Im Juni 2026 hielt die ehemalige Senatorin Kanadas, The Honourable Ratna Omidvar, C.M., O. Ont., eine Vorlesung bei der Robert Bosch Academy. Der nachfolgende Text kann geringfügig von ihrem Vortrag abweichen.
Lassen Sie mich zunächst einige Worte zu diesem Raum sagen, zu dem Ort, an dem wir uns hier befinden. Denn in diesen disruptiven Zeiten ist es wahrlich ein Geschenk, ein Richard von Weizsäcker Fellow zu sein.
Das Motto der Academy – think, debate, inspire – sagt alles. Ich hatte hier Raum zum Denken, Fellows zum Diskutieren – und viele Impulse, die mich inspiriert, wenn nicht beflügelt haben.
Vor allem aber haben Sie Hoffnung in mir geweckt – dass die Probleme der Welt nicht nur besprochen, auseinandergenommen und verstanden werden müssen, sondern auch zu lösen sind.
Genau einen solchen lösungsorientierten Ansatz bringe ich hier mit, denn die mir gestellte Frage ist nicht einfach: Kann eine Nation ihre Einheit bewahren, wenn sie kontinuierlich von Menschen aus anderen Teilen der Welt neu geprägt wird, die ihre eigenen Normen, Werte und Ideen mitbringen?
Zu dieser Frage habe ich meine ganz persönliche Philosophie. Für mich ist das Glas stets halb voll, nicht halb leer. Mein persischer Name, Omidvar, steht wortwörtlich für „Hoffnung“. Sehr gerne nehme ich Sie heute mit auf eine Reise des Optimismus und der Hoffnung.
Als Politikerin – wenn auch inzwischen im „Un-Ruhestand“ – beschäftige ich mich mit Menschen. Anstatt Ihnen Tabellen, Grafiken oder Trendbarometer zu präsentieren, berichte ich also lieber von meinen eigenen Beobachtungen aus Kanada und Deutschland. Und auch wenn ich Ihnen etwas vermitteln will: Ich bin eben auch Geschichtenerzählerin und Fan von guten Storys.
Warum ich mir dafür Kanada und Deutschland ausgesucht habe, mag aufgrund meiner Biografie offensichtlich sein, aber es steckt auch eine persönliche Geschichte dahinter, und das Persönliche ist für mich fast immer auch politisch.
Vor vielen Jahren, als ich in München Deutsche Literatur studierte, verliebte ich mich in die deutsche Sprache und ihre Feinheiten. Ich las Thomas Mann – ich erinnere mich bis heute gut daran, wie stolz ich war, als ich seine Buddenbrooks von vorne bis hinten auf Deutsch gelesen hatte. Ich war viel draußen unterwegs und lernte meinen Lebenspartner bei einer Wanderung in den Bayerischen Alpen kennen.
Nach dem Studium wollten wir eigentlich in Deutschland bleiben. Dafür gab es nach deutschem Aufenthaltsrecht aber keine Möglichkeit; die damalige Diversität beschränkte sich auf türkische Gastarbeiter. Und so gingen wir fort, auf der Suche nach einer Heimat für uns. Schließlich entschieden wir uns für den Iran, das Heimatland meines Partners.
Fünf Jahre später flohen wir mit unserem Baby aus dem Iran. Warum? Das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Jedenfalls kamen wir an einem frühen Morgen des Jahres 1979 auf der Suche nach unmittelbarem Schutz in die Türkei.
Wir hatten nichts als unsere Papiere, einen kleinen Koffer und Milchpulver für das Baby bei uns, und das instinktive Wissen, dass die Gesellschaft, die uns aufnehmen würde, über unser weiteres Leben entscheidet.
Wir hatten Glück: Es wurde Kanada. Ein Rechtsstaat, mit funktionierenden Institutionen und dem Verständnis dafür, dass jede Einwanderungswelle – ob aus der Ukraine oder aus Polen, den Philippinnen oder Nigeria oder Indien – unsere Identität neu prägt. Das stillschweigende Versprechen an alle Neuankömmlinge lautet: Kommt nach Kanada, arbeitet hart, und euren Kindern wird es gut gehen. Wie jede Geschichte ist auch diese nicht perfekt – aber sie hält den Tatsachen stand.
Trotzdem ist der Wunsch, Deutsche zu werden, nach wie vor tief in mir verwurzelt, und so bringt mich meine Arbeit immer wieder auch nach Deutschland – insbesondere beim Thema Migration.
Aber bevor ich Sie gleich für etwa zwanzig Minuten mit auf die Reise nehme, möchte ich in in zwei heftig diskutierten Bereichen noch ein wenig aufräumen: Diversität und sozialer Zusammenhalt.
Beginnen wir mit Diversität: Ich glaube, der Begriff Diversität wird überstrapaziert und überhöht, auch wenn inzwischen Begriffe wie „Super-Diversität“ oder „Hyper-Diversität“ als Beschreibungen für Städte wie Berlin oder Toronto Einzug in den Diskurs gehalten haben. Meine Heimatstadt Toronto hat Diversität sogar zu ihrem Motto erhoben – als ob Diversität an sich eine öffentliche Tugend wäre.
Aber Diversität ist weder ein öffentliches Gut noch ein öffentliches Übel. Sie ist weder die Rettung einer Nation noch ihr Untergang. Es geht hier rein um Demografie – wer lebt wo, wer spricht welche Sprache, wer bewegt sich über Grenzen hinweg?
Diversität an sich ist genauso wenig eine moralische Leistung wie Homogenität moralisches Versagen darstellt. Beides beschreibt eher einen Zustand als einen Wert. Eine Bevölkerung kann divers und gleichzeitig geeint sein, genauso, wie sie homogen und zugleich instabil sein kann.
Ein Beispiel: Die Schweiz ist sehr divers, was die Sprachen und die regionale Identität im Land angeht. Im Gegensatz dazu ist Japan bezüglich Sprache und Ethnizität sehr homogen.
Was glauben Sie: Welches Land hat die höheren Werte in Sachen Stabilität, Vertrauen und sozialer Zusammenhalt? Viele würden auf Japan tippen. Aber es ist die Schweiz, mit seit Jahren gleichbleibend hohen Werten bezüglich Stabilität, Vertrauen und sozialem Zusammenhalt. Japan dagegen hat zu kämpfen mit gesellschaftlicher Isolation und sinkenden Bevölkerungszahlen.
Und dann ist da noch Kanada, das mit einem einzigartigen Gesetz und einer entsprechenden Politik zum Multikulturalismus schon Vorreiter in Sachen Diversität war, als es überhaupt noch nicht besonders divers war. Diversität ist weniger ein Gesetz als ein Ziel. Sie wird auch nicht mit harter Hand durchgesetzt. Aber sie ist genauso zu einem wertvollen nationalen Symbol geworden wie das Ahornblatt, die schönen roten Uniformen der Mountys und natürlich unsere Begeisterung für Eishockey.
„Diversität ist weder ein öffentliches Gut noch ein öffentliches Übel. Sie ist weder die Rettung einer Nation noch ihr Untergang. Es geht hier rein um Demografie.“
Ich glaube, Symbole sagen viel über eine Identität aus. Ich weiß, dass die Deutschen stolz sind auf ihr Grundgesetz, auf Weihnachtsmärkte, Wälder und das Wandern. Und natürlich den Fußball. Wenn ich die Symbole beider Länder vergleiche, fällt mir auf, dass die kanadischen Symbole emotionaler sind und sich eher auf die Nation als Ganzes beziehen. In Deutschland hingegen geht es eher um Demokratie und die Einzigartigkeit seiner Regionen.
Könnten wir beide kombinieren, lebten wir in einer besseren Welt. Eine Mischung aus Eishockey und Fußball.
Manchmal werde ich gefragt, ob es so etwas wie zu viel Diversität gibt. Ich finde, das ist, als ob man fragen würde, ob es so etwas wie zu viel Menschlichkeit geben kann. Diese Frage führt uns auf die falsche Fährte. Sie macht menschliche Vielfalt zu einer Art Masse, die aus einem Behälter überlaufen könnte, anstatt zu dem, was Diversität tatsächlich ist: ein demografischer Faktor.
Ich glaube, bei der Frage geht es eigentlich um etwas anderes: nämlich um Ängste in Bezug auf Vertrauen, Kommunikation oder gemeinsame Erwartungen. Ängste in Bezug auf Identität. Vielleicht auch eine Art Nostalgie, die politisch daherkommt: eine Sehnsucht nach einer imaginären Vergangenheit, in der die Gesellschaft sich einfacher, familiärer, überschaubarer anfühlte.
Aber Gesellschaften sind nie statisch. Sie entwickeln sich permanent weiter – wirtschaftlich, kulturell, technologisch, demografisch. Migration macht diese Entwicklung lediglich sichtbarer und unmittelbarer.
Die eigentliche Frage lautet demnach nicht, ob Diversität existiert. Ja, tut sie. Die eigentliche Frage lautet, ob unsere politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Institutionen in der Lage sind, reale Veränderungen zu begreifen und sich auf sie einzustellen.
Ist dies der Fall, sorgt Diversität nicht für Instabilität, sondern wird zu einer Quelle der Resilienz und der Erneuerung.
Dafür finden sich in Kanada einige Beispiele. Meine Heimatstadt Toronto etwa ist ausgesprochen divers. 56 Prozent der Menschen gehören einer ethnischen Minderheit an und fast die Hälfte kam außerhalb Kanadas zur Welt. Das zeigt sich insbesondere in unseren Schulen, die sich frühzeitig an neue Gegebenheiten angepasst haben. Schon vor 40 Jahren, als meine Kinder in die Schule gingen, wurden dort Kwaanza, beide Weihnachtsfeste, das chinesische Neujahr, Rosh Hashanah und Diwali gefeiert. Und mehr noch: Die Kinder brachten mit nach Hause zu ihren Eltern, was sie dabei lernten. Als mein Vater Ende der 1990er in Toronto starb, konnte ich seine Asche nicht in einen Fluss streuen, wie es meiner Tradition entsprechen würde. Heute, 20 Jahre später, ist das nicht nur möglich, sondern klar geregelt. Und das ist auch richtig so. Nichts von all dem ist automatisch oder reibungslos geschehen; vielmehr haben sich die Institutionen angepasst, weil die Umstände es verlangten.
Wenn staatliche Einrichtungen nicht reagieren, wachsen die Spannungen – nicht, weil die Diversität dann nicht mehr in den Griff zu bekommen ist, sondern weil Systeme hinter der Gesellschaft zurückbleiben, der sie eigentlich dienen sollen.
Ein kleines, aber aussagekräftiges Beispiel aus Berlin ist die wachsende Debatte über muslimische Friedhöfe. Die Bevölkerung Berlins hat sich verändert; seine Demografie hat sich verändert. Aber darauf reagieren manche öffentlichen Stellen nicht schnell genug. Für viele muslimische Familien ist es nach wie vor schwierig, eine Begräbnisstätte zu finden, die den islamischen Traditionen entspricht – trotz steigender Nachfrage und verfügbarer Friedhofsflächen. Dies kann Frustration und das Gefühl der symbolischen Ausgeschlossenheit hervorrufen – nicht, weil die Menschen nicht dazugehören wollen, sondern weil Institutionen es nicht geschafft haben, sich auf die hier lebenden Menschen einzustellen. Erfreulicherweise haben zivilgesellschaftliche Gruppen und lokale Organisationen in Berlin auf Veränderungen gedrängt, sodass die Behörden inzwischen stärker auf das Anliegen eingehen.
Spannungen entstehen aber nicht nur um Begräbnisstätten – das Gleiche gilt für den Arbeitsmarkt, für Schulen und die öffentliche Verwaltung, und zwar in vielen Demokratien.
Die Erkenntnis, die ich daraus ziehe, lautet: Diversität erklärt weniger als wir denken. Wie gut sich Institutionen anpassen, sagt deutlich mehr aus.
„Wenn staatliche Einrichtungen nicht reagieren, wachsen die Spannungen – nicht, weil die Diversität dann nicht mehr in den Griff zu bekommen ist, sondern weil Systeme hinter der Gesellschaft zurückbleiben, der sie eigentlich dienen sollen.“
Sozialer Zusammenhalt hingegen ist ein viel eindeutigeres Konstrukt. Er ist das Band, das eine Gesellschaft mit gemeinsamen Werten, Sorgen und Zielen zusammenhält. Es ist der soziale Zusammenhalt, der Menschen eine gemeinsame Identität verleiht. Eine von Zusammenhalt geprägte Gesellschaft ist selbstbewusst, kennt sich selbst und ist besser in der Lage, sich zu schützen und mit Bedrohungen von außen umzugehen. Kurz gesagt eine Gesellschaft, wie Robert Putnam es beschrieb, die „gemeinsam bowlt“, anstatt alleine.
Aber es kann auch ein zu viel des Guten geben. Statt der Frage, ob es zu viel Diversität geben kann, könnte man auch überlegen, ob es zu viel sozialen Zusammenhalt geben kann.
Aus der Geschichte lassen sich viele Lehren ziehen; leider auch solche, die gerade erst entstehen. Blicken wir einmal in mein Geburtsland Indien. Die größte säkulare Demokratie der Welt ist im Wandel begriffen und bewegt sich immer mehr von einer pluralistischen Gesellschaft hin zu einer einzigen Idee: der einer hinduistischen Nation.
Eng verbundene, extrem geschlossene Gesellschaften können demnach eine Gefahr für sich selbst sein. Machthabende können sie manipulieren; individuelle Freiheiten können beeinträchtigt werden. Solche Gesellschaften unterbinden abweichende Meinungen und Innovationen und werden dadurch brüchig und statisch. Angesichts der Geschichte Indiens muss ich diesen Punkt wohl nicht weiter ausführen.
Lassen Sie mich eine unbequeme These aufstellen: So wie Diversität weder ein öffentliches Gut ist noch ein öffentliches Übel, sondern nichts weiter als ein sich wandelndes demografisches Muster, so ist auch sozialer Zusammenhalt weder ein uneingeschränkt positives öffentliches Gut noch etwas, das man um jeden Preis maximieren sollte. Denn die Fakten und Erfahrungen sprechen dagegen.
Andererseits führt ein zu geringer Zusammenhalt natürlich zu Fragmentierung. Wir sehen dies in polarisierten Demokratien, mit erschüttertem Vertrauen und geschwächten Institutionen. Aber zu viel Zusammenhalt hat eben auch seine Risiken. Wenn sich alle zu schnell einig sind, liegt das oft nicht daran, dass alle recht haben, sondern daran, dass irgendjemand nichts mehr sagt.
Wie aber können wir es richtig machen? Nicht zu kalt, nicht zu heiß, sondern genau richtig?
Diversität ist eine der Antworten auf diese Frage. Diversität bringt Unterschiede, Entwicklungen, Innovation und durchaus auch Disruption in die Institutionen und hält sie dadurch dynamisch, up to date und aufmerksam. Stellen Sie sich Diversität als eine Art Impfung gegen Populismus vor oder als ein Widerstandsband, mit dem man Zusammenhalt trainiert.
Was bedeutet das nun für uns? Wo ist die Brücke zwischen Diversität (rein demografisch) und sozialem Zusammenhalt (Ziel und Hoffnung)? Was ist das fehlende Bindeglied? Das ist die große Frage.
Ich glaube, die Antwort darauf liegt in der Zugehörigkeit.
Zugehörigkeit ist das Gefühl und die Erfahrung, die beides verbindet. Fühlt man sich zugehörig, wird Diversität mehr als ein statistischer Wert und Zusammenhalt wird mehr als ein Ziel.
Durch das Gefühl der Zugehörigkeit lebst du nicht mehr nur in einer Gesellschaft – du bist ein Teil von ihr. Nagib Mahfouz formulierte es so: „Heimat ist nicht der Ort deiner Geburt, sondern der, an dem alle Fluchtversuche enden.“
„Durch das Gefühl der Zugehörigkeit lebst du nicht mehr nur in einer Gesellschaft – du bist ein Teil von ihr.“
Zugehörigkeit lässt sich allerdings nicht gesetzlich vorschreiben. Regierungen können Staatsbürgerschaft, Rechte und einen legalen Status gewähren – aber Zugehörigkeit ist etwas anderes. Sie entsteht nicht auf Anordnung einer Regierung. Zugehörigkeit lässt sich nicht verwalten. Deshalb kann sie auch nicht per Dekret verliehen, in ein Gesetz gegossen oder über ein Volkszählungsformular gemessen werden.
Zugehörigkeit ist ein Gefühl, und niemand kann einen Menschen zu Gefühlen zwingen.
Aber es gibt Muster und Indikatoren.
Der Soziologe Mark Granovetter schreibt über die „Stärke schwacher Bindungen.“
Wir alle kennen starke Bindungen. Familie. Enge Freundinnen und Freunde. Gute Kolleginnen und Kollegen. Lockere Beziehungen sind anders.
Dazu gehört zum Beispiel ein Nachbar, mit dem man sich über den Zaun unterhält. Die andere Mutter am Spielfeldrand. Der Verkäufer, der Ihren Namen kennt. Die Bekannte, die einen guten Tipp gibt. Eine Person, die Ihre Welt nur ein klein wenig vergrößert.
Über solche lockeren Beziehungen werden Informationen, Vertrauen, Chancen und Verständnis für Themen über soziale Grenzen hinweg getragen. Sie sind die unsichtbaren Fäden, die eine Community mit einer anderen verbinden. Dazu fallen mir Erdnussbutter und Marmelade ein ...
Kurz nachdem ich in Kanada angekommen war, meldete ich meine Tochter bei einem Sportverein an. Jeden Samstagmorgen stand ich mit anderen Müttern in der Küche und bereitete Snacks für die Kinder vor. An einem dieser Tage erfuhr ich durch genau solche lockeren Beziehungen etwas ganz Wesentliches über Kanada.
Kinder in Kanada lieben nämlich – und das ist nicht übertrieben – Sandwiches mit der eher ekelhaften Kombination aus Erdnussbutter und Marmelade. Für meinen Geschmack eine höchst fremdartige, klebrige und viel zu süße Angelegenheit. Trotzdem spürte ich, während ich gemeinsam mit den anderen die Brote zusammensetzte und in kleine Stücke schnitt, die ersten Anzeichen von Zugehörigkeit.
Das war also ein glücklicher Zufall für mich. Ich wurde Teil eines emotionalen Kollektivs und war verantwortlich für diese seltsamen Sandwiches. Und durch die klebrigen Brote blieb auch das Gefühl der Zugehörigkeit an mir kleben.
Auf meine Art und Weise habe ich auch für andere Zugehörigkeit geschaffen. Vor zehn Jahren unterstützte ich gemeinsam mit Freunden und Kolleginnen 20 syrische Geflüchtete dabei, sich in Kanada ein neues Leben aufzubauen. Im Januar feierten wir den zehnten Jahrestag ihrer Ankunft. Und sie sind wirklich angekommen: Ihre Kinder gehen zur Schule, sie haben ein Zuhause, zahlen Steuern und haben die Staatsangehörigkeit und damit das Wahlrecht. Vielleicht läuft nicht alles absolut perfekt, aber wenn ich mein bisheriges Wirken – Gesetze, Politik, öffentliches Bewusstsein – mit dem Leben von 20 Menschen vergleiche, die sich zugehörig fühlen, bin ich darauf mit Sicherheit am meisten stolz.
Wir brauchen noch viel, viel mehr Momente der Zugehörigkeit. Aber wir können uns nicht nur auf glückliche Zufälle verlassen – wir brauchen auch den Klebstoff, den Institutionen liefern.
Ein kleiner, von Ehrenamtlichen betriebener Sportverein, eine Gruppe kanadischer oder deutscher Menschen, die gemeinsam Geflüchtete unterstützen – das sind die Plattformen und Institutionen, die Zugehörigkeit bewirken.
„Wir brauchen noch viel, viel mehr Momente der Zugehörigkeit. Aber wir können uns nicht nur auf glückliche Zufälle verlassen – wir brauchen auch den Klebstoff, den Institutionen liefern.“
Und genau das ist die Geheimwaffe Deutschlands. Vielleicht kann ich die volle Schlagkraft dieser Waffe gar nicht ganz erfassen, aber ich bin sicher, Sie können es.
Deutschland hat eine starke Tradition und einen großen Schatz an Einrichtungen und Vereinen für gemeinsame Aktivitäten. Schätzungen zufolge gibt es um die 600.000 Vereine. Damit käme ein Verein auf 132 Deutsche. Die Vereinskultur in Deutschland ist gesund.
Einer dieser Vereine ist der Alpenverein, der während meiner Zeit in Bayern eine für mich lebensverändernde Rolle spielte. Bei einer meiner alpinen Wanderungen lernte ich meinen Partner kennen, mit dem ich auch heute noch, 52 Jahre später, nach wie vor gerne wandern gehe.
Aber es gibt ja alle möglichen Vereine hier – auch sehr ungewöhnliche. Wie zum Beispiel den „Klub langer Menschen“. Oder den Verein für Sacherophile – Menschen, die Zuckerpäckchen sammeln.
Wegen dieses dichten Netzwerks an Vereinen nennen viele Forschende Deutschland als Beispiel für eine ungewöhnlich starke soziale Infrastruktur und bürgerliche Teilhabe.
Das alles ist seltsam und wunderbar. Und es ist das richtige Gerüst, um damit Brücken zu bauen. Ich bin ganz sicher, dass es auch außergewöhnlich lange Zugewanderte gibt und vielleicht sammeln einige davon auch Zuckerpäckchen!
Mit anderen Worten: Innerhalb dieser Netzwerke Anschluss zu finden, ist ein gut zugänglicher Weg für Verbindung und Zugehörigkeit. Keine Gesetze, keine Politik – einfach nur menschliches Beisammensein und Empathie.
Kommen wir zu einer weiteren entscheidenden Ausdrucksform von Zugehörigkeit: der Sprache. Sprache ist ein Spiegel unserer Werte. Sie formt unsere Identität. Sprache hat die Macht, Gefühle und Gedanken zu beeinflussen und zu verändern.
Deutsch ist eine wunderschöne Sprache. Während meines Studiums in Deutschland verschlang ich die Werke von Heinrich Böll und Thomas Mann. Ich lernte Hunderte von Regeln und genauso viele Ausnahmen.
Deutsche sind auch Weltmeister des Vokabulars. Es gibt Ausdrücke für Gefühle, die in anderen Wortschätzen überhaupt nicht vorkommen oder die nicht annähernd dieselbe Romantik oder Durchlässigkeit vermitteln. Wörter wie Schadenfreude. Heimweh. Sehnsucht. Weltschmerz. Es ist schwierig, diese Tiefe im Englischen wiederzugeben.
Zudem liebt das Deutsche die Präzision. Man kann etwa auf zwei unterschiedliche Arten deutsch sein: (a) deutsch und (b) deutsch mit Migrationsgeschichte (DMMG). Selbst Personen, deren Großeltern bereits in Deutschland geboren wurden, können als DMMG bezeichnet werden.
DMMG ist ein Label für administrative Zwecke. Eine Sprache der Zugehörigkeit ist das nicht. Wer nach sozialem Zusammenhalt strebt, muss diese Sprache der Trennung durch die Sprache der Zugehörigkeit ersetzen.
Ich setze mich dafür ein, die Sprache zu verändern, um damit auch die Gefühle und die Gedanken der Menschen in Bewegung zu bringen. Vor vielen Jahren haben wir in Kanada eine Flüsterkampagne gestartet. Die Bildungsabschlüsse von Eingewanderten beispielsweise bezeichneten wir nicht länger als „ausländisch“, sondern als „international“. Überlegen Sie einmal, wie der kleine Unterschied zwischen diesen beiden Worten – international statt ausländisch – Ihre Assoziationen beeinflusst. Wen würden Sie eher einstellen: jemanden mit ausländischem Bildungsabschluss oder mit internationalem?
Wie wird Ihre neue Sprache aussehen? Ich kann es Ihnen nicht sagen, das müssen Sie selbst herausfinden – nicht ein weiterer Integrationsausschuss. Sprechen Sie mit den Menschen. Fragen Sie Poeten und Rapperinnen, Blogger und Filmemacherinnen, Autoren und Schulkinder – oder machen Sie einen Wettbewerb daraus, wie den ESC. Vielleicht kommt keine eindeutige Entscheidung dabei heraus, vielleicht finden Sie nicht die magische Lösung, aber wenigstens finden die nötigen Gespräche statt.
Am Ende ist womöglich eine mutige NGO anwesend oder sogar eine progressive Stiftung, die eine solche Kampagne in Gang setzen könnte. Ich rufe Sie dringend dazu auf, die Begrifflichkeiten der Behörden dort zu lassen und Ihre eigenen zu finden für den täglichen Gebrauch.
Finden Sie die Sprache der Menschen und für die Menschen. Löschen Sie die Unterschiede.
„Wer nach sozialem Zusammenhalt strebt, muss diese Sprache der Trennung durch die Sprache der Zugehörigkeit ersetzen.“
Sicher haben viele von Ihnen angesichts meines öffentlichen Profils und politischen Hintergrunds eine Vorlesung über neue Gesetzgebungen, öffentliche Richtlinien und Regelungen erwartet. Tatsächlich habe ich große Teile meines Berufslebens dem Erarbeiten, Ändern und Vorschlagen von Gesetzen gewidmet.
Aber meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Gesetze und Verfassungen zwar wichtig sind, aber nicht bis in die Seele einer Nation vordringen. Sie können Verhalten einschränken, fördern und manchmal auch verändern. Aber sie verändern niemals die Herzen der Menschen.
Das tiefere Narrativ einer Nation spiegelt sich darin wider, was Menschen einander erzählen – über sich selbst, über ihre Nachbarn und darüber, wer dazugehört.
Deutschland hat das verstanden.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs erzählte Heinrich Böll Geschichten über die Menschlichkeit. Inmitten von Trümmern, Verzweiflung und Abrechnung gab es Geschichten über ganz normale Menschen; so trug Böll dazu bei, Empathie und Mitgefühl in das Narrativ zurückzubringen.
Heute erzählen zeitgenössische Autoren wie Navid Kermani die neue Geschichte Deutschlands; die Erfahrung der Immigration ist Teil davon – ebenfalls mit viel Humanität im Narrativ.
Aber Geschichten sind nicht das Vorrecht bekannter Autorinnen und Autoren. Ein paar der wichtigsten Geschichten sind ganz klein. Und enthalten vielleicht Details wie Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwiches.
Also finden Sie die Menschen. Lassen Sie sich ihre Geschichten erzählen.
Und nur dass Sie es wissen: Ich bin nicht komplett naiv. Mir ist durchaus bewusst, dass nichtfreiheitliche Demokratien auf dem Vormarsch sind, und dass laut ihnen Zugehörigkeit nur manchen zusteht, nicht allen. Deutschland ist nicht das einzige Land, dem es so geht. Die AfD ist kein Phänomen, das es nur in Sachsen-Anhalt gibt. Auch Kanada hat Populisten, die das Prinzip der Diversität infrage stellen.
Ich möchte hierzu eine politische Aussage treffen. Solche politischen Bewegungen haben Migranten und Einwanderinnen erfolgreich zu Gegnerinnen und Gegner erklärt.
Diese Strategie hat sich bewährt und war schon oft erfolgreich. Es ist eben einfacher, gegen etwas oder jemanden zu sein, als zu formulieren, wofür oder für wen man ist. Diese „einzige Idee“ oder „einzige Identität“ mag solchen Bewegungen kurzfristig nützen, aber langfristig werden sie von den Folgen des Bevölkerungsrückgangs, des langsameren Bevölkerungswachstums und des sinkenden Lebensstandards eingeholt werden.
Ich hatte das Glück, am Aufbau der Gesetze meines Heimatlands beteiligt zu sein. Ich habe dazu beigetragen, Gesetze über Staatsangehörigkeit, Kinderbetreuung und Sterbehilfe zu ändern. Solche Änderungen sind wichtig. Sie verbessern das Leben der Menschen.
Aber ich denke, sollte man sich je an mich erinnern, dann weniger wegen der Gesetze, an denen ich beteiligt war, als wegen der Geschichten, die ich dabei erzählte.
Lassen Sie mich also mit einer letzten Geschichten zum Ende kommen.
Sie stammt aus meinem Berlin-Tagebuch. Vor zwei Wochen war ich in Quedlinburg, einer schönen mittelalterlichen Stadt, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Ich hatte mich in der Stadt ein wenig verlaufen und hielt einen Jungen auf einem Fahrrad an, um ihn nach dem Weg zu fragen.
Er zeigte in die richtige Richtung.
Ich drehte mich um und wollte gerade losgehen, als er fragte: „Kann ich Sie begleiten?“
Ich war wie vom Donner gerührt angesichts seiner Freundlichkeit und dieser ganz einfachen Frage. Ich stand vor einem Jungen, der mir nichts schuldete, mir aber anbot, mir seine Zeit zu schenken, sich um mich zu kümmern und mir als Ortsfremder zu helfen.
Eine kleine Geste. Und doch ist darin alles enthalten, worüber ich heute gesprochen habe.
Zugehörigkeit.
Verbindung.
Der Wille, den Abstand zwischen zwei Menschen zu überbrücken.
Und ich denke, wenn ich meine Berlin-Tagebücher einmal wieder in die Hand nehme, wird dieser kleine Moment eine der wertvollsten Erinnerungen sein.
Deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, gehe ich so, wie ich gekommen bin: optimistisch!
Sie wissen jetzt, wo ich wohne: In einer Stadt namens Zugehörigkeit, in der Straße der Hoffnung.
Und heute Abend lade ich Sie ein, meine Nachbarinnen und Nachbarn in dieser Straße zu werden.
Danke.
The Honourable Ratna Omidvar, C.M., O.Ont.
The Honourable Ratna Omidvar ist eine frühere Senatorin aus Kanada deren Arbeit darauf abzielt, den Zugang von Migrantinnen und Migranten zu Bildung und zum Arbeitsmarkt zu verbessern. Ratna Omidvar wurde 2011 in den Order of Canada aufgenommen und erhielt 2014 das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland in Anerkennung ihres Engagements für Einwanderinnen und Einwanderer und Integration.