Ein Rebell aus gutem Hause

Campaigner, Geschichtenerzähler, Kommunikationschef: Ben Phillips kämpft seit dreißig Jahren gegen Ungleichheit. Er kennt sie von beiden Seiten – und ist überzeugt: Wir brauchen eine neue Geschichte vom Gemeinwohl.

Ben Phillips, Autor von How to Fight Inequality und Begründer von Gerechtigkeitskoalitionen weltweit, ist nach eigenem, heiterem Bekunden ein „elitärer weißer Mann“: Londoner Privatschule, Oxford, familiärer Hintergrund in der Werbebranche.  

Heute 50, hat er dreißig Jahre damit verbracht, seine elitäre Bildung gegen die Welt zu wenden, die sie ihm mitgegeben hat. In Führungspositionen bei nationalen und internationalen NGOs, sozialen Bewegungen und den Vereinten Nationen hat er Kampagnen geführt, die Reiche und Mächtige zur Verantwortung ziehen.  

Er verbindet das „Organizing“ mit der Arbeit an neuen Narrativen und versteht beides als untrennbar miteinander verwoben. In Berlin erforscht er, wie Geschichten gesellschaftlichen Stillstand festschreiben oder gesellschaftlichen Fortschritt eröffnen können. Er glaubt an die Kraft aktiver Hoffnung. Seine Überzeugung: In Zeiten eines brüchigen Multilateralismus und wachsender Intoleranz kann ein progressiver Internationalismus noch immer gewinnen.

„Thatcher war für fast alle anderen Jungen ein Pin-up.“

Ben Phillips wurde 1976 in London geboren. Sein Vater leitete das Marketing des Unternehmens, aus dem später GlaxoSmithKline wurde; seine Mutter war Krankenschwester. Der Vater war Anglikaner, die Mutter Katholikin. „Was mich als Kind beschäftigte, war der Widerspruch zwischen den Werten von Liebe, die wir sonntags lernten, und der Gesellschaft von Gier und Privileg, die ich von Montag bis Freitag in der Schule sah.“ An der St. Paul’s Schule in London, einer fast 500 Jahre alten privaten Eliteschule nur für Jungen, vertraten seine Lehrer:innen und Mitschüler ein Bild von Großbritannien, das er nicht teilen konnte. Es war der Höhepunkt der Thatcher-Ära, die den Sozialstaat zurückbaute, die Gewerkschaften zerschlug und öffentliche Güter privatisierte. „Thatcher war für fast alle anderen Jungen ein Pin-up. Ich gehörte zu einer kleinen Minderheit, die sagten, dass das, was sie tat, die Gesellschaft kaputtmachte.“

Was er schon damals zunehmend sah, ist, wie Reichtum sich selbst garantiert. „Geld, das von oben durch ein politisches System nach unten spült, formt dieses System“, schrieb er später. Die Konzentration von Reichtum und das damit einhergehende Selbstverständnis des Privilegs zementieren eine Erzählung darüber, wer dazu gehört und wer nicht, und diese Erzählung entfaltet eine Kraft, die sich verselbstständigt. Sein Schluss als Aktivist: Ändere die Geschichte, die eine Gesellschaft über sich erzählt, und du änderst, was ihre Mächtigen tun können und was nicht.

„Diese Erfahrung hat mich innerlich quasi umprogrammiert.“

Der erste große Prüfstein für Ben Phillips’ jugendliche Aufmüpfigkeit kam in seinem letzten Schuljahr 1992/93: In Südafrika liefen die Verhandlungen über das Ende der Apartheid, und die meisten Jungen, Eltern und Lehrer der St Paul’s Schule hielten weiter zum weißen Regime. „Hör mal, Phillips“, sagte ein Mitschüler – auch die Schüler nutzten nur den Nachnamen als Anrede –, „dir kann das egal sein, du wirst die Folgen nicht ausbaden müssen. Ich habe Familie dort.“ 

Phillips, einer der wenigen, die Nelson Mandela unterstützten, antwortete spontan: Er werde nach Südafrika gehen und an einer schwarzen Schule unterrichten. „Ich habe mir das in dem Moment ausgedacht. Und dann, wie das entschlossene Teenager so tun, habe ich es organisiert und durchgezogen. Er hatte mich in die Ecke gedrängt, in der ich eine absurde Verpflichtung einging, die ich dann eingehalten habe.“ 

Mit 18 war Ben Phillips der einzige weiße Bewohner von Mamelodi, einem großen Township am Rand von Pretoria. Er lebte bei einer afrikanischen Familie, unterrichtete, trat dem ANC bei, hörte Mandela sprechen, traf Desmond Tutu. Er lernte, wie Menschen sich organisiert, den Apartheidstaat überwunden und die Demokratie erkämpft hatten. Und er sah die Unfertigkeit der jungen Demokratie – der Müll im Township blieb liegen, während er in den weißen Vororten dreimal pro Woche abgeholt wurde – und den Beginn der HIV-Krise. 

„Verschiedene Welten zu verstehen und zu sehen, wie sie aufeinander wirken – das ermöglicht eine Menge.“

„Diese Erfahrung hat mich innerlich quasi umprogrammiert“, sagt er. „Nachdem die Menschen mir ihre Häuser geöffnet, sich Zeit genommen hatten, mir etwas beizubringen und mir ihre Lebensgeschichten zu erzählen, gab es für den Rest meines Lebens schlicht nichts anderes mehr, außer mich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen.“ 

„Reichtum häuft Macht an, und Macht häuft Reichtum an.“

Zurück in der Welt, aus der er kam, ging er nach Oxford, um Geschichte zu studieren: „Geschichte handelt davon, wie Wandel passiert. Genau das ist meine Arbeit.“ Er machte den Aktivismus zum Beruf und kämpfte an den Hebeln von Privileg und Macht weltweit gegen die Ungleichheit, die er nun von beiden Seiten kannte. Ben Phillips leitete die Kampagnen- und Politikarbeit bei Oxfam und ActionAid, hatte Führungsaufgaben bei Save the Children, gründete die Fight Inequality Alliance mit und wurde schließlich Kommunikationschef bei 
UNAIDS. 

„Wir stecken in einer Teufelsspirale, in der Reichtum Macht anhäuft und Macht Reichtum – zum Schaden von uns allen und zum Schaden von Demokratie, Anstand und Würde. Aber wir können aus dieser Verhängnisspirale ausbrechen.“

„Wir stecken in einer Teufelsspirale, in der Reichtum Macht anhäuft und Macht Reichtum – zum Schaden von uns allen, zum Schaden von Demokratie, Anstand und Würde“, sagt er. Seine Kritik trifft selbst die NGO-Welt, in der er selbst arbeitet: „Wohltätigkeit ist eine Form des Teilens, ohne wirklich Macht abzugeben“, sagt er. „Ein Retterkomplex rettet niemanden. Fortschritt entsteht, wenn Menschen gleichwertig zusammenarbeiten.“  

Die Story ist das System.

Heute leitet Ben Phillips das Public Good Narrative Project am Global Cooperation Institute, das neue Narrative für ein solidarisches Miteinander in Gesellschaften und zwischen Ländern fördert. Narrative formen, was eine Gesellschaft für möglich hält und welche politischen Entscheidungen dementsprechend getroffen werden, sagt er. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe die prägende Erzählung einer gemeinsamen Welt – Sozialstaaten, die Vereinten Nationen, Multilateralismus, Völkerrecht – aus der Einsicht gestammt, dass „Konkurrenz zwischen Menschen und zwischen Nationen uns Zerstörung gebracht hat.“

Dann, Ende der 1970er, „kam eine neue Geschichte: Der Staat ist das Problem“, fährt er fort, „daraus folgte Privatisierung, Monetarismus, Deregulierung, das Schleifen von Arbeit nehmerrechten.“ Nach dem Finanzcrash von 2008 hätte sich die „Privatisierungsgeschichte“ eigentlich als „riesige Lüge“ entlarven müssen, doch stattdessen habe die Rechte sie durch eine Erzählung der Angst ersetzt: „Außenstehende bedrohen uns; wir müssen uns zuerst um unsere eigenen Leute kümmern.“

Eine neue Geschichte: „Zusammenarbeit ist keine Wohltätigkeit, sondern Selbsterhaltung“ 

„Was wir brauchen, ist eine neue Rahmenerzählung des Gemeinwohls, die die Idee der Kooperation für das 21. Jahrhundert neu denkt“, sagt Ben Phillips. „Zusammenarbeit ist in unserem Interesse, sowohl in einem Land als auch zwischen Ländern.“ Und dann betont er noch einmal: „Die Politik folgt der Story, nicht umgekehrt.“ 

Genau diese prägenden Rahmenerzählungen will er in Deutschland weiter untersuchen. Deutschlands Narrativ sei einst gewesen, dass es in einer gedeihenden Welt selbst gedeihen werde. Dieses Selbstvertrauen und diese Offenheit sei aber seit Russlands Angriff auf die Ukraine, zwei Trump-Präsidentschaften und steigender Angst vor Migration einem Klima der Angst gewichen. Er zeichnet einen schrumpfenden Kreis der Zugehörigkeit: Zuerst 
fürchtet man Russland oder Amerika oder die Ländern des Südens; dann schrumpfe der Kreis weiter. „Und dann sind es Menschen, die anders leben, glauben oder sich anders kleiden, die sich für Rechte einsetzen oder nicht unterwürfig genug erscheinen. Auf einmal wird jeder zur Bedrohung.“ 

In ihrer plumpsten Form vertrete die AfD diese Angstgeschichte, sagt er, „aber gieße Wasser dazu, und du hörst Ähnliches von manchen Christdemokraten und sogar manchen Sozialdemokraten.“ Die Konsequenz dieser angstgetriebenen Erzählung sei, dass Deutschland und Europa vor internationaler Zusammenarbeit, der Achtung des Völkerrechts, der Akzeptanz von Migration und dem Gesellschaftsvertrag zurückschrecken. Ben Phillips lässt sich davon jedoch nicht entmutigen. Sein Fokus liegt darauf, wie eine neue Erzählung mitgestaltet werden kann.

Bild
Richard von Weizsäcker Fellow Ben Philips
Derzeit Fellow in Berlin

Ben Phillips

August 2026 – Februar 2027

Wie prägen Narrative die Gestaltung von Politik und wie lassen sich neue Er zählungen für eine bessere, gemeinwohlorientiertere Politik entwickeln?