Phumzile Mlambo-Ngcuka und das Küchen-Klassenzimmer: wo alles begann
„Ich fühlte mich in diesen Momenten wie eine kleine Erwachsene“, erinnert sie sich. Was sie am meisten bewegte, war die Verwandlung, die sie bei den erwachsenen Schüler:innen beobachtete: „Die größte Freude war, wenn sie gelernt hatten zu schreiben und zu rechnen. Dann konnten sie ihr eigenes Geld verwalten. Der Samen wurde dort gepflanzt.“
Die dreifache Unterdrückung: Rasse, Geschlecht und Klasse
Die Erwachsenen, die im improvisierten Klassenzimmer ihrer Mutter saßen, hatten das Lesen- und Schreibenlernen nicht einfach versäumt. Die Apartheid, die große Ungerechtigkeit ihrer Zeit, hatte dafür gesorgt, dass sie dazu keine Chance bekamen. Armut und die Diskriminierung von Frauen kamen erschwerend hinzu. Phumzile Mlambo-Ngcuka nennt es die „dreifache Unterdrückung“.
Von der Erschöpfung, schwarz zu sein: Apartheid und politische Selbstbildung
„Ich sage den Menschen immer: Es ist erschöpfend, Schwarz zu sein“, sagt Phumzile Mlambo-Ngcuka. Der Druck, ständig auf der Hut vor Repressalien sein zu müssen, und der gleichzeitige Drang, stets aktiv Widerstand zu leisten, habe das Leben unter Apartheid ausgemacht. „Wo immer man war, fühlte man sich als Botschafterin des Kampfes gegen die Apartheid. Das hat einen aufgezehrt. Das war ich.“
Vom Widerstand in die Verantwortung: den Unterdrücker befreien
1994 zog Phumzile Mlambo-Ngcuka in das erste demokratische Parlament Südafrikas ein und übernahm rasch Regierungsverantwortung: Staatssekretärin im Handels- und Industrieministerium, Ministerin für Bodenschätze und Energie, schließlich ab 2005 Vizepräsidentin: als erste Frau in diesem Amt. Der Übergang vom Widerstand in die Verantwortung – „die Temperatur zu senken“ – erforderte einiges an Umlernen, sagt sie: „Wir versuchten, ein Land aufzubauen, in dem Menschen lernen müssen, mit denen zusammenzuleben und zu arbeiten, die sie früher als Feinde betrachteten.“
„Gott sei Dank für Mandela“, sagt sie. Er habe anderen vorgelebt, wie man den Impuls zu Rache und Vergeltung zurückdrängt: „Dein größter Sieg als Freiheitskämpferin ist es, wenn du deinen Unterdrücker befreist. Und du kannst deinen Unterdrücker nicht befreien, wenn du anhaltenden, nicht enden wollenden Zorn gegen ihn hegst.“
Als Ministerin für Handel und Industrie förderte sie die Qualifizierung junger Menschen. Als Vizepräsidentin baute sie darauf auf und lancierte die „Joint Initiative on Priority Skills Acquisition (JIPSA)“ – ihr zentrales Programm, um junge Menschen gezielter auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Als Ministerin für Bodenschätze und Energie trieb sie die Elektrifizierung ganzer Gemeinden voran und öffnete den Bergbau für schwarze Südafrikaner:innen, die systematisch von den Ressourcen ihres eigenen Landes ausgeschlossen waren. In ihrer Erinnerung ist es ihre wohl wirkungsvollste Zeit: „Wir haben Türen für Menschen geöffnet. Darauf bin ich wirklich stolz.“
2008 trat sie als Vizepräsidentin zurück, kurz nach der Abberufung von Präsident Mbeki durch den ANC. „Ich war erschöpft“, sagt sie. Sie sehnte sich außerdem schon lange danach, zu dem zurückzukehren, was ihr von jeher am meisten bedeutete: die Bildung.
Die ungeschlossene Lücke: Bildungs- und Geschlechtungerechtigkeit
Von 2013 bis 2021 leitete sie UN Women. Zu den Initiativen, die sie auf den Weg brachte, gehörte „HeForShe“, die Männer dazu aufruft, für Frauenrechte einzustehen. Was sie in dieser Zeit auch feststellte: Selbst die Vereinten Nationen sind nicht frei von den Ungleichheiten, die sie zu überwinden sucht. „Es hat wenig Spaß gemacht“, sagt Phumzile Mlambo-Ngcuka trocken. „Geschlechtungerechtigkeit ist tief verwurzelt. Sie ist überall.“
Jugendförderung: Jobschöpfer ausbilden, nicht Jobsuchende
Im Rahmen der JIPSA-Initiative hatte Phumzile Mlambo-Ngcuka Praktikumsprogramme aufgebaut, die junge Absolvent:innen für Praktika ins Ausland und auch nach Deutschland vermittelt hatte. Manchmal begegnet sie ihnen noch. „Jemand kommt auf mich zu und sagt: Ich war in dem Programm, und jetzt bin ich dies und das. Das wärmt mir das Herz.“