Kornely Kakachia
„Warum unterschätzt Europa noch immer die strategische Bedeutung Georgiens und der Schwarzmeerregion? Und was braucht es, damit Deutschland und die EU sich ernsthaft und dauerhaft engagieren, bevor konkurrierende und autoritäre Mächte das entstehende Vakuum besetzen?“
Mehr über Kornely Kakachia
Kornely Kakachias Werkzeuge sind Politikanalyse und Politikdebatte: Als Wissenschaftler setzt er sich seit Jahrzehnten dafür ein, auf diese Weise Georgiens Entwicklung zu einer nachhaltigen Demokratie in Europa zu unterstützen. 1971 in einer Provinzstadt im Westen Georgiens geboren und nach dem frühen Tod seines Vaters von seiner Mutter großgezogen, wurde er als junger Mann Zeuge des Zerfalls der Sowjetunion. Er gehörte zur ersten Generation georgischer Politikwissenschaftler:innen, die das Fach an Universitäten etablierten, an denen noch der wissenschaftliche Kommunismus gelehrt wurde. Zeitgleich wurden die staatlichen Institutionen des Landes überhaupt erst aufgebaut.
Um ohne Parteibuch und Korruption beruflich Fuß zu fassen, ging er für zehn Jahre zu den Vereinten Nationen. Erst nach der Rosenrevolution 2003 kehrte er in die Wissenschaft zurück, mit Forschungsaufenthalten in Harvard und Columbia. 2011 gründete er das Georgian Institute of Politics (GIP), die führende überparteiliche Denkfabrik des Landes, und machte daraus eine anerkannte Stimme mit festem Platz in europäischen Forschungsnetzwerken. Er ist Professor für Politikwissenschaft und Inhaber eines Jean-Monnet-Lehrstuhls an der Staatlichen Universität Tiflis und für die internationale Presse einer der gefragtesten Kenner georgischer Politik.
Heute ist sein Institut geschlossen, auf Grundlage eines Gesetzes über „ausländische Agenten" - ganz nach russischem Vorbild. Georgien verlässt seinen westlichen Kurs, gegen den Willen der meisten Menschen im Land. Als Richard von Weizsäcker Fellow untersucht Kornely Kakachia die Sicherheit und Vernetzung der Schwarzmeerregion und die Frage, wie Europa sich in seiner östlichen Nachbarschaft engagiert. Sein Argument: Georgien und die gesamte Schwarzmeerregion sind für die EU strategisch weit wichtiger, als man in Brüssel und Berlin wahrnimmt. Engagiert sich Europa nicht ernsthaft und verlässlich, tun es andere. Neben Russland drängen neue Akteure in die Region, darunter China, der Iran und die Golfstaaten, und diese stellen nicht die demokratischen Anforderungen, die Europa verlangt.
Stand 2026
Lebenslauf
2024 – Publikation (Hg.): Security Dynamics in the Black Sea Region: Geopolitical Shifts and Regional Orders (Springer)
2023 – DAAD-Gastwissenschaftler, Centre for European Policy Studies (CEPS), Brüssel
2022 – Publikation (Hg.): Georgia’s Foreign Policy in the 21st Century: Challenges for a Small State (Bloomsbury)
2019 – Erasmus-Mundus-Gastprofessor, University College Dublin und Freie Universität Berlin
2018 – Publikation (Hg.): Geopolitics and Security: A New Strategy for the South Caucasus (mit Stefan Meister und Benjamin Fricke; KAS, GIP und DGAP)
2018 – Gastdozent, Institut für Geopolitik, Universität Paris 8
2017 – Publikation (Hg.): International System since Westphalia up to the End of Bipolar System (auf Georgisch; Universal Publishing)
2016 – Publikation (Hg.): Values and Identity as Sources of Foreign Policy in Armenia and Georgia (mit Alexander Markarov; Universal Publishing House)
2015 – Gastwissenschaftler, Friedrich-Schiller-Universität Jena
2014 - heute – Professor für Politikwissenschaft (Jean-Monnet-Lehrstuhl, 2022–2025), Staatliche Universität Tiflis
2013 – Publikation (Hg.): Role of Social Networks in Georgian Party Politics (mit Tamar Pataraia; Meridiani Publishing)
2013 – Publikation (Hg.): Georgian Foreign Policy: Quest for Sustainable Security (mit Michael Cecire; Konrad-Adenauer-Stiftung)
2011 – Gastwissenschaftler, Harriman Institute, Columbia University
2011 – Gründer und Direktor, Georgian Institute of Politics (GIP), Tiflis
2010 – Gastwissenschaftler, Aleksanteri-Institut, Universität Helsinki
2009 - 2010 – Visiting Fellow, Black Sea Security Program, John F. Kennedy School of Government, Harvard University
2005 - 2010 – Direktor, School of Politics and International Relations, University of Georgia
2002 – Promotion in Politikwissenschaft, Staatliche Universität Tiflis
2000 – Research Scholar, Johns Hopkins University SAIS, Washington, D.C. (IREX Contemporary Issues Fellowship)
1994 - 1997 – Promotionsstudium der Politikwissenschaft, Staatliche Universität Tiflis
1994 – Gastforschungsaufenthalt, Foreign Policy Institute, Johns Hopkins University SAIS, Washington, D.C.
1990 - 1993 – Diplom in Rechtswissenschaft, Staatliche Universität Tiflis
1989 - 1994 – Diplom in Geschichte (mit Auszeichnung), Staatliche Universität Tiflis
1978 - 1988 – Schulausbildung
1971 – Geboren in Georgien
Kornely Kakachias Richard von Weizsäcker Fellowship:
Europas östliche Nachbarschaft: Schwarzes Meer, Südkaukasus und warum Georgien für die EU wichtig ist
Aus Sicht der EU lange eine Randregion, ist das Schwarze Meer heute einer der strategisch wichtigsten Räume Europas: Hier überlagern sich Sicherheit, Energie, Handelswege und die Rivalität der Großmächte. Während seiner Richard von Weizsäcker Fellowship untersucht Kornely Kakachia diesen Wandel, mit Georgien als Dreh- und Angelpunkt.
Ein Tor, das Europa nicht verlieren darf
Das Schwarze Meer, so Kakachia, ist das wichtigste Tor, über das die EU den Südkaukasus und Zentralasien erreicht. Seine Häfen, Bahnstrecken, Energieleitungen und digitalen Verbindungen, allen voran der neue Mittlere Korridor und die transkaspische Route, erlauben es Europa, seine Lieferketten breiter aufzustellen, an kritische Rohstoffe zu kommen und Partnerländer aus der Abhängigkeit von Russland und China zu lösen. Seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und der EU-Schwarzmeerstrategie von 2024 ist die Region ins Zentrum europäischer Sicherheit gerückt. Kornely Kakachias Kernfrage aber lautet: Schafft es die EU, aus strategischem Anspruch ein verlässliches, dauerhaftes Engagement zu machen? Oder bleibt sie, fragmentiert und mit anderen Prioritäten, hinter Russland, China, Iran und den Golfstaaten zurück, die längst in der Region aktiv sind?
Was Deutschland und die EU tun sollten
Georgien ist dabei der Prüfstein, sagt Kornely Kakachia. Als kleine, europäisch gesinnte Demokratie am östlichen Rand der EU kann das Land, in seinen Worten, „ein Vorposten der westlichen Demokratie in dieser Region" werden, oder ein warnendes Beispiel dafür, wie ein Vorreiter verloren geht. Brüssel und Berlin, so fordert er, müssten sich ernsthaft und verlässlich engagieren, zwischen einer autoritären Regierung und einer proeuropäischen Bevölkerung unterscheiden, flexibel bleiben, ohne ihre demokratischen Werte preiszugeben, und Europas eigentliche Stärke nutzen: dass die Georgier:innen sich längst als Europäer:innen verstehen. Deutschland, sagt er, sei derzeit der einzige Akteur, dem Osteuropa wirklich am Herzen liegt. Es sollte daher auch so handeln.