Alireza Eshraghi
Wie bleibt kollektives Handeln unter Bedingungen schwindenden Vertrauens möglich?
Alireza Eshraghis Richard-von-Weizsäcker-Fellowship
Wenn Vertrauen fehlt: Gemeinschaft und gemeinsames Handeln in unsiche-ren Zeiten
Als Richard-von-Weizsäcker-Fellow geht Alireza Eshraghi einer Frage nach, die über einzelne Länder hinausreicht: Wie können Gemeinschaften zusammenhalten und gemeinsam handeln, wenn Vertrauen knapp wird? Überall, sagt er, geraten die Grundlagen des gemeinsamen Lebens ins Wanken: Das Vertrauen in Institutionen, Medien, Fachleute, sogar ineinander schwindet, und soziale Medien können in Stunden zerstören, was über Jahre an Gemeinschaft gewachsen ist. Für die zivilgesellschaftlichen Akteure, Friedensstifter und Organisatoren, mit denen Eshraghi in über vierzig Ländern gearbeitet hat, sind die alten Grundlagen kollektiven Handelns nicht mehr selbstverständlich: gemeinsa-me Erzählungen, die Legitimität von Institutionen, das Vertrauen zwischen Menschen.
Was trägt, wenn kein Vertrauen da ist?
Statt zu fragen, wie sich Vertrauen wiederherstellen lässt, will Eshraghi erforschen, welche Formen von Solidarität und gemeinsamem Handeln auch ohne Vertrauen möglich sind. Lässt sich nur auf Vertrauen bauen? Oder kann Vertrauen am Ende statt am Anfang von Prozessen stehen, wenn andere Faktoren erfüllt sind? Was hält, auch ohne Vertrauen? Was lässt Bündnisse entstehen, Bewegungen Bestand haben und Gemeinschaften handeln, wenn die Sicherheit dahin ist, auf der Zusammenarbeit einst beruhte? Können vorsichtige Allianzen – taktisch, von Interessen geleitet, ehrlich in ihren Grenzen – eine Antwort auf den Mangel an Vertrauen sein?
Warum Deutschland?
Eshraghi interessieren die zwei großen Brüche der jüngeren deutschen Geschichte: der Wiederaufbau der Gesellschaft nach 1945 und der Umbruch der Wiedervereinigung nach 1989. Beide, sagt er, waren Momente, in denen eine Gesellschaft neu aushandeln musste, auf welcher Grundlage Menschen zusammenleben und -arbeiten. Nach 1945 musste ein durch Diktatur und Krieg diskreditiertes Land demokratische Institutionen und einen neuen gesellschaftlichen Konsens errichten. Nach 1989 mussten zwei Gesellschaften zusammenwachsen, die von unterschiedlichen politischen Systemen und Kulturen geprägt waren.
In beiden Fällen musste Vertrauen – zwischen Menschen wie in Institutionen – unter Druck aufgebaut oder wiederhergestellt werden. Eshraghi will verstehen, wie und wie weit das gelang und wo nicht. Und er fragt, was sich, wenn überhaupt, auf andere Gesellschaften übertragen lässt, die heute mit ihren eigenen Zerreißproben ringen. Als Richard-von-Weizsäcker-Fellow möchte Eshraghi diesen Fragen im größeren Kontext von Debatten über Demokratie, Technologie und gemeinsame Zukunft nachgehen – und in einem Austausch, der auf echter Erfahrung beruht.