„Bewegungen müssen so überzeugend sein wie die Kräfte, denen wir uns entgegenstellen.“

Kumi Naidoo engagiert sich für soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Klimaschutz. Hier spricht er über die vielfältigen Krisen, mit denen die Menschheit konfrontiert ist – und darüber, warum Aktivisten seiner Meinung nach neue Formen des Geschichtenerzählens, der Kultur und der Kreativität nutzen müssen, um erfolgreich zu sein.

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Kumi Naidoo

In einem Podcast haben Sie kürzlich erklärt, dass Aktivismus wie bisher nicht mehr ausreicht. Was haben Sie damit gemeint? 

KN: Der historische Moment erfordert brutale Ehrlichkeit. Auch, wenn viel erreicht wurde: Aktivismus wie bisher reicht in dieser Zeit sich überschneidender Krisen nicht mehr aus. Zumindest beim Klimawandel haben wir noch eine Chance, die Situation zu retten, auch wenn wir uns nahe am Abgrund befinden. Aber wir legen nicht das erforderliche Ausmaß und Tempo an den Tag, um erfolgreich zu sein.

Wir sprechen zwar laut, oft aber nur untereinander. Wir haben Echokammern der Überzeugten geschaffen. Zu denjenigen, die wir am dringendsten erreichen müssen, dringen wir nicht durch. Oft nutzen wir zudem eine theoretische, wissenschaftliche Sprache und nehmen die Menschen nicht wirklich mit.

Was muss sich also an der Art und Weise ändern, wie Bewegungen heute kommunizieren?

KN: Erstens müssen wir von der Zersplitterung zur Einheit gelangen. Macht ist organisiert – wir sind es zu oft nicht. Wir müssen uns das wirkungsvolle Konzept der Intersektionalität zu eigen machen und verstehen, dass unsere verschiedenen Themen – wirtschaftliche Gerechtigkeit, Umweltgerechtigkeit, Rassengerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und so weiter – miteinander verbunden sind.

„Der historische Moment erfordert brutale Ehrlichkeit.“

Zweitens dürfen wir uns nicht mehr ausschließlich auf Fakten und politische Argumente verlassen. Die Wissenschaft ist eindeutig, die Daten sind erdrückend. Dennoch verschärft sich die Ungleichheit, die globalen Emissionen steigen. Warum? Weil wir nicht das Herz und die Seele der Menschen erreichen. Menschen lassen sich nicht allein von Fakten und Zahlen bewegen. Kultur bestimmt die Politik. Die Politik bestimmt nicht die Kultur. Wir müssen uns neue Formen des Geschichtenerzählens, der Kultur und der Kreativität zu eigen machen. Bewegungen müssen genauso überzeugend werden wie die Kräfte, denen wir entgegenstehen.

Können Sie hier ein Beispiel nennen? 

KN: Unternehmen der fossilen Brennstoffindustrie investieren Milliarden in die Gestaltung von Narrativen und Desinformation. Wenn wir diese Milliarden nicht aufbringen können, müssen wir uns fragen, wie wir der Macht der Werbegelder mit Fantasie und Kreativität begegnen können.

Außerdem stellen wir bislang die Führungsrolle des Globalen Südens nicht gut genug heraus. Die Menschen dort – 88 Prozent der Weltbevölkerung – sind nicht nur Opfer. Wir müssen sie als Führungskräfte betrachten. Wenn wir ihnen zuhören, stellen wir fest, dass die Zukunft in vielen Teilen der Welt bereits gelebt wird.

Welche Wendepunkte haben Ihr Verständnis von gesellschaftlichem Wandel geprägt?

KN: Mein Leben wurde sowohl von Schmerz als auch von Politik geprägt. Der Verlust meiner Mutter hat mich mit 15 verändert, aber auch angespornt. Ein Freund meines Vaters, ein Aktivist, riet mir: Führe ein zielgerichtetes Leben und setze dich für die Würde anderer ein. Das war der wertvollste Rat, den ich je erhalten habe. Das Aufwachsen im Apartheid-System hat mir gezeigt, dass Ungerechtigkeit nichts Abstraktes ist. Sie ist gewollt. Sie ist institutionalisiert, lässt sich aber überwinden. Meine Zeit im Exil, nachdem ich im Alter von 22 Jahren nach Großbritannien geflohen war, lehrte mich, dass Solidarität Grenzen überschreiten kann. 

Die Rückkehr nach Südafrika im Jahr 1990 nach der Freilassung von Nelson Mandela lehrte mich, dass Wandel sowohl Widerstand als auch den Aufbau von Institutionen erfordert. Und später, als ich unter anderem weltweit für Amnesty International tätig war, lernte ich etwas Ernüchterndes: Selbst wenn wir politisch gewinnen, können sich Systeme der Ungleichheit neu erfinden. 

Der schmerzhafteste Wendepunkt in jüngster Zeit war für mich der Verlust unseres Sohnes Riky Rick, ein bekannter südafrikanischer Rapper. In dem letzten Gespräch, das seine Mutter und ich mit ihm führten, sagte er: „Ihr seid nicht besonders gut in dem, was ihr tut, denn ihr zielt mit all euren Erzählungen auf den Verstand, ignoriert aber das Herz, den Körper und die Seele.“

Was steht derzeit auf dem Spiel – und wie müssen Aktivisten darauf reagieren?

KN: Dieser historische Moment fordert von uns, kreativ nonkonformistisch zu sein. Wir müssen uns gegen die kognitive Dissonanz und die Verleugnung wehren, die darüber herrschen, wie nah wir tatsächlich am Abgrund der Klimakatastrophe stehen. Außerdem wird die Demokratie in Ländern untergraben, die in der Vergangenheit mal als Verfechter der Demokratie galten. Keiner von uns hätte sich träumen lassen, dass wir es mit Klimaleugnung seitens der US-Regierung, mit illegalen Kriegen, mit der Aushöhlung des Völkerrechts, der Einstellung von Hilfsleistungen und neuem Rassismus zu tun bekommen. Wir dachten, wir hätten all das überwunden. 

„Ich kann mich an keine andere Epoche erinnern, in der der Wunsch nach substanziellen strukturellen und systemischen Veränderungen so groß war wie heute.“

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Ich kann mich an keine andere Epoche erinnern, in der der Wunsch nach substanziellen strukturellen und systemischen Veränderungen so groß war wie heute. Was wir jetzt brauchen, sind Systeminnovation, Systemtransformation und Systemneugestaltung. Wir müssen weg vom alten Rezept: Systemwiederherstellung, Systemschutz und Systemerhaltung.

Sie sind Teil der globalen Artivismus-Bewegung. Was ist deren Kerngedanke?

KN: Wir stecken in einer Krise der Vorstellungskraft. Sowohl unsere politischen Entscheidungsträger als auch Aktivisten tun sich schwer damit, sich eine Welt vorzustellen, die gleichberechtigter, gerechter, nachhaltiger, fairer und friedlicher ist. Wir brauchen Künstler, die uns auf dieser Reise der Vorstellungskraft begleiten. Das Wichtigste, was die Kunst bieten kann, ist, sich Realitäten vorzustellen, die noch nicht entstanden sind. 

Beim Artivismus geht es darum, die Kluft zu überbrücken zwischen dem, was wir wissen und dem, was wir fühlen. Wir wissen, dass wir uns in einer Krise befinden, aber wir spüren sie noch nicht tief genug, um mit der nötigen Dringlichkeit zu handeln. Kunst hat die einzigartige Kraft, unsere Abwehrmechanismen zu umgehen. Sie spricht das Gedächtnis, die Identität und die Vorstellungskraft an. Sie kann Ungerechtigkeit auf eine Weise sichtbar machen, wie es Berichte und Reden nicht vermögen. Deshalb stellen wir durch die Bewegung des Global Artivism und mit Künstlern wie Olafur Eliasson diese Frage: Wie können wir den Menschen das Gefühl vermitteln, dass die Klimakrise, dass Ungleichheit und Ungerechtigkeit keine fernen Themen sind, sondern gelebte Realitäten?

Was sind die wichtigsten Fragen, die sich Aktivisten heute stellen sollten?

KN: Hinter Klimawandel, Ungleichheit und dem Abbau demokratischer Strukturen verbirgt sich eine tiefgreifende Wertekrise. Wir haben Systeme geschaffen, die Profite über den Menschen, Wachstum über Wohlbefinden und Ausbeutung über Fürsorge stellen. Deshalb müssen wir uns fragen: Welche Art von Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen? Was sind wir bereit zu ändern, aufzugeben oder wofür zu kämpfen, um dorthin zu gelangen? Und vor allem: Wer fehlt am Tisch, wenn Entscheidungen getroffen werden? 

Wenn wir diese Fragen ehrlich stellen, werden wir meiner Meinung nach erkennen, dass die Antworten bereits vorhanden sind – insbesondere bei jungen Menschen, die Gerechtigkeit einfordern. Sie haben nicht die schlechten Erfahrungen unserer Generation gemacht. Junge Menschen haben am meisten zu verlieren. Und am meisten zu gewinnen, wenn wir es richtig machen. Deshalb ist es nicht überraschend, dass angesichts der Klimakrise überall auf der Welt junge Menschen an vorderster Front stehen. Ich hoffe, dass ihre Stimme weiter an Gewicht gewinnt.