielfältigen und oft widersprüchlichen Dynamiken der Gesellschaft, auf die dieses Bild projiziert wird. Timothy Garton Ash sagte einmal: „Sage mir, wie dein Amerika aussieht, und ich sage dir, wer du bist.“ Überall in Europa nutzen Mainstream-Liberale ihre Ablehnung gegenüber Trump weniger zum Verstehen dessen, was in Amerika vor sich geht, als vielmehr dazu, jene schwer fassbare europäische Identität zu schaffen, die sie aus eigener Kraft offenbar nicht hervorbringen können. Und Europas Stellenwert für amerikanische Illiberale hat weniger mit der facettenreichen Realität Europas zu tun als damit, wie Amerika ihrer Meinung nach früher war, jetzt sei und künftig wieder sein sollte.

Transatlantisches Othering ignoriert nicht nur die inneren Spaltungen, unter denen die Gesellschaften auf beiden Seiten des Atlantiks leiden; es blendet auch aus, dass sich europäische und amerikanische Parteigänger – des linken und des rechten Lagers sowie der Mitte – jeweils stärker mit ihren politischen Gleichgesinnten auf der anderen Seite des Atlantiks identifizieren als mit ihren politischen Gegnern im eigenen Land. Es gibt weder einen europäischen noch einen amerikanischen Block. Transatlantische Gräben sind zugleich innereuropäische und inneramerikanische Gräben. Die meisten verlaufen quer über den Nordatlantik, nicht längs. Wir sitzen alle im selben Boot.

Die Ansichten der Trump-Regierung mögen extrem sein, doch sie sind kein amerikanischer Sonderfall. Heute bilden illiberale Parteien in Europa Regierungen oder sind an ihnen beteiligt: in Kroatien, Tschechien, Finnland, Georgien, Italien, Montenegro, Polen, Serbien, der Slowakei, Schweden, der Schweiz und der Türkei. In den autoritären Staaten Belarus und Russland gedeiht der Illiberalismus. Illiberale Parteien bilden inzwischen die populärste Parteienfamilie Europas. Sie führen die Umfragen in Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Österreich und Nordmazedonien an. Sie halten ein Viertel der Sitze im Europäischen Parlament. Sie haben Brandmauern durchbrochen, um europäische Gesetzgebungen zu verabschieden, und sich jüngst mit Sozialdemokraten zusammengetan, um Rumäniens zentristische Regierung zu stürzen. In Regionalparlamenten und Gerichten auf dem ganzen Kontinent fassen sie zunehmend Fuß.

Transatlantischen Illiberalismus eint die Entschlossenheit, die weitverbreitete Unzufriedenheit der Öffentlichkeit mit etablierter Innen- und Außenpolitik auszunutzen. Illiberale argumentieren, der freie Verkehr von Menschen, Kapital, Waren und Dienstleistungen – ein Kennzeichen der Globalisierung und ein Kernprinzip der Europäischen Union – habe liberalen Eliten ermöglicht, sich auf Kosten gewöhnlicher Bürgerinnen und Bürger zu bereichern, zugleich aber die nationalen Kulturen nicht geschützt.

Transatlantische Illiberale teilen ein Gefühl der Opferrolle und der Unzufriedenheit gegenüber dem etablierten System. Laut J. D. Vance ist das Ziel nichts Geringeres als „der Sturz der herrschenden Klasse.“ Europäische Illiberale bezeichnen ihre Bewegung als „Reconquista“ – eine Rückeroberung – und beschwören damit den christlichen Eifer herauf, sich ihre Nationen von muslimischen „Eindringlingen“ zurückholen zu müssen.

Manche Liberale tun diese Kräfte als altmodische, rückwärtsgewandte Bewegungen ab, die – in Mark Leonards Worten – versuchen, „ein besseres Gestern“ zu schaffen. Doch in weiten Teilen der nordatlantischen Welt stellt diese neue Rechte Akteure des Establishments geschickt als hilflose Verteidiger einer immer schlechteren Zukunft dar. Wie Leonard und andere gezeigt haben, setzen Illiberale moderne Kommunikations- und Organisationsmittel gekonnt ein, um eine selbstbewusste, aggressive politische Agenda voranzutreiben, in deren Zentrum die nationale Kultur steht. So entstehen neue Bündnisse in der Arbeiterklasse, und Wählerinnen und Wähler werden sowohl vom konservativen Mainstream als auch vom progressiven Lager abgeworben.

Transatlantische Liberale könnten versucht sein, Trost in Trumps niedrigen Zustimmungswerten zu finden. Das wäre jedoch ein Fehler, denn ihre eigenen Umfragewerte sind ebenfalls im Keller. Einige Liberale werten die Niederlage in Ungarn als Zeichen dafür, dass die illiberale Phase vorüber sei. Aber ein genauerer Blick zeigt: Die ungarischen Wählerinnen und Wähler lehnten gar nicht Orbáns rechtsextreme Politik ab – schon gar nicht seine migrationsfeindliche Politik. Sie stimmten gegen das, was sie als massive Korruption des Regimes wahrnahmen, und für eine Kehrtwende in ihrer desolaten wirtschaftlichen Lage. Die europäische illiberale Bewegung mag eine prominente Persönlichkeit verloren haben – aber im Niedergang befindet sie sich nicht.

„Wir sollten genauer hinsehen, wie transatlantische Illiberale – häufig gemeinsam – daran arbeiten, den öffentlichen Diskurs neu zu gestalten.“

Anstatt uns also auf Trump zu fixieren oder einzelne Wahlen als Gradmesser für Erfolg oder Misserfolg illiberaler Kräfte zu betrachten, sollten wir uns genauer ansehen, wie transatlantische Illiberale – häufig gemeinsam – daran arbeiten, den öffentlichen Diskurs über Migration und Identität so umzugestalten, dass ausgrenzende und ethnonationalistische Ansichten normalisiert werden. Der deutsche Illiberale Benedikt Kaiser bezeichnet diesen politischen Raum als Vorfeld: ein diffuses Netzwerk von Autorinnen und Autoren, Ideologinnen und Ideologen, Vereinigungen sowie Aktivistinnen und Aktivisten, das überwiegend außerhalb etablierter Parteien und Institutionen agiert. Sie tauschen Ideen aus, organisieren Aktivitäten und produzieren Inhalte für soziale Medien. Kaiser beschreibt dieses „Vorfeld“ als einen „Raum für Schutz, Unterstützung und Rekrutierung“, in dem kontinuierliche Botschaften – insbesondere an junge Menschen – eine Gesellschaft hervorbringen sollen, die illiberalen Ideen gegenüber aufgeschlossener ist und langfristige Wahlerfolge ermöglicht.

Dieses „Vorfeld“ veranschaulicht, wie transatlantische Illiberale übernommen haben, was der italienische Philosoph Antonio Gramsci einst „Stellungskrieg“ nannte: eine Strategie, die politische Kultur langfristig umzugestalten und die öffentliche Meinung zu beeinflussen, statt unmittelbar nach Macht zu streben. Der französische Illiberale Alain de Benoist befürwortet diesen Ansatz: „Um auf Dauer die politische Mehrheit zu erringen, muss man zunächst die ideologische Mehrheit erringen.“ Deutsche Illiberale wie Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer vertreten die Auffassung, Widerstand müsse vor allem außerhalb der institutionellen Politik stattfinden. Der österreichische Illiberale Martin Sellner fügt hinzu: „Das eigentliche Machtzentrum liegt nicht im Parlament“; dieses sei lediglich „die Bühne“, auf der umgesetzt werde, was zuvor im „Vorfeld“ entschieden worden sei.

Europas illiberales „Vorfeld“ ist lebendig und es wächst. Die weißnationalistische Identitäre Bewegung Europas entstand zunächst in Frankreich, wo sie später verboten wurde. Von Sellner und anderen wird sie nachdrücklich vertreten; inzwischen hat sie sich über ganz Europa ausgebreitet. Sie hat zahlreiche Verbindungen zum amerikanischen „Vorfeld“ aufgebaut und sie lernt von ihr –der sogenannten „Alt-Right“, jener Bewegung, die Donald Trump 2016 ins Weiße Haus brachte. Amerikanische Illiberale beackern dieses Feld seit Jahrzehnten: Sie beeinflussen Schulen und öffentliche Institutionen, diskreditieren die Leitmedien, bauen politische Kandidatinnen und Kandidaten und ihren Ansichten zugeneigte Richterinnen und Richter gezielt auf und fassen in Gemeinden Fuß, die vom unaufhörlichen wirtschaftlichen Wandel abgehängt wurden.

Transatlantische Illiberale übernehmen ihre Rhetorik und Ideen wechselseitig. So haben amerikanische Illiberale etwa Anleihen beim französischen Antidemokraten Charles Maurras genommen. Dieser argumentiert, eine künstliche „legale Nation“ der Bürokraten habe die organische „wirkliche Nation“ verdrängt, die in Tradition, Familie und katholischem Erbe verwurzelt sei. Und andersherum wird J. D. Vances Behauptung, Europa stehe durch die Aufnahme von Migranten vor einem „zivilisatorischen Selbstmord“, von rechtsextremen Führungspersönlichkeiten in ganz Europa aufgegriffen. Die Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ des französischen Antidemokraten Renaud Camus behauptet, ein gezielter Plan sei im Gange, die weiße europäische Bevölkerung durch nichtweiße Einwanderer zu ersetzen; im transatlantischen illiberalen Vorfeld wird sie breit zitiert.

Der französische Begriff „Remigration“ ist zu einem griffigen Slogan geworden, den Illiberale in ganz Europa und den USA verwenden – Trump eingeschlossen. 2024 trug der Slogan „Sommer, Sonne, Remigration“ dazu bei, dass die thüringische AfD als erste rechtsextreme Partei der deutschen Nachkriegsgeschichte eine Landtagswahl gewann. Die AfD in Sachsen-Anhalt greift Elon Musks Department of Government Efficiency, kurz DOGE, auf und kündigt an, große Teile des öffentlichen Dienstes des Landes durch ihre eigenen Gefolgsleute zu ersetzen, sollte sie die Landtagswahl im September gewinnen. Und in Mecklenburg-Vorpommern, wo ebenfalls im September gewählt wird, will die AfD eine „Rückführungspolizei“ nach dem Vorbild von Trumps militarisierter US-Einwanderungsbehörde ICE einrichten.

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Grzegorz Nocko intro Dan HamiltonAcademy Lecture ©Anita Back.jpg

Paul Gottfried, der den Begriff „Alt-Right“ prägte und weithin als Begründer des amerikanischen Paläokonservatismus gilt, steht in aktivem Austausch mit europäischen Gesinnungsgenossen. Der Franzose Alain de Benoist, der Amerikaner Patrick Deneen und der israelische Politikwissenschaftler Yoram Hazony verstärken wechselseitig ihre These, der Liberalismus höhle westliche Gesellschaften aus. Der Anhänger der identitären Bewegung Jared Taylor preist Essays des französischen Illiberalen Guillaume Faye an und sagt, er und seine amerikanischen Seelenverwandten „betrachten die identitäre Bewegung Europas als Verbündete in einem weltweiten Kampf“.

Transatlantische Illiberale wollen die politische Kultur umgestalten, indem sie innenpolitische Gegner zum Feind erklären – eine Tradition, die auf den nationalsozialistischen Juristen Carl Schmitt zurückgeht. Während des Kalten Krieges trat diese Strategie in den Hintergrund, in den 1990er Jahren lebte sie jedoch wieder auf: Newt Gingrich, der republikanische Sprecher des US-Repräsentantenhauses, entwickelte Taktiken der „permanenten Kriegsführung“, die parlamentarische Auseinandersetzungen in den USA von routinemäßigen Kompromissen in existenzielle Kämpfe zwischen Gut und Böse verwandelten. Und die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Beatrix von Storch, plädiert offen für dieselben Taktiken, um eine Polarisierung „vergleichbar mit der Situation in den USA“ zu fördern – mit dem Ziel, den politischen Mainstream in Deutschland auszuhöhlen.

Heute eint Illiberale auf beiden Seiten des Atlantiks die Behauptung, die größten Bedrohungen für ihre Gesellschaften kämen eher von innen als von außen. „Wir haben zwei Feinde“, erklärte Trump. „Wir haben den äußeren Feind, und dann haben wir den Feind im Inneren. Und der Feind im Inneren ist meiner Meinung nach gefährlicher als China, Russland und all diese Länder.“ In einem völlig verfrühten und unangemessenen Siegespost schrieb Trump kürzlich: „Jetzt, nach dem Tod Irans, ist der größte Feind Amerikas die radikale Linke, höchst inkompetente Demokratische Partei!“

Trumps Gefolgsleute verachten die europäischen Vertreter des Establishments als verlängerten Arm ihrer Gegner im eigenen Land. Die „wahre Bedrohung für Europa“, sagt Vance, sei nicht Russland oder China, sondern „der Feind im Inneren“ – Europas liberales Establishment. Auch der slowakische Ministerpräsident Robert Fico und der italienische stellvertretende Ministerpräsident Matteo Salvini brandmarken ihre liberalen Gegner regelmäßig als „Feind im Inneren“. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk klagt deshalb: „Die größte Bedrohung für die transatlantische Gemeinschaft sind nicht ihre äußeren Feinde, sondern der fortschreitende Zerfall unseres Bündnisses“.

Mit anderen Worten: Wir sind dem Feind begegnet – und er ist wir selbst. 

Natürlich ist auch das illiberale Lager von Spaltungen durchzogen. Manche lehnen Abtreibung ab, andere befürworten sie. Manche unterstützen die Ukraine, andere lassen sich von Putin inspirieren. Illiberale Polen verabscheuen die Russlandbegeisterung deutscher Illiberaler. Der französische Rassemblement National verachtet sowohl deutsche als auch amerikanische Illiberale. Trumps Krieg gegen den Iran hat nicht nur viele europäische Illiberale entfremdet, sondern auch eine Kluft zwischen MAGA-Anhängern und „America First“-Anhängern aufgerissen. Und auch in Bezug auf China haben transatlantische Illiberale keine gemeinsame Position. Amerikanische Illiberale halten Peking für eine Bedrohung; europäische Illiberale sind sich da weniger sicher. Und obwohl sich amerikanische Illiberale rhetorisch mit ihren europäischen Pendants solidarisieren, bezweifeln viele, dass Europa für Amerikas Zukunft sonderlich relevant ist.

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Natalia Gavrilita and Dan Hamilton Academy Lecture ©AnitaBack.jpg

Zudem erinnert uns das Wiederauftauchen von Persönlichkeiten wie Carl Schmitt und Formulierungen wie „der Feind im Inneren“ daran, dass ideologische Politik – bei der Auseinandersetzungen um Grundprinzipien die Differenzen über konkrete politische Maßnahmen verdrängen – in Europa und den Vereinigten Staaten seit der Gründung der amerikanischen Republik eher die Regel als die Ausnahme war. Europas lange illiberale Tradition muss ich hier nicht wiederholen – sie ist eine altbekannte Geschichte, insbesondere für die hier anwesende Zuhörerschaft.

Über Amerikas illiberale Traditionen sprechen wir dagegen seltener. Sie stehen in scharfem Gegensatz zu den Prinzipien, die häufig als Kern dessen gefeiert werden, was Amerika zu Amerika macht: ein gemeinsames Bekenntnis zu einem Credo aus Freiheit, Gleichheit und Demokratie, wie es in der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung zum Ausdruck kommt – ein universeller Kanon von Grundsätzen, den jeder Mensch unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Herkunft annehmen kann. Unsere tatsächlichen Leistungen sind diesen Ansprüchen offenkundig nicht immer gerecht geworden. Dennoch prägt das im amerikanischen Credo verkörperte Versprechen weiterhin, wie viele – wenn nicht die meisten – Amerikanerinnen und Amerikaner über ihr Land denken. Bei der Gründung unserer Nation entstand jedoch zugleich eine abweichende, antiliberale Tradition, die den Kurs des Landes ebenso stark geprägt hat und heute wieder auflebt und gedeiht. Die Harvard-Historikerin Jill Lepore hat die amerikanische Geschichte eindrücklich als einen 250-jährigen Kampf zwischen einem liberalen, universellen Nationalismus und seinem antiliberalen, ausgrenzenden Gegenstück beschrieben. Europa spielte in diesem Ringen häufig eine Rolle – ob als abschreckendes Beispiel oder als Quelle der Inspiration.

Wenn wir diese tieferliegende Tradition außen vor lassen, dann vielleicht deshalb, weil sie nicht Teil unserer lebendigen Erinnerung ist. Die „America First“-Bewegung der 1930er Jahre endete, als die ersten japanischen Bomben auf Pearl Harbor fielen und Nazi-Deutschland den Vereinigten Staaten den Krieg erklärte. Der anschließende vierzigjährige Kampf gegen die totalitäre Sowjetunion drängte den amerikanischen Illiberalismus weiter in den Hintergrund. Der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg unterdrückten auch illiberale Strömungen in den meisten europäischen Ländern. Der Wettstreit zwischen liberalen und illiberalen Überzeugungen wurde nicht länger innerhalb einzelner Länder ausgetragen; er verlagerte sich auf eine größere geopolitische Bühne. Angesichts des tiefgreifenden Illiberalismus des sowjetischen Totalitarismus etablierten Europäer und Amerikaner eine Reihe von Institutionen und Verpflichtungen, die im Kern eine transatlantische Übertragung des amerikanischen Credos darstellten. Sie beruhten auf dem Bekenntnis zu grundlegenden Werten, offenen Märkten, Eindämmung, Verteidigung und Abschreckung sowie einer regelbasierten internationalen Ordnung. Das Bekenntnis zu diesem Credo verband nicht nur Amerikanerinnen und Amerikaner miteinander, sondern auch die Menschen in Amerika mit denen in Europa – und im europäischen Projekt ebenso Europäer untereinander.

Denjenigen unter uns, die – wie ich – den Fall der Berliner Mauer hier ganz in der Nähe miterlebt haben, mag man nachsehen, dass sie meinten, der Liberalismus habe in diesem jahrzehntelangen Wettstreit gesiegt. Damals war es leicht zu glauben, die liberale Demokratie habe sich als einzig tragfähige politische Ordnung durchgesetzt.

Leider brachte dieser Erfolg auch Selbstzufriedenheit und Hybris hervor. Neue Herausforderungen erzeugten neue gesellschaftliche Spaltungen. Als sich die politischen Zwänge des vorangegangenen halben Jahrhunderts lockerten und die nach dem Mauerfall geborenen Generationen heranwuchsen, fühlten sich Menschen im gesamten ideologischen Spektrum freier, ihre Ansichten zu äußern. Der Illiberalismus erwachte aus seinem jahrzehntelangen Schlaf.

Der britische Historiker Tony Judt gab bereits 2005 einen Warnschuss ab: „Wir – die meisten von uns in diesem Raum und die meisten Europäer:innen heute – haben zu lange in einer postideologischen oder, wenn Sie so wollen, postpolitischen Ära gelebt. Wir haben vergessen, wie es vorher war und wie leicht sich der westliche Konsens der vergangenen Jahrzehnte als brüchig erweisen könnte. […] Wir haben vergessen, wie ideologische Politik aussah.“ Und hier stehen wir nun. Die ideologische Politik ist mit aller Macht zurückgekehrt – nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der gesamten atlantischen Welt.

Letztlich wird das Schicksal des transatlantischen Illiberalismus davon abhängen, ob es den transatlantischen Liberalen gelingt, aus ihrer Lethargie zu erwachen, die Stärken und Schwächen des Illiberalismus zu verstehen und den Wählerinnen und Wählern klare, überzeugende Alternativen anzubieten. Der erste Schritt auf dem Weg zur Genesung besteht darin, anzuerkennen, dass es ein Problem gibt. Doch das Ausmaß der Selbstverleugnung unter transatlantischen Liberalen ist erstaunlich. In den Vereinigten Staaten müssen sich Liberale fragen, wie eine Bewegung, die traditionell am Rand der Gesellschaft stand, einen beachtlichen Anteil der amerikanischen Wählerschaft gewinnen konnte. Es ist kein amerikanisches Problem; es ist ein Problem der Liberalen. In Deutschland müssen sich die etablierten Kräfte fragen, warum die Wählerinnen und Wähler eine ethnonationalistische Gruppierung, die Nazi-Parolen aufgreift und antisemitische, fremdenfeindliche Hetze verbreitet, zur stärksten Partei des Landes gemacht haben. Es ist kein ostdeutsches Problem; es ist ein Problem der Liberalen. Auch anderswo in Europa ist ein ähnlicher Prozess der Selbstreflexion überfällig. Insbesondere Liberale des Mainstreams müssen sich fragen, warum sich so viele junge Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks bei Wahlen im gesamten nordatlantischen Raum von ihnen abgewandt und illiberalen Kräften zugewandt haben.

„Letztendlich wird das Schicksal des transatlantischen Illiberalismus davon abhängen, ob es den transatlantischen Liberalen gelingt, aus ihrer Lethargie zu erwachen.“

Anstatt über ihre eigenen Unzulänglichkeiten nachzudenken, spiegeln viele transatlantische Liberale lediglich die Sprache ihrer Gegner, indem sie transatlantische Illiberale als „rückwärtsgewandt“ oder als „Feind im Inneren“ darstellen. Orbáns Fidesz, Le Pens Rassemblement National, die deutsche AfD, Recht und Gerechtigkeit in Polen und die spanische Vox sind von Akteuren der politischen Mitte allesamt als „Feind im Inneren“ tituliert worden. Amerikanische Liberale bezeichnen Trump als „existenzielle Bedrohung für die Demokratie“.

Das Problem bei dieser Einordung ist, dass die Wählerinnen und Wähler sie nicht abkaufen. Natürlich haben Liberale jede Berechtigung, die Gefahren hervorzuheben. Es wäre fahrlässig, es nicht zu tun. Aber es genügt nicht, Wählerinnen und Wählern nur zu sagen, dass sie den Gegner nicht wählen sollen. Man muss ihnen überzeugende Gründe dafür liefern, der eigenen Partei ihre Stimme zu geben.

Es gibt kaum Anhaltspunkte dafür, dass sich Wählerinnen und Wähler in Europa oder Amerika von der ideologischen Agenda illiberaler Gruppierungen angezogen fühlen. Eingefleischte MAGA-Republikaner stellten bei der Wahl 2024 nur rund 30 Prozent der Trump-Wählerschaft. Viele Menschen, die für illiberale Kandidaten stimmen, sind weniger überzeugte Anhänger als vielmehr verärgerte oder desillusionierte Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, Alternativen auszuloten, wenn sie glauben, amtierende Politiker und etablierte Institutionen respektierten sie nicht oder könnten ihre Erwartungen nicht erfüllen.

Illiberale Appelle sind dann erfolgreich, wenn sie auf fruchtbaren Boden fallen – bereitet durch das weit verbreitete Gefühl, dass die Eliten des Establishments auf die alltäglichen Sorgen vieler Bürgerinnen und Bürger nicht eingehen. Die Sorge um stagnierende Löhne, zunehmende Ungleichheiten und marode Institutionen, um immer teurere Wohnungen, Grundnahrungsmittel und Dienstleistungen sowie die Wut über die Straflosigkeit der herrschenden Eliten haben das allgemein vorhandene Gefühl verstärkt, dass sich das System gegen die einfachen Menschen richtet. Diese Ängste haben sich mit Befürchtungen hinsichtlich Automatisierung, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz, einer schlecht gesteuerten Einwanderungspolitik, langwierigen militärischen Konflikten, wiederholten Energieversorgungsengpässen und einem verschärften geopolitischen Wettbewerb vermischt und so die Unsicherheit auf beiden Seiten des Atlantiks verstärkt. Die Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit dieser Schocks verstärken unsere Desorientierung.

„Illiberalismus wird nicht durch Empörung besiegt, sondern durch wirksame Politik.“

Liberale sagen gern, Menschen hätten ein Recht auf ihre eigene Meinung, nicht aber auf ihre eigenen Fakten. Sie übersehen dabei, dass in einer Welt, in der Wandel die einzige Konstante zu sein scheint, das politische Leben inzwischen ebenso sehr von Identität und Emotionen geprägt ist wie von Statistiken und Fakten. Illiberale haben das verstanden; darin liegt derzeit ihr Vorteil. Unser von Umbrüchen geprägtes Zeitalter ist anfällig für Demagoginnen und Demagogen, die die Wut der Unzufriedenen instrumentalisieren können. Es wird jene politischen Führungskräfte bestrafen, die die Alltagssorgen ihrer Bürgerinnen und Bürger nicht aufgreifen oder nicht erklären, wie diese Veränderungen einzuordnen sind – denn die Gegenreaktion wird heftig ausfallen.

Auf lange Sicht lassen sich liberale Demokratien nicht gegen die eigene Bevölkerung durchsetzen. Illiberalismus wird nicht durch Empörung besiegt, sondern durch wirksame Politik. Seine größte Schwäche ist seine Unfähigkeit, Zerstörung in Erneuerung zu verwandeln. Trump ist ein Brandstifter, kein Architekt. Orbán hat Ungarns Demokratie zersetzt. Geert Wilders hat sich schlicht selbst zu Fall gebracht. Illiberale sind Zerstörer, keine Erbauer. Für sie ist Zivilisation ein Substantiv, kein Verb. Darin liegt eine Chance: für ein Zeitalter disruptiven Wandels eine politisch tragfähige Vision zu formulieren, die Fortschritt für alle wieder glaubhaft macht – und diese Vision anschließend tatsächlich umzusetzen. Einfach? Nein. Möglich? Ja.

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Richard von Weizsäcker Fellow Daniel S. Hamilton

Daniel S. Hamilton

Richard von Weizsäcker Fellow

Daniel S. Hamilton ist Senior Nonresident Fellow an der Brookings Institution und am Foreign Policy Institute der School of Advanced International Studies (SAIS) der Johns Hopkins University.