Wenn Malih Ole Kaunga seine Kinder zu ihrem Großvater bringt, tut der alte Mann, was er immer getan hat. Er bückt sich, berührt mit den Fingern die Erde und zeichnet die Kinder damit. Eine kleine Geste, die für Malih Ole Kaunga alles sagt: Ihr gehört hierher. Ihr seid ein Teil des Landes.
Hier muss jede Erzählung seines Lebens beginnen. Nicht bei den Gerichten, nicht bei den Kampagnen, nicht bei schriftlichen Berichten, sondern beim Boden selbst und dem, was es heißt, ihm anzugehören. „Man ist ein Verwandter des Landes“, sagt Malih Ole Kaunga.
„Ich komme nicht von irgendwoher.“
Bei den Maasai, erklärt er, binden zwei Dinge einen Menschen an einen Ort: Geburt und Tod. Wird ein Kind geboren, wird die Nachgeburt in der Erde vergraben – sorgfältig, damit kein Tier an sie herankommt. Ein Ältester wird nach seinem Tod in denselben Boden gelegt. Zwischen diesen beiden Handlungen liegt ein Leben – und ein Anspruch, der keine Urkunde braucht. „Fragst du einen Maasai, was beweist, dass dies dein Land ist, wird er sagen: meine Nachgeburt, meine Vorfahren sind hier begraben. Hier wurde ich geboren, hier wurde ich initiiert“, sagt Malih Ole Kaunga. „Ich komme nicht von irgendwoher. Dies bin ich.“
Land ist in dieser Erzählung kein Besitz. Sein Wert liegt in der Zugehörigkeit, nicht im Reichtum, „und es trägt die Erinnerungen“, so Malih Ole Kaunga. „Meine Großmutter, mein Großvater, mein älterer Bruder sind hier begraben. Das ist Vermächtnis.“ Die Zeremonien eines Lebens sind an Orte gebunden. „Du spürst dieses einzigartige Band zwischen dir und dem Raum, dem Ort.“
„Beim Zaun geht es auch um Macht.“
Das Band lässt sich durchtrennen, und er erlebte in seiner Kindheit, wie es geschah. Britische Siedler, die nach Kenias Unabhängigkeit im Land blieben, halten bis heute Zehntausende Hektar hinter Stacheldraht. 1972 geboren und vor allem bei seiner Großmutter väterlicherseits aufgewachsen, lernte Malih Ole Kaunga früh, was Dürre hieß: Das Vieh musste ans Wasser, und die einzige verbliebene Quelle lag jenseits der Zäune der Siedler. „Mein Vater wurde mehrfach verhaftet.“ Beim Zaun, so begriff er, ging es nie nur um Land. Die Wachen hatten Lohn und Essen; den Maasai fehlte beides; das Ungleichgewicht bestimmte das Leben rund um den Zaun. „Es geht um Macht: über das Land und über die Möglichkeit, Geld zu haben“, sagt Malih Ole Kaunga. „Das hat mein Leben geprägt.“
Dann wurde selbst der Boden zum Feind. Malih Ole Kaunga war etwa zwölf, als sein neunjähriger Stiefbruder nahe der Wasserstelle der Familie spielte und plötzlich Munition explodierte, die die britische Armee im Weideland zurückgelassen hatte. Ihm wurde ein Finger abgerissen. Andere verloren bei ähnlichen Vorfällen ihr Leben.
Im Jahr 1998 startete Malih Ole Kaunga als Aktivist: eine Petition, Unterschriften, Zeugnisse von Familien, die Angehörige verloren hatten. Britische Anwälte fanden ihn über einen Zeitungsbericht. Er führte sie zu den Überlebenden und zu den Gräbern und gründete OSILIGI, ein Akronym für die Organization for the Survival of Il-Laikipiak Maasai Indigenous Group Initiatives, das auf Maa „Hoffnung“ bedeutet. Gemeinsam brachten sie eine Klage vor den High Court in London. Die britische Regierung ließ sich auf einen Vergleich ein, weitere Verfahren folgten. Rund 2.400 Opfer erhielten am Ende Entschädigungen. „Ich wollte beweisen, dass man Unrecht anfechten kann“, sagt Malih Ole Kaunga. Und er ergänzt: „Ich bin kein Anwalt. Die Macht, die ich habe, liegt bei den Menschen.“
„Die Macht, die ich habe, liegt bei den Menschen.“
Zaun und Munition trennten die Menschen vom Land; mit seiner Arbeit stellt Malih Ole Kaunga dieses Band vielfach wieder her. 2013 rief er die Kamelkarawane ins Leben, einen Marsch entlang des Ewaso Ng’iro, des großen, austrocknenden Flusses Nordkenias. Gemeinschaften, die früher um Wasser und Weide stritten, kamen zusammen. 2025 erklärten acht von ihnen ihre Verpflichtung, den Konflikt untereinander zu beenden. Inzwischen gehen jedes Jahr zwischen 800 und 1.000 Menschen bei der Karawane mit. Der Marsch endet am 9. August, dem Internationalen Tag der indigenen Völker. „Wir nutzen den Fluss, und wir nutzen die Kultur, um Menschen zusammenzubringen und Frieden zu stiften“, sagt er.
Die Verbindung reicht auch zu den Jungen. IMPACT, das Indigenous Movement for Peace Advancement and Conflict Transformation, das er 2002 gründete, beschäftigt heute mehr als 70 Menschen. Die meisten sind unter 30, viele in Nairobi ausgebildet. „Sie kommen wegen eines Jobs“, sagt Malih Ole Kaunga. „Aber mit der Zeit verbinden sie sich wieder mit ihrem Land. Die Leidenschaft kehrt zurück.“
„Diese Fellowship ist ein Zufluchtsort für mich.“
Malih Ole Kaunga ist über die Jahre zu einer Instanz geworden. Geht es in Kenia um Land, um indigene Rechte, um Unrecht, führt der Weg zu ihm. „Wenn irgendetwas passiert, heißt es: Reden wir mit diesem Mann“, erzählt er. Noch während des Gesprächs erreicht ihn die Nachricht, dass irgendwo Älteste auf ihn warten. Sein Büro, sagt er, sei weniger ein Büro als eine Meldestelle.
Das hat einen Preis, den kaum jemand sieht. „In dieser Arbeit steckt viel emotionale Verletzung“, sagt er. Und eine Ungleichheit spricht er ganz nüchtern an: „Wäre ich ein Weißer, der diese Arbeit macht, hätte ich viele Preise gewonnen. Ich wäre weltweit bekannt.“ So aber „kennen die Leute meinen Namen, aber nicht mich“.
Die Richard von Weizsäcker Fellowship ist für ihn mehr als ein Arbeitsaufenthalt. „Diese Fellowship ist ein Zufluchtsort für mich“, sagt er. Er nutzt seine Zeit in Berlin, um nachzudenken und zuzuhören: zivilgesellschaftlichen Gruppen, Stiftungen, Klimainitiativen. Und auch hier zieht es ihn hinaus, zu Bäumen. Was er an Berlin schätzt, sind die Grünflächen, sagt er: Der kleine Park um die Ecke oder der Tiergarten, in den er geht, um zu denken und zu arbeiten.
„Niemand spricht davon, den Gewinn zu teilen.“
Der Klimawandel wird in seiner Gemeinschaft als Veränderung des Landes erfahren, und er wird im Vokabular der Maasai beschrieben: „Niemand wird es ‚Klimawandel‘ nennen. Man wird dir vom Land erzählen, vom Wasser, von den Zeremonien“, so Malih Ole Kaunga. „Wenn die Esel zu sterben beginnen, ist das eine schreckliche Dürre.“
Was ihn beunruhigt, ist das, was als Lösung präsentiert wird. Es sei wieder das indigene Weideland, das jetzt für Schutzgebiete, Kohlenstoffprojekte, Wind- und Geothermieanlagen herhalten soll, und dies verändere die Beziehung: „Die Menschen beginnen, ihr Land transaktional zu behandeln.“ Der Boden werde zur Geldquelle statt zum Verwandten. „Hier findet ein neuer Goldrausch statt“, sagt Malih Ole Kaunga. „Niemand spricht davon, den Gewinn zu teilen.“
Wie inklusiv ist Inklusion?
Seine Furcht ist, dass mit jeder weiteren Einhegung „kein Land mehr für Nahrung bleibt“. Und es empört ihn, dass nicht gesehen wird, dass die pastoralen Lebensweisen längst ein Modell für Naturschutz sind. Statt indigenen Gemeinschaften immer wieder Entscheidungen aufzuzwingen, sollte man ihnen überlassen, wie Land und Natur bewahrt werden, sagt Malih Ole Kaunga. „Diese Gemeinschaften tun das bereits. Denn wenn sie ihr Vieh bewegen, ist das eine Form der Kohlenstoffbindung. Man verbreitet Samen, man verbreitet Gesundheit, man hält das Gleichgewicht zwischen verschiedenen ökologischen Zonen.“
Kernfrage seiner Fellowship an der Robert Bosch Academy ist, ob die Energiewende wirklich alle einbeziehen wird. „Und wer entscheidet, was Teilhabe bedeutet?“ Malih Ole Kaunga begreift Land nicht als Raum für technische Politiklösungen, sondern als einen Ort von Rechten und Zugehörigkeit. Er erprobt eine Alternative, in der jene, die dem Land zugehören, an seiner Gestaltung beteiligt werden. „Ich kritisiere nicht nur“, sagt er. „Ich biete eine Lösung.“
Macht und Frieden
Malih Ole Kaunga bewegt sich zwischen zwei Welten, dem Konferenzraum in Berlin und dem Dorf am austrocknenden Fluss, und er trägt in beide dieselbe Überzeugung: dass jene, die einem Ort zugehören, über seine Zukunft entscheiden sollten.
Fragt man ihn, was Macht ausmacht, verweist er auf vieles, was sich bereits verändert hat. „Es liegt Hoffnung im Handeln. Es liegt viel Hoffnung darin, dass Gemeinschaften zusammenarbeiten und sich wehren. Ich sehe, wie groß der Wandel ist.“ Fragt man ihn, worin er persönlich Frieden findet, erzählt er wieder von der Savanne, aus der er kommt, von den Geschichten der Dorfbewohner:innen und von der Erde, die sein Vater seinen Enkeln auf die Stirn drückt. „Ich komme nicht von irgendwoher. Das bin ich.“
Malih Ole Kaunga
März – August 2026
„Kann eine Energiewende gerecht sein, die auf enteignetem indigenem Land entsteht? Was heißt Teilhabe in der Klimapolitik, und wer entscheidet darüber? Und wann kommen Entscheidungsgewalt und Geld bei denen an, die diese Ökosysteme längst bewahren?“