"Wir sind politisch"

Eine der größten deutschen Stiftungen ändert ihr Programm radikal. Warum tut sie das? Ein Gespräch mit Sandra Breka, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung.

Frau Breka, Ihre Stiftung hat vergangenes Jahr insgesamt 153 Millionen Euro Fördergelder ausgegeben. Jetzt machen Sie etwas Radikales: Sie lassen alle Projekte in der internationalen Arbeit auslaufen und konzipieren diese neu. Warum das?

Sandra Breka: Unser Stifter Robert Bosch hat uns den Auftrag gegeben, unsere eigene Arbeit immer wieder zu hinterfragen. Kümmern wir uns also noch um die richtigen gesellschaftlichen Herausforderungen? Das haben wir in einem zweijährigen Strategieprozess intensiv geprüft und dabei festgestellt: Wir fördern insgesamt 34 Themen, unser Profil ist verschwommen. Es reflektiert nicht mehr die großen Herausforderungen einer Welt, die immer unsicherer und komplexer wird. Einfach weiterzumachen wäre so, als würden wir die Autos von heute für die Mobilität von morgen bauen.

Und jetzt?

Breka: Künftig fokussieren wir uns auf bis zu zehn Themen. Als Erstes stellen wir das große Fördergebiet der Völkerverständigung neu auf. Die Entscheidungen in den Bereichen Gesundheit, Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft stehen noch aus. Es ist nicht einfach, Geld wirksam auszugeben. Wir müssen uns fragen: Tun wir das Richtige? Richten wir womöglich sogar Schaden an, weil wir von gesellschaftlichen Zusammenhängen zu wenig wissen?

Aber Ihre Programme zur Völkerverständigung haben jahrzehntelang Menschen zusammengebracht. Deutsche trafen ihre Nachbarn in Polen und Frankreich, sie trafen Amerikaner und Chinesen. Solche Begegnungen sind doch in Zeiten neuer Nationalismen wichtiger denn je!

Breka: Das Vermächtnis unseres Stifters ist es, Frieden und Stabilität zu schaffen. Da reicht Dialog allein nicht aus. Wir müssen fragen: Wie schaffen wir es innerhalb und zwischen Gesellschaften, gemeinsam Lösungen zu finden für Probleme, die alle betreffen? Deshalb konzentrieren wir uns künftig auf Klimawandel, Konflikte, Migration, Ungleichheit.

Für solch riesige Themen sind selbst die Millionen Ihrer Stiftung wenig. Wie wollen Sie da etwas bewegen?

Breka: Wir konzentrieren uns vor allem darauf, Wechselbeziehungen zwischen diesen Themen zu verstehen und zu beeinflussen – etwa wie der Klimawandel Konflikte und Migration verursacht. Ich war kürzlich in Äthiopien; am Oberlauf des Nils wird dort ein riesiger Damm gebaut für ein Kraftwerk. In Ägypten haben viele Menschen Angst, dass das den Bauern das Wasser für ihre Getreidefelder entzieht. Und sie haben Angst vor Konflikten.

Wie kann eine deutsche Stiftung da helfen?

Breka: Indem wir Kooperation ermöglichen. Im Nahen Osten fördern wir zum Beispiel bereits die Zusammenarbeit jordanischer, israelischer und palästinensischer Gemeinden – sie nutzen Wasserquellen gemeinsam, sie unterstützen sich bei der Müllentsorgung. Bürgermeister arbeiten so eng zusammen, dass es ruhig bleibt, wenn andernorts die Gewalt eskaliert. Nicht Projekte verändern die Welt, sondern Menschen und Institutionen. Wir wollen daher weniger Programme selbst durchführen, sondern Organisationen unterstützen, die zukunftsgerichtet und langfristig an einem Problem arbeiten.

Bislang arbeiten Stiftungen aber doch oft so: Ein Projekt aufsetzen, ein paar Jahre finanzieren, in die Zeitung kommen – und dann erfindet man das nächste schöne Projekt.

Breka: Die Philanthropie verändert sich weltweit maßgeblich. Heute überprüft man viel genauer, ob und wie das eigene Tun gesellschaftliche Wirkung erzielt. Stiftungen sind zunehmend reflektierter, selbstkritischer und kooperativer. Selbst jene Stiftungen, die über unglaublich große Mittel verfügen, sind offen für Partnerschaften.

Stehen sie nicht eher in Konkurrenz?

Breka: Nein, wir versuchen, uns zu ergänzen.

Sie haben ein engzeiliges Strategiepapier von 154 Seiten verfasst, in dem Sie auch kritisch auf Stiftungen schauen; sie eckten ungern an, heißt es.

Breka: Wer, wenn nicht Stiftungen, sollte jene fördern können, die kritisch denken, beispielhaft neue Perspektiven eröffnen und mutig sind? Wir positionieren uns nicht parteipolitisch. Unser Schwerpunkt zu Konflikten und Ungleichheit zeigt gleichwohl: Wir sind politisch.

Heißt politisch zu sein auch, weltweit die Demokratie zu fördern?

Breka: Weltweit die westliche Demokratie zu fördern hat leider an Überzeugungskraft verloren. Andere gesellschaftliche Ordnungen erweisen sich wirtschaftlich durchaus als wettbewerbsfähig.

Sie meinen sogenannte Entwicklungsdiktaturen wie China oder Ruanda?

Breka: Zum Beispiel. Unser Modell hat an Attraktivität eingebüßt. Wir müssen die Demokratie in unseren Gesellschaften stärken und über nationale Grenzen hinweg Allianzen mit Menschen und Institutionen schaffen, um weiterhin glaubwürdig zu sein. 

Wie politisch darf denn die Agenda einer Stiftung sein? Die Stiftung von Bill und Melinda Gates zum Beispiel wird dafür kritisiert, dass sie mit jährlich vier bis fünf Milliarden Dollar weltweit auf ein technologiegetriebenes, vor allem auf den Markt ausgerichtetes Wirtschaftsmodell hinwirke.

Breka: Die Megastiftungen verändern die Wahrnehmung der Philanthropie. In den USA gab es die Rockefellers und Carnegies schon immer. Bei uns in Deutschland haben wir keine Stifterinnen wie die Ex-Frau von Jeff Bezos, die mal eben 18 ihrer 36 Milliarden Dollar spendet. Unsere Gesellschaft akzeptiert es weniger, wenn ein Einzelner zum Beispiel die globale Gesundheitspolitik beeinflusst. Man darf aber nicht vergessen: Der Anteil der Philanthropie am globalen Geben bleibt sehr gering, verglichen mit staatlichen Mitteln oder Zahlungen von Migranten an Menschen aus ihren Herkunftsländern. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass auch in Europa noch mehr Wohlhabende zu Stiftern werden. 


Dieses Interview erschien zunächst in DIE ZEIT.

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