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Virtual Community Forum @Academy: Die weltweiten Auswirkungen der Corona-Pandemie

Im Virtual Community Forum kamen 30 ehemalige, aktuelle und zukünftige Fellows der Robert Bosch Academy für ein Online-Event zusammen. Sie diskutierten die gegenwärtige Covid-19-Pandemie und ihre weltweiten Auswirkungen. Dabei lagen die Schwerpunkte auf den Themen internationale Kooperation, sozialer Zusammenhalt und Demokratie.


Die anhaltende Covid-19-Pandemie hat tiefgreifende Folgen für Gesellschaften rund um den Globus und wirft grundlegende Zukunftsfragen für viele Staaten auf. Die Krise könnte die Welt, wie wir sie kennen, dauerhaft verändern.

Wie werden die Folgen der Pandemie die internationale Kooperation, den sozialen Zusammenhalt und die Demokratien in der Welt verändern? Unsere Fellows nutzten das erste Virtual Community Forum der Academy nicht nur, um zu debattieren, sondern auch, um soziale Kontakte zu pflegen – gerade in Zeiten von Social Distancing.

“Einrichtungen wie die Robert Bosch Academy werden jetzt mehr gebraucht als jemals zuvor“, sagte Henry Alt-Haaker, Leiter des Bereichs Strategische Partnerschaften und Robert Bosch Academy der Robert Bosch Stiftung in seinem Eröffnungsstatement. „Eine der wichtigsten Aufgaben der Academy liegt darin, herausragende Entscheidungsträger und Meinungsführer zusammenzubringen, damit sie aktuelle Themen von gesellschaftlicher Relevanz diskutieren können. Und diese Debatten bleiben nicht nur akademisch, sondern haben immer eine greifbare politische Relevanz. Eine globale Pandemie, die alle unsere Länder und unser aller Leben berührt, macht den Austausch über globale Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven umso wichtiger.“

Die Community der Fellows ist im besten Sinne global: Sie kommen aus fünf verschiedenen Kontinenten. Diese Tatsache nutzten die Teilnehmer des Forums, um zur Eröffnung ein globales Stimmungsbild zu Covid-19 in Form einer Live-Umfrage zu zeichnen.

Große Sorge über wirtschaftliche und soziale Folgen und die Auswirkungen auf die internationale Kooperation

Am stärksten besorgt waren die Teilnehmer über die Auswirkungen der Pandemie auf die Weltwirtschaft. Gleichzeitig waren sie frustriert über die ungewisse Zukunft des Multilateralismus und der internationalen Kooperation. Optimistischer und hoffnungsvoller wurde der Ton der Diskussion, als es um Verbesserungen in den Gesundheitssystemen und um potenzielle Lehren aus der Krise für kommende Bedrohungen und Pandemien ging.

Eine Live-Umfrage machte auch deutlich, dass die meisten Fellows die Balance zwischen der Einschränkung individueller Freiheiten und dem Schutz der Öffentlichkeit in ihren Ländern gewahrt sehen. Dennoch sind sie pessimistisch bezüglich der langfristigen Konsequenzen der Pandemie für unsere Demokratien.

Während sich die Teilnehmer in ihren Sorgen einig waren, gab es in der Fellow-Community unterschiedliche Meinungen darüber, welches Themengebiet in den kommenden fünf Jahren Priorität haben solle: Die meisten, 28 Prozent, räumten der Bewältigung der globalen Wirtschaftsherausforderungen oberste Priorität ein. 22 Prozent setzten den sozialen Zusammenhalt auf Platz Eins und je 17 Prozent stuften die internationale Zusammenarbeit und die Bekämpfung des Klimawandels als wichtigstes Thema für Entscheidungsträger in den kommenden fünf Jahren ein.

Auf diese Live-Umfrage folgte ein Austausch in Form eines Speed Datings über die Ergebnisse der Umfrage und die eigenen Ansichten zu den globalen Folgen der Pandemie.


Covid-19 wird den Charakter der Globalisierung verändern

Drei Gruppen, drei lebhafte Diskussionen: In drei parallelen Breakout-Sessions debattierten die Fellows über die langfristigen Implikationen der Pandemie – jede Gruppe mit einer anderen Perspektive auf das Thema. Jede Diskussion begann mit einem kurzen Impuls-Statement eines Fellows.

Die erste Gruppe diskutierte die Auswirkungen der Pandemie auf die internationale Kooperation. Die Teilnehmer stimmten darin überein, dass die gegenwärtige Krise die geopolitischen Bruchlinien vertiefen und die Machtrivalität zwischen China und den USA verstärken wird, inklusive der beiderseitigen Anwendung von wirtschaftspolitischen Instrumenten als Waffe, z. B. Zölle und Handelsbeschränkungen. In Zuge dessen werden internationale Organisationen zunehmend Schauplätze für Auseinandersetzungen. Das führt dazu, dass Staaten eher außerhalb dieser Organisationen an politischen Lösungen arbeiten als innerhalb.

Darüber hinaus merkte ein Fellow an, dass die Pandemie nicht das Ende der Globalisierung einläute, sondern vielmehr ihren grundlegenden Charakter verändere. Die Pandemie könne auch Innovation beschleunigen, vor allem in den Bereichen Digitalisierung und Biotechnologie. Das bedeute auch enorme Veränderungen für unser wirtschaftliches und gesellschaftliches Zusammenleben. „Die Ergebnisse werden uns verblüffen.“.

Das weltweit größte Experiment für den sozialen Zusammenhalt

Die zweite Gruppe befasste sich mit der Frage des sozialen Zusammenhalts. Ein Fellow ermutigte seine Kollegen, Covid-19 aus einer ganz besonderen Perspektive zu betrachten: „Als das größte natürliche Experiment, das jemals stattgefunden hat. Es stellt den sozialen Zusammenhalt, das Sozialkapital und das gegenseitige soziale Vertrauen auf die Probe.“ Einerseits fördert Covid-19 positives soziales Verhalten, weil Milliarden von Menschen freiwillig ihr Verhalten stark verändert haben, um das gemeinsame Gut der öffentlichen Gesundheit zu schützen. Andererseits hat die Pandemie auch zu eigennützigen Reaktionen des bloßen Selbstschutzes geführt, Misstrauen ausgelöst sowie Nationalismus und verschwörungstheoretische Bewegungen beflügelt.

Es scheint, dass der Zusammenhalt innerhalb von Gruppen gestärkt wird, deren Mitglieder sich miteinander identifizieren, während gleichzeitig das Misstrauen gegenüber Individuen außerhalb der eigenen Gruppe steigt. Erkenntnisse eines Fellows aus Israel unterstrichen diesen zwiespältigen Eindruck. Covid-19 facht dort bestehende Spannungen an, wenn es um den Zugang arabischer Israelis zu wichtigen gesellschaftlichen Machtpositionen geht. Doch die palästinensischen und israelischen Behörden arbeiten auch stärker zusammen, um die Pandemie zu bekämpfen. Darüber, ob die negativen Auswirkungen der Krise auf marginalisierte Gruppen von Dauer sein werden, haben sich die Teilnehmer der Breakout-Session nicht einigen können. Sie waren sich dagegen einig, dass der Wettbewerb zwischen Autokratien und Demokratien weiter oben auf der politischen Agenda bleiben wird.

Pessimistische Aussichten für die Zukunft der Demokratien

Die dritte Gruppe diskutierte die Folgen der Pandemie für Demokratien. Die Fellows debattierten darüber, wie autoritäre Regime die Pandemie nutzen, um an Einfluss zu gewinnen und die eigene Macht zu zementieren. Der Fokus lag auf Ländern, in denen sich die Demokratie bereits im Abstieg befindet und in denen die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen besonders kritisch für die Zukunft der demokratischen Systeme sein könnte. „Dass autoritäre Regime in der ganzen Welt die Pandemie ausnutzen, um die Macht noch stärker an sich zu reißen, ist nicht überraschend. Aber unglücklicherweise tun eine Reihe von demokratischen Regierungen dasselbe“, kritisierte ein Fellow. Diese Gruppe war eher pessimistisch, dass demokratische Länder gestärkt aus der Krise hervorgehen könnten.

Darüber hinaus diskutierte diese Breakout-Session weitere mögliche transformative Aspekte der Pandemie, die eine Krise für das internationale System und die Menschenrechte auslösen könnten. Die Debatte erstreckte sich auf eine große Bandbreite von Themen: von der Relevanz universeller Werte in der post-modernen Ära und dem Modell des Kapitalismus im Allgemeinen, bis hin zum Überdenken unserer Form der demokratischen Governance im Licht der globalen Gesundheitskrise.

Ein einfaches „Weiter so!“ ist keine Option für die Zukunft

Nach den Gruppensessions führten die Fellows ihre Diskussion im gemeinsamen Plenum weiter. Hier drehte sich die Debatte u.a. um die Rolle von gering bezahlten Arbeitern im Kampf gegen Corona und Verantwortung von Künstlern, die Pandemie in einen historischen Kontext einzuordnen. Ebenfalls zur Sprache kam die Herausforderung, Minderheiten gesellschaftliche Mitwirkung zu ermöglichen und mögliche Zukunftsszenarien einer globalen Ordnung. Ein Teilnehmer sagte: „Es wäre schrecklich, wenn wir einfach wieder da weitermachen würden, wo wir vor der Krise aufgehört haben. Denn schon die Situation vor der Krise war für viele Menschen katastrophal.“ Er appellierte an die Community, „viel stärker über neue Formen von Institutionen nachzudenken, die die Probleme lösen können, die wir in den vergangen 30 Jahren nicht lösen konnten. Dazu gehören Ungleichheit und Exklusion.“

Andere Fellows betonten die Rolle und die Verantwortung der Robert Bosch Academy als ein Forum, das zum interdisziplinären und multilateralen Dialog einer internationalen Community von Intellektuellen ermutigt. Eine weltweite Gesundheitskrise verstärkt die Notwendigkeit für einen breiten Diskurs und globale Sichtweisen in höchstem Maß. „Es liegt mir sehr am Herzen, dass die Academy unsere Bemühungen bündelt und die Fragen stellt, die sonst ungehört bleiben“, sagte ein Fellow.

Das Virtual Community Forum hat durch seine Diskussionen und Gespräche den Grundstein gelegt und gezeigt, dass die Debatte weitergeführt werden muss. Die nächste Gelegenheit hierfür bietet das Richard von Weizsäcker Forum im Herbst 2020.