„Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an ihn denke“, sagt Colleen Thouez, als sie auf ihre jüngste Gründung angesprochen wird: Seit vier Jahren ermöglicht Europe Prykhystok – zu Deutsch „Zuflucht“ – Kindern aus den ukrainischen Kriegsgebieten Erholungsaufenthalte fernab des Krieges. Als im vergangenen Jahr eine Gruppe von ihnen auf dem Weg zu Gastfamilien nach Frankreich war, musste ein 13-jähriger Junge an der ukrainisch-polnischen Grenze zurückbleiben. Ein Grenzbeamter akzeptierte seine Papiere nicht, der Bus fuhr ohne ihn weiter.
Das Begleitteam rief Colleen Thouez sofort an. Einer ihrer Kollegen blieb bei dem Jungen, während das Büro umgehend Kontakt mit der Verwaltung seiner Heimatstadt aufnahm. Dort wiederum erreichte man seine Mutter, damit sie die erforderliche Einverständniserklärung unterschreiben konnte.
Doch wie bei so vielen Kindern, um die sich Europe Prykhystok kümmert, kämpfte auch die Mutter dieses Jungen an der Front. „Und jetzt stellen Sie sich das vor: Die Mutter verlässt die Front, um eine Unterschrift zu leisten. Sie fahren zurück zur Stadtverwaltung. Dann wieder an die polnische Grenze, wo der Junge im Hotel wartet. Und schließlich bringen sie ihn zu den anderen Kindern.“
Wenn Netzwerke wirken
Ein Junge, eine Geschichte, und schon geht es um eine ganze Reihe von Beteiligten: eine Mutter an der Front, eine Stadtverwaltung, lokale Behörden, Helfer:innen vor Ort, Unterstützung aus dem Büro und internationale Geldgeber:innen im Hintergrund. Unterschiedliche Akteur:innen zusammenzubringen, ist die große Stärke von Colleen Thouez: Seit Jahrzehnten bewegt sie sich mühelos zwischen der großen politischen Bühne und konkreter Arbeit vor Ort – von den Vereinten Nationen und internationalen Stiftungen bis in Rathäuser und zu einer Kinderhilfsorganisation.
Was sie antreibt, ist über all die Jahre gleich geblieben: echte Veränderung – eine, die bei einem 13-Jährigen ankommt, der an einer Grenze gestrandet ist. Ein Freund gab ihrer Arbeitsweise einmal einen Namen, der hängen blieb: „Super-Connector“. Sie bringt die richtigen Menschen zusammen und sorgt dafür, dass das Netzwerk Wirkung schafft.
„Wie schafft man eine Gemeinschaft, in der Menschen wirklich angenommen werden und erfolgreich sein können?“
Wo Zugehörigkeit beginnt
Aufgewachsen ist sie in Montreal, Kanada, als Kind von Einwanderern in erster Generation: Ihr Vater, ein Franzose aus Poitiers, erkrankte im Krieg an Tuberkulose und verlor sein Gehör. Er sprach nie darüber. Ihre Mutter, eine Amerikanerin irischer Herkunft, schloss ihr Jurastudium als eine von nur zwei Frauen in einem Jahrgang von 500 ab, promovierte in Frankreich und lehrte später an der McGill Law School.
„Die Eltern all meiner Freunde waren wie meine Eltern“, sagt sie. „Sie alle waren nach Kanada gekommen, um für ihre Kinder ein neues Leben aufzubauen.“ Gleichzeitig teilte die Stadt die Menschen in Gruppen ein. „Da waren die Anglophonen, die Frankophonen und die Allophonen. Wo gehörtest du hin?“
Trotzdem sei es ein „sehr offenes, akzeptierendes Umfeld“ gewesen, sagt sie. Und es weckte eine Frage, die sie ihr Leben und ihre gesamte Laufbahn hindurch begleiten sollte: „Wie schafft man eine Gemeinschaft, in der Menschen wirklich angenommen werden und erfolgreich sein können?“
Colleen Thouez trug diese Frage weit über das Land hinaus, in dem sie entstanden war. „Schon sehr früh wusste ich, dass ich all das von außen betrachten würde. Wahrscheinlich wusste ich mit zwölf schon, dass ich von zu Hause weggehen würde.“
Frau in einer Männerwelt
Sie ging und verbrachte siebzehn Jahre bei den Vereinten Nationen, zunächst in Genf, später in den USA. Mit Anfang dreißig leitete sie das UN-Institut für Ausbildung und Forschung und war damit eine der jüngsten Personen, die je eine solche Position innehatten. Sie stieg schnell auf in einer Welt, in der es kaum Frauen an der Spitze gab. Wie stark Männer diese Welt prägten, zeigte sich oft in kleinen, aber entlarvenden Momenten.
Frauen standen insbesondere unter dem Druck, ihre Mutterschaft verborgen zu halten. Als Colleen Thouez mit 33 ihr erstes Kind bekam, leitete sie bereits eine UN-Abteilung. In ihrem Team arbeiteten „hochdekorierte Botschafter, Menschen, die auf den höchsten Ebenen der UN tätig gewesen waren“. Sie war ihre Direktorin und zugleich eine junge Mutter, die im Büro Milch abpumpen musste. Also stand dort auch eine Milchpumpe.
„Und eines Tages klopfte einer dieser ehemaligen Botschafter an meine Tür und fragte tatsächlich, ob er hereinkommen und zuschauen dürfe“, erzählt sie. „Es ist unglaublich, was sich manche von ihnen damals erlauben konnten.“ Wenn sie die Geschichte heute jungen Frauen erzählt, reagieren viele fassungslos.
Jenseits der großen Bühne
2010 war Colleen Thouez an einem Punkt angekommen, an dem sie das System, in dem sie arbeitete, grundsätzlich infrage stellte. „Auf zwischenstaatlicher Ebene werden wir zu meinen Lebzeiten nicht die Veränderungen erleben, die Flüchtlinge und Migranten brauchen“, sagt sie. „Das wird nicht passieren. Also kann das auch nicht der einzige Ort sein, an dem wir ansetzen.“ Sie gab ihre sichere, unbefristete Stelle bei den Vereinten Nationen auf. „Alle hielten mich für völlig verrückt.“
Heute sieht Colleen Thouez diese Entscheidung als einen der großen Wendepunkte ihres Lebens. „Eine der wichtigsten Lektionen für mich war, mich nicht länger über meinen Titel zu definieren, sondern über das, was meine Arbeit bewirkt.“ Von da an folgte sie einem anderen Prinzip: ein konkretes Problem erkennen, die richtigen Menschen zusammenbringen und neue Strukturen schaffen, die Veränderung möglich machen. Ihr erster Gedanke war: „Ich werde die Möglichkeiten der UN dafür einsetzen, Räume zu schaffen, in denen Kommunen, Bürgermeister und Städte regelmäßig mit am Tisch sitzen.“
Vom System zur direkten Hilfe
Colleen Thouez wechselte zum Global Forum on Migration and Development (GFMD), einem informellen Forum, in dem Regierungen einmal im Jahr über Migration und Entwicklung beraten. Dort baute sie den Mayors Mechanism und den Mayors Migration Council (MMC) auf und verschaffte Städten und Kommunen damit erstmals eine feste Stimme in den migrationspolitischen Debatten der UN. Städte, sagt Thouez, „gestalten globale Politik mit und machen sie besser“.
Mit der Pandemie rückte ihre Arbeit noch näher an die Menschen heran. Bei den Open Society Foundations baute sie ein Netzwerk auf, das Familien mit Geldkarten unterstützte, die keine staatlichen Hilfen erhielten, weil ihre Mitglieder aufenthaltsrechtlich unterschiedlich gestellt waren.
„Politik ist wichtig, aber ich kann auch für eine einzige Familie einen Unterschied machen“, sagt Colleen Thouez über diese Zeit. Diese Erfahrung veränderte auch ihre Art zu arbeiten. „Der Schritt hin zur direkten Hilfe hat mir große Angst gemacht. Wenn man so arbeitet, schläft man wochenlang kaum.“
Nur wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 war sie in Paris und traf französische Regierungsvertreter:innen. Die „Super-Connectorin“ erkannte sofort, dass sich hier etwas bewegen ließ. Gemeinsam mit einem Kollegen nahm sie Kontakt zu den ukrainischen Communities auf. Aus diesen Gesprächen entstand Europe Prykhystok. Die Initiative verknüpft ukrainische Städte mit Kommunen in Frankreich, Deutschland und Polen und ermöglicht ukrainischen Kindern so, für eine Zeit dem Krieg zu entkommen. Für Colleen Thouez berührte diese Arbeit auch die eigene Familiengeschichte: Ihr Großvater war als Kind nach dem Ersten Weltkrieg Mündel des französischen Staates.
Chancen schaffen
Ihr jüngstes Netzwerk sind die öffentlichen Universitäten in den USA. Als Vice President for Workforce Development bei der National Association of Higher Education Systems (NASH) bringt Thouez 90 öffentliche Hochschulsysteme mit 1.200 Standorten und 13,9 Millionen Studierenden mit den Unternehmen und Kommunen in ihren jeweiligen Regionen zusammen. Sie entwickelt Programme, die Menschen den Übergang von der Ausbildung in den Beruf erleichtern. Ihr Ziel heute ist, Institutionen so miteinander zu verbinden, dass daraus konkrete Chancen für Einzelne entstehen. Öffentliche Universitäten in den USA seien schließlich gegründet worden, um ihren Gemeinden zu dienen, sagt sie: „Sie müssen Menschen bilden und unterstützen.“
„Es gibt ein Zeitfenster, in dem Menschen, die andere willkommen heißen, sie für ein gemeinsames Projekt gewinnen können.“
Während ihres Richard von Weizsäcker Fellowships untersuchte Thouez, wie sich der Übergang von Bildung in den Beruf besser gestalten lässt und welchen Beitrag das zu wirtschaftlichem Aufstieg, sozialem Zusammenhalt und Demokratie leisten kann. Im Kern verfolgte sie dabei dieselbe Frage und dieselbe Methode wie schon zuvor, nur in einem neuen Feld: „Super-Connectoren zusammenbringen, Menschen mit großartigen Ideen und Menschen mit großen Ressourcen.“ Dahinter steht die Überzeugung, die sich durch ihre gesamte Arbeit zieht: „Es gibt ein Zeitfenster, in dem Menschen, die andere willkommen heißen, sie für ein gemeinsames Projekt gewinnen können.“
Colleen Thouez
Februar - März 2026
„Wie können kommunale und subregionale Ansätze zur Qualifizierung und Beschäftigung echte Wege von der Bildung in den Beruf eröffnen?“