"Die eigentliche Herausforderung wird darin bestehen, einen Impfstoff herzustellen und der gesamten Weltbevölkerung bereitzustellen."

Der italienische Public Health-Experte Roberto Bertollini ist vorsichtig optimistisch, dass die Weltgemeinschaft die COVID-19-Pandemie bewältigen und mit neuen Erkenntnissen aus ihr herauskommen wird. Die Wissenschaft erfährt nun größeren Respekt und erprobte Verfahren stehen fortan zur Verfügung. Fake News und Populisten stellen jedoch weiterhin eine ernstzunehmende Bedrohung dar.


Dr. Roberto Bertollini ist Berater des Gesundheitsministers von Katar. Als Arzt und Experte für öffentliche Gesundheit ist er seit mehr als 30 Jahren im öffentlichen Gesundheitswesen tätig. Er hatte leitende Positionen im nationalen Gesundheitssystem Italiens inne und war 25 Jahre lang bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Seit Beginn seiner Karriere widmet er sich der Verbesserung der öffentlichen Gesundheit in Bereichen wie chronische Krankheiten, Gesundheit von Mutter und Kind oder der Beziehung zwischen Umwelt und Gesundheit.


Herr Dr. Bertollini, sind Sie der Meinung, dass politische Entscheidungsträger und Wissenschaftler bei der COVID-19-Pandemie erfolgreich zusammengearbeitet haben?  

Roberto Bertollini: Einige Politiker und Entscheidungsträger haben wirklich auf die Wissenschaftler gehört; in anderen Ländern wurde dagegen systematisch versucht, wissenschaftliche Beweise zu leugnen. Italien, Deutschland und Neuseeland machten wissenschaftliche Erkenntnisse zur Grundlage ihrer Politik, was zu einer besseren Kontrolle der Epidemie führte, wenn auch zu einem hohen wirtschaftlichen und sozialen Preis.

Auf der anderen Seite haben wir Donald Trump, den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und sogar Boris Johnson sowie andere, die sich weigerten, wissenschaftliche Erkenntnisse zu akzeptieren. Als die Faktenlage erdrückend wurde, brauchten sie einen Sündenbock und gaben der WHO und der Wissenschaft die Schuld. Sie haben zudem Medikamente oder Maßnahmen unterstützt, die nicht durch wissenschaftliche Belege gerechtfertigt waren, wie z.B. die Verwendung des als Malariamittel bekannten Hydroxychlorochin zur Behandlung oder sogar Prophylaxe von Covid-19-Infektionen.

Es kann nicht oft genug betont werden, dass die Medizin eine wissenschaftliche Disziplin ist, die sich stetig weiterentwickelt. Besonders im Falle von neuartigen Krankheiten können sich anfängliche Einschätzungen mit steigendem Wissen ändern. So wurde beispielsweise in einem frühen Bericht der WHO zur anfänglichen Epidemie in Wuhan, der im Februar 2020 veröffentlicht wurde, die Rolle asymptomatischer und präsymptomatischer Probanden als minimal eingeschätzt, während sie heute als entscheidend für die Erklärung der raschen Ausbreitung der Epidemie angesehen wird. 

Wir sind uns alle bewusst, dass politische Entscheidungen auf Grundlage einer Reihe verschiedener Überlegungen getroffen werden müssen, von denen einige über die reine Wissenschaft hinausgehen. Wenn Wissenschaft jedoch grundsätzlich abgelehnt wird, sollten Politiker gegenüber ihren Wählern auch Verantwortung übernehmen und ihre Entscheidungen rechtfertigen, ohne nach einem Sündenbock zu suchen.
 

Warum herrschte so große Verwirrung, vor allem zu Beginn der Krise?

RB: Ich denke, gerade zu Beginn der Krise haben die Medien eine sehr negative Rolle gespielt. Sie haben Ängste geschürt und damit irrationale Reaktionen ausgelöst. Dies traf insbesondere auf die sozialen Medien zu. Politiker und Bürger wurden stark von den Bildern und verwirrenden Behauptungen der Medien beeinflusst.

Nehmen wir zum Beispiel die – offen gesagt absurde – Diskussion in der Anfangsphase der Pandemie über serologische Tests, die das Vorhandensein von Coronavirus-Antikörpern im Blut nachweisen. Im Moment gibt es vielleicht eine Handvoll serologischer Tests, die zuverlässig eingesetzt werden können, deren Interpretation aber problematisch ist. Zu Beginn der Epidemie drängten etwa die italienischen und britischen Medien und dann auch eine breite Öffentlichkeit ihre Regierungen, verfügbare, aber nicht validierte serologische Tests zu kaufen und Testkampagnen zu starten. Einige forderten „Immunitätspässe“, was schlichtweg unmöglich ist. Wir haben ja noch gar kein umfassendes Verständnis über die Immunität nach dieser Krankheit und wissen nicht, wie lange diese Immunität anhält.
 

Haben Sie damit gerechnet, je so etwas wie die COVID-19-Pandemie zu erleben?

RB: In meiner Zeit bei der WHO war ich an der Vorbereitung der Einsatzbereitschaft und Bekämpfung von Epidemien beteiligt. In diese Zeit fielen die Epidemien SARS, H1N1 [Schweinegrippe] und Ebola. Wir alle rechneten damit, dass früher oder später eine ernsthafte Pandemie ausbrechen würde, aber ich hatte nicht erwartet, dass sie sich so weit verbreiten und der Weltwirtschaft derart schaden würde.


Die WHO wurde hinsichtlich ihrer ersten Reaktion auf das Virus heftig kritisiert. Wie beurteilen Sie die Leistung der WHO?

RB: In Anbetracht der Umstände war die Reaktion der WHO recht gut. Ich war Anfang Februar in Genf, und alle zu diesem Zeitpunkt bekannten relevanten Informationen wurden offengelegt. Was bekannt war, wurde den Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt. Der Generaldirektor, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, wiederholte immer wieder, dass die Länder ein gewisses Zeitfenster hätten, um ihre Gesundheitssysteme vorzubereiten. Mag sein, dass China zu Beginn der Krise nicht alle verfügbaren Informationen weitergegeben und dadurch eventuell die Reaktion um ein oder zwei Wochen verzögert hat. Andererseits hat die WHO aber auch nie vorgeschlagen, zu Beginn der Pandemie den Flugverkehr von und nach China zu stoppen. Das war wahrscheinlich der größte Fehler.


Wie könnte die WHO ihre Arbeit besser machen?

RB: Die Menschheit ist mit gesundheitlichen Problemen konfrontiert, die auf globale Ursachen, Bedingungen und Gefährdungen zurückzuführen sind und auf die wir globale Antworten brauchen. Dazu bedarf es einer internationalen Institution wie der WHO, die Gegenmaßnahmen lenkt, wissenschaftliche Erkenntnisse bewertet, Standards vorschlägt, politischen Entscheidungs­trägern Leitlinien vorgibt und die Umsetzung dieser Politik unterstützt. Letzteres bleibt jedoch die Verantwortung der einzelnen Länder.

Es ist ausgesprochen wichtig, dass die WHO ihre Bewertungen, Empfehlungen und politischen Maßnahmen unabhängig von Einzelinteressen der Mitgliedstaaten und anderen Eingriffen vornimmt und umsetzt. Das Hauptproblem ist die sehr begrenzte Finanzmittelausstattung der WHO. Derzeit beträgt das Budget drei Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist weniger als das Budget eines durchschnittlichen amerikanischen Krankenhauses. Die WHO hat über 6000 Mitarbeiter. 20 bis 25 Prozent des Budgets stammen aus direkten, obligatorischen Beiträgen der Mitgliedsstaaten, bemessen auf der Grundlage des entsprechenden BIP. Die Höhe dieser Mittel hat sich seit Jahren nicht verändert. Der Rest der Finanzmittel stammt aus freiwilligen Spenden, sowohl von wohlhabenden Ländern als auch von großen Institutionen wie der Bill & Melinda Gates Foundation, den Rotariern und anderen.

Wenn man drei Viertel seines Budgets von „privaten“ Spendern erhält, muss man – zumindest bis zu einem gewissen Grad – auf diese Geldgeber hören. Selbst wenn diese Länder oder Spender keine konkreten Forderungen stellen, ist es wahrscheinlich, dass die entsprechende Institution ihnen vermehrt Aufmerksamkeit schenkt, ihre Erwartungen erfüllt und sich vielleicht von ihrem strategischen Umgang mit Problemen beeinflussen lässt. Wenn die Welt eine neue Weltgesundheitsorganisation will, müssen die Länder, die letztlich „Eigentümer“ der Organisation sind, deren finanzielle Unterstützung vollständig umgestalten, indem sie ihre jährlichen Beiträge erhöhen und selbst einen viel größeren Anteil des Budgets abdecken. Freiwillige Spenden können für bestimmte Themen erbeten werden, dürfen aber nicht den größten Anteil der Finanzmittel der WHO ausmachen.


Warum war Italien so hart von der Pandemie betroffen und was halten Sie von Italiens Umgang mit der Krise?

RB: Italien hätte von Anfang an viel schneller reagieren müssen. Es wurden zwar eingehende Direktflüge aus China gestoppt, nicht aber diejenigen mit Zwischenstopps in Frankfurt oder Paris und so weiter. Man darf allerdings nicht vergessen, dass Italien das erste Land war, das mit einem so dramatischen Anstieg von Infektionen konfrontiert war. Italien hat eine überdurchschnittlich alte Bevölkerung, etwa 23 % der Italiener sind über 65 Jahre alt, und besonders im Norden sind viele Menschen in Pflegeheimen untergebracht. Alter ist der größte Risikofaktor für durch Covid-19 verursachte Todesfälle, und Pflegeheime begünstigen die Ausbreitung der Krankheit. Das Land handelte schließlich mit viel Energie und Mut angesichts einer sehr großen Herausforderung. Es wurde getan, was notwendig war.


Schweden ist ein interessanter Fall, weil es einen anderen Ansatz zur Eindämmung der Epidemie verfolgte als die meisten anderen europäischen Länder. Es hat auch viel Kritik erfahren, weil es mehr Todesopfer gab als in anderen skandinavischen Ländern.

RB: Erst wenn die Pandemie vorbei ist und sich die Aufregung gelegt hat, werden wir wissen, welche Länder am klügsten gehandelt haben. Ich vermute, dann wird sich zeigen, dass sich der Krankheitsverlauf hinsichtlich der Zahl der Todesfälle generell nicht allzu sehr von einer Grippepandemie unterscheidet. Was uns im Augenblick noch fehlt, ist der genaue gemeinsame Nenner, das heißt wie viele Menschen tatsächlich betroffen waren. Schweden geht davon aus, dass es eine große Zahl von Menschen gibt, die asymptomatisch sind oder sehr leichte Symptome aufweisen, insbesondere unter jüngeren Menschen.

Schweden umging die wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitlichen Folgen eines umfassenden, langanhaltenden Lockdowns. Trotzdem war auch in Schweden nicht alles geöffnet. Zudem wurden die Menschen aufgefordert, Abstandsregeln einzuhalten. Die staatlichen Anstrengungen konzentrierten sich auf den Schutz der Risikogruppen. Schweden folgte der Theorie, dass eine kontrollierte Ausbreitung der Krankheit die Herdenimmunität beschleunigen würde. Es ist in der Tat so, dass ein strikter Lockdown möglicherweise nicht der beste Ansatz ist. Wenn man die Wirtschaft zu sehr einschränkt, führt das zu Folgeproblemen, wie zum Beispiel weit verbreiteter Armut, die einer der Hauptgründe für Todesfälle und Krankheiten ist. Bisher gibt es jedoch noch keinen ausgewogeneren Ansatz, der den Zusammenbruch des Gesundheitssystems verhindert und gleichzeitig die Wirtschaft schützt.

Ich schlage vor, vorerst nicht über den schwedischen Ansatz zu urteilen und abzuwarten, wie sich die Dinge langfristig entwickeln.


Welche Länder haben die Krise bisher am besten gemeistert?

RB: Ich denke, Neuseeland hat sich hervorragend geschlagen, auch weil es in Premierministerin Jacinda Ardern eine fantastische Führungspersönlichkeit hat, die zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Sie ist eine unglaubliche Frau und zusammen mit Angela Merkel eine der besten Staatsoberhäupter der Welt. Sie sah das Problem kommen, weil die Krankheit mit Zeitverzug in Neuseeland ankam. So konnte sie einen frühzeitigen Lockdown durchsetzen, der die Ausbreitung der Krankheit verhinderte und es ermöglichte, die Maßnahmen früher als in anderen Ländern wieder zu lockern.

Katar ist ein besonderer Fall. Die Zahl der Infektionen unter der Gesamtbevölkerung ist hoch, aber die Sterblichkeitsrate eine der niedrigsten weltweit. Wie kommt das?

RB: Alter ist der Schlüsselfaktor zur Erklärung des Verlaufs der Epidemie in Katar. Die Bevölkerung ist sehr jung. Nur etwa 30.000 Menschen sind über 65 Jahre alt, dazu verfügt das Land über ein sehr gutes Gesundheitssystem. Die schwersten Corona-Fälle mit Atem­beschwerden wurden sehr schnell ins Krankenhaus eingeliefert und oft schon in einem sehr frühen Stadium der Krankheit auf die Intensivstation gebracht. Darüber hinaus hat das Land umfangreiche Tests durchgeführt. Etwa 10 % der Bevölkerung sind bereits getestet worden. Dies ermöglichte Katar eine genauere Darstellung der Krankheitsverteilung in der Bevölkerung und die Isolierung einer großen Zahl von Menschen mit leichtem Krankheitsverlauf oder ohne Symptome, die sonst unentdeckt geblieben wären.


Welche Herausforderungen sehen Sie künftig und zu welcher Reaktion raten Sie den Ländern? In Deutschland befürchten viele Menschen eine zweite Welle.

RB: Ich bin vergleichsweise optimistisch. Niemand kann sagen, was als Nächstes passiert, allerdings ist eine zweite Welle sehr wahrscheinlich. Generell kann man sagen, dass die Immunität, die Betroffene in den letzten Monaten erworben haben, zumindest für einige Monate anhält, auch wenn wir diesen Aspekt noch nicht vollständig verstehen. Die zweite Welle kommt eventuell im Zusammenhang mit kühleren Temperaturen; allerdings werden im Vergleich zur ersten Welle vermutlich weniger Menschen infiziert, da ein Teil der Bevölkerung zumindest teilweise immun gegen die Krankheit ist.

Ein zweiter Aspekt ist das medizinische Wissen: Covid-19 ist keine neue Krankheit mehr. Wir wissen, wie wir mit den schwersten Fällen umgehen müssen, auch wenn die Behandlung nicht immer erfolgreich ist; dies kann die schwersten Komplikationen und die Sterblichkeitsrate einschränken.

Drittens sollten wir in der Lage sein, Cluster rasch zu identifizieren und Infektionsketten früher und viel wirksamer zurückzuverfolgen. Ich erwarte eine schnellere und effizientere Überwachung und Kontrolle. In der Konsequenz heißt das, wir könnten in der Lage sein, betroffene Gebiete oder kleine Gemeinschaften zu isolieren und so die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen. Natürlich müssen wir erneut bestimmte gesellschaftliche Einschränkungen einführen, um eine soziale und physische Distanzierung zu gewährleisten, aber vielleicht gezielter und nur für begrenzte Zeit. All dies wird notwendig sein, bis wir einen Impfstoff oder eine wirksame Therapie für schwere Fälle haben.


Glauben Sie denn, dass es spätestens im nächsten Jahr einen Impfstoff geben wird?

RB: Irgendwann werden wir einen oder vielleicht mehrere Impfstoffe haben. Ich glaube nicht, dass dies vor Sommer 2021 der Fall sein wird. Möglicherweise dauert es sogar noch länger. Die eigentliche Herausforderung wird darin bestehen, den Impfstoff herzustellen und an die gesamte Weltbevölkerung zu verteilen. Dieser Impfstoff muss als Gemeingut verstanden werden, und obwohl dem Entwickler die Kosten für die Entwicklung und ein angemessener Gewinn zugestanden werden sollten, müsste der Impfstoff von vielen Fabriken weltweit hergestellt und zu einem Preis zur Verfügung gestellt werden, den sich alle leisten können.


Unsere Schlussfrage: Glauben Sie, dass diese Pandemie langfristig etwas in unserer Welt verändern wird – zum Guten oder zum Schlechten?

RB: Was die Welt betrifft, bin ich mir nicht sicher, aber ich kann Ihnen sagen, was ich selbst gelernt habe. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Solidarität zwischen allen Ländern und Menschen ist, wie wichtig es ist, sich auf die Fakten zu konzentrieren und schnelle Entscheidungen zu treffen, auch wenn es keine volle Gewissheit gibt. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir alle derselben großen Familie angehören: Ein Problem, das in China auftritt, kann mich und alle anderen innerhalb weniger Tage auch betreffen. Das bedeutet, dass wir zusammenarbeiten müssen, um alle zu schützen.

Außerdem hoffe ich, dass in Zukunft das Vertrauen in die Wissenschaft steigt. Ich sehe schon jetzt, dass man in Italien mehr als bisher auf Wissenschaftler hört. Das ist ein gutes Zeichen, denn vor kurzem noch wurde Wissenschaft gern als nutzlose Tätigkeit abgetan. Aber diese Errungenschaft ist fragil und kann durch Fake-News-Kampagnen, möglicherweise angeheizt durch politische Populisten, in wenigen Minuten null und nichtig gemacht werden.  

In diesem Sinne hoffe ich, dass die Wissenschaft in Zukunft nicht nur beim Umgang mit Gesundheit oder Infektionen Gehör findet, sondern bei allen großen globalen Herausforde­rungen, wie etwa dem Klimawandel. Diese langfristige, sehr große Herausforderung wird von den Menschen nach wie vor unterschätzt.