Der Zukunftsstratege

Artillerieoffizier, ANC-Partner, Zukunftsforscher: Jakkie Cilliers begann seine Laufbahn als Offizier im Apartheid-Südafrika, half dann, die Sicherheitsordnung des demokratischen Staates zu entwerfen, und erforscht heute, was Afrika zu Stabilität und Wohlstand führt. Seine Botschaft an Europa: Afrika ist keine Last, sondern eine Chance.

„Als Kind war ich verrückt nach Waffen. Ich hatte eine Patronensammlung.“ Jakkie Cilliers sitzt in seinem Haus in Schweden, als mitten im Interview ein Hahn so laut zu krähen beginnt, dass er sich entschuldigt und kurz verschwindet, um ihn zu füttern. Eine sehr alltägliche Unterbrechung in einem Gespräch über Krieg, Demokratie, Demografie und Afrikas Zukunft. 

Jakkie Cilliers ist Zukunftsforscher und seine Arbeit kreist um die Frage, wie sich Afrika in den kommenden Jahrzehnten verändern wird. In Pretoria leitet er das Programm African Futures and Innovation des Institute for Security Studies (ISS); während seines Richard von Weizsäcker Fellowships entstand aus dieser Forschung sein Buch Africa’s Road to Prosperity. Es ist die Ernte einer Berufslaufbahn, die mit ihren Anfängen nur noch wenig zu tun hat. Kaum aus der Schule, diente der junge Jakkie 14 Jahre in der südafrikanischen Armee, damals noch zu Zeiten der Apartheid. Welche Zukunft stellte er sich damals für sich vor? Er winkt ab. „Ich hatte keine Ahnung, was ich tat. Ich war ein Kind.“ 

„Meine Eltern hätten mich aufhalten sollen.“ 

Jakkie Cilliers wuchs in Stellenbosch auf. Sein Vater war Soziologieprofessor und wurde jahrelang nicht befördert, weil er sich gegen die Apartheid und die National Party stellte. „Unsere Familie war in Stellenbosch ziemlich ausgegrenzt“, sagt Jakkie Cilliers.  

Es war sicherlich keine Familie, in der man einen Jungen erwarten würde, der von der Armee besessen war. Und seine weitere Herkunft macht die Geschichte noch ungewöhnlicher: Jakkie Cilliers’ Ururgroßvater Sarel Cilliers war der geistliche Führer der Voortrekker, die in den 1830er-Jahren in das Innere Südafrikas vordrangen. Sarels religiöses Gelübde vor der Schlacht am Blood River 1838, in der die Buren das Zulu-Heer besiegten, wurde zu einem Grundpfeiler des burischen Nationalmythos. Ein späterer Vorfahre kämpfte gegen die Briten und wurde als burischer Kriegsgefangener nach St. Helena verschifft, auf jene abgelegene Insel im Südatlantik, auf die Großbritannien auch Napoleon verbannte. 

Die Eltern von Jakkie Cilliers glaubten an eine gerechte Gesellschaft für alle Südafrikaner:innen, drängten ihrem Sohn ihre Überzeugungen aber nie auf. „Meine Eltern hätten mich aufhalten sollen", sagt Jakkie Cilliers. „Aber sie taten es nicht." 

„Es war eine Art Rebellion" 

Noch als Schüler bewarb sich Jakkie Cilliers beim Militär. Hinter seiner frühen Faszination für Waffen sieht er heute noch einen anderen, schmerzhafteren Grund. Obwohl er aus einer burischen Familie stammte, hatte er zu Hause kein Afrikaans gelernt. Als man ihn von einer englischen in eine afrikaanse Klasse versetzte und er die Sprache kaum beherrschte, wurde er ein Jahr lang täglich von einem Lehrer verprügelt. „Das war wahrscheinlich das Traumatischste, was ich je erlebt habe", sagt er. Rückblickend deutet er seinen Eintritt ins Militär auch als Rebellion gegen diese Erfahrung, „gegen sie und gegen das System". 

Doch das Soldatenhandwerk lag ihm: Als er seinen Dienst 14 Jahre später quittierte, war er Oberstleutnant der Artillerie, ausgezeichnet für Einsätze in Angola und vom Geschützfeuer leicht schwerhörig. Nebenbei hatte er einen Bachelor, einen Master und einen Doktortitel erworben. „Das Militär hat mir sehr gutgetan", sagt er bis heute. „Ich habe großen Respekt und große Wertschätzung für das militärische Ethos: Dienst, Loyalität, Disziplin. Es ist eine bemerkenswerte Bruderschaft, mehr, als die meisten Menschen sich vorstellen." 

„Mir wurde klar: Damit kann ich nicht leben"  

Den Bruch brachte ausgerechnet Jakkie Cilliers‘ wissenschaftliche Arbeit. Seine Masterarbeit über den Krieg in Rhodesien, dem späteren Zimbabwe, wurde im Parlament von der Opposition zitiert; für seine Doktorarbeit arbeitete er sich tief in die Zusammenhänge rund um den Ausnahmezustand von 1988 und den Aufstand von Soweto ein. „Meine Master-Arbeit und meine Promotion haben mich stärker politisiert als alles andere", sagt Jakkie Cilliers noch heute. 

Ohne es geplant zu haben, war er bei derselben Frage angekommen, die schon seine Eltern angetrieben hatte: Was schuldet eine gerechte Gesellschaft ihren Menschen? Seinen Kameraden war der Oberstleutnant, der über Gleichberechtigung redete, suspekt, und er wurde als „Black Jakkie“ beschimpft. Als ihm schließlich der Staatssicherheitsrat einen Posten anbot, war für Jakkie Cilliers die Grenze erreicht. „Mir wurde klar: Damit kann ich nicht leben", sagt er. Seine politischen Ansichten hatten ihn im Militär längst zum Außenseiter gemacht. 

1988 quittierte er den Dienst. Mit dieser Entscheidung habe sich der Kreis zu seinen Eltern geschlossen, sagt Jakkie Cilliers, auch wenn er „auf einem ganz, ganz anderen Weg“ dahin gekommen sei. Vom Militär selbst hat er sich dennoch nie grundsätzlich abgewandt. Noch heute sagt Jakkie Cilliers, es habe sein Denken geschult, das sonst „völlig chaotisch" geblieben wäre. Analyse, Strategie und Planung sollten seine Themen bleiben. 

„Was der ANC wollte und was ich wollte, war genau dasselbe" 

Im März 1991, ein Jahr nach Nelson Mandelas Freilassung, flog Jakkie Cilliers nach Lusaka. Dort traf er Vertreter des bewaffneten Arms des ANC: jene Männer, die zu bekämpfen man ihn ausgebildet hatte. Er rechnete mit Feindseligkeit. Stattdessen „war es ein fantastisches Treffen, mir gingen wirklich die Augen auf", sagt er. „Was der ANC wollte und was ich wollte, war genau dasselbe." 

Er traf auf „kluge, weltgewandte Leute“, die eine Vision für ein friedliches und gerechtes Südafrika hatten: ein Südafrika, in dem jeder wählen könne und das wieder Teil der Welt sei. Chris Hani, der militärische Führer des ANC, wurde ein enger Freund, bis dieser nur zwei Jahre später von einem polnischen rechts-extremistischer Immigrant ermordet wurde, um die Verhandlungen über das Ende der Apartheid zu torpedieren. 

Auch Jakkie Cilliers selbst geriet ins Visier. „Es gab eine regelrechte Einschüchterungskampagne", sagt er. Überlebt habe er wohl nur, weil ihn jede Seite für einen Mann der anderen hielt. „Das hat mir tatsächlich den Hals gerettet." 

Das Konzept vom Staatsbürger in Uniform

Jakkie Cilliers, damals 35, wandelte sich vom Gegner der alten Ordnung zum Mitgestalter der neuen. Er machte sich daran, ein Institut aufzubauen, das die Streitkräfte für ein neues, demokratisches Südafrika entwickeln sollte. Lusaka hatte ihm gezeigt, dass aus Kontrahenten Partner werden können; das Militär hatte ihn strategisches Denken gelehrt, und in Deutschland fand er ein Vorbild, das sich lohnte.  

Um mehr über das westdeutsche Leitbild des Soldaten als „Staatsbürger in Uniform" zu lernen, brachte er einst verfeindete Delegationen aus Südafrika nach Bonn. Aus seiner neugegründeten Organisation wurde das Institute for Security Studies (ISS), heute ein panafrikanischer Think Tank, der unter anderem zu Sicherheit, Regierungsführung, Entwicklung, Klima und Kriminalität forscht. 

„Instabilität und Gewalt sind ein Symptom" 

Bis 2015 leitete Jakkie Cilliers das ISS, heute steht er seinem Kuratorium vor. Doch je länger er sich mit Afrikas Konflikten beschäftigte, desto weniger reichte ihm der Blick zurück: „Man hat es die ganze Zeit nur mit den Symptomen des Problems zu tun", sagt er. „Instabilität und Gewalt sind ein Symptom." Die Ursache ist die Armut, und die Antwort ist Entwicklung, so sein Fazit.  

Wie schon in Lusaka, änderte sich sein Blick. „Wie kann man diese Probleme so angehen, dass sich die Zukunft ändert?", war fortan für ihn die entscheidende Frage. Der frühere Militärstratege kam wieder zum Vorschein: vorausdenken, Optionen abwägen, Handlungsspielräume erkennen. Strategische Vorausschau, Prognosen und Szenarioplanung wurden sein neues Arbeitsfeld.  

„Es öffnet den Blick für Möglichkeiten und Chancen" 

Welche Entscheidungen können ein Land auf einen anderen Kurs bringen? Eine der wichtigsten Kräfte für die Zukunft Afrikas ist nach Jakkie Cilliers Ansicht die Demografie. Afrika ist der einzige Kontinent, dessen Erwerbsbevölkerung noch wächst: „Warum steckt Afrika voller Hoffnung? Weil es jung ist. So einfach ist das", sagt er. „Junge Menschen sind voller Ehrgeiz und Hoffnung. Sie sehen Chancen." 

„Um 2050 kann Afrika eine mögliche demografische Dividende erleben", sagt der Zukunftsforscher und verweist auf die Bevölkerungspyramide: „Wenn sie in der Mitte schön breit wird, dann wachsen Länder.“ 

Doch strategische Vorausschau sei keine Vorhersage, betont Jakkie Cilliers. „Niemand kann die Zukunft vorhersagen." Es gehe darum, die Kräfte zu erkennen, die bereits wirken, und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Dies „öffnet den Blick für Möglichkeiten und Alternativen, weiter, als man es normalerweise tun würde.“ 

„Afrika ist der nächste große Markt" 

Das ist auch seine Botschaft an Europa: Europa sieht in Afrika noch immer vor allem Armut, Instabilität und Entwicklungshilfe; China, Indien und die Golfstaaten hingegen erkennen zunehmend einen neuen Markt, sagt Jakkie Cilliers. Noch brauche Afrika mehr Handelsintegration und größere Binnenmärkte, doch seine wachsende Erwerbsbevölkerung verleihe ihm auf lange Sicht wirtschaftliches Gewicht. „Europa sieht Afrika noch nicht als Chance", sagt er, „aber Afrika ist der nächste große Markt." 

Fragt man Jakkie Cilliers, was Strategie für ihn bedeutet, klingt wieder der Soldat durch: „dass man sich Handlungsspielraum bewahrt, dass man Optionen hat, dass man nicht in die Enge getrieben wird." Es klingt fast wie das Motto seines eigenen Lebens: vom Militärstrategen zum Mitgestalter des demokratischen Südafrika, vom Analysten zu einem Mann, der Zukunftspfade für seinen Kontinent auslotet.  

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Jakkie Cilliers
Richard von Weizsäcker Fellow

Jakkie Cilliers

Aug. – Dec. 2025

Wie kann Afrika sein Bevölkerungswachstum in Wohlstand verwandeln?