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Russland ist Teil der europäischen Kultur. In der Kunst, Musik und Literatur genauso wie im Sport – Interview mit Maxim Trudolyubov

Herr Trudolyubov, sind Sie Fußballfan?

Ich bin kein klassischer Fußballfan. Manchmal schaue ich mir die Spiele der europäischen oder russischen Vereine an, das kommt aber eher selten vor. Neben der puren Spannung, die so ein Spiel mit sich bringt, gefällt mir die Tatsache, dass der Fußball im Wesentlichen von Regeln bestimmt wird, an die sich die Spieler halten müssen, und zwar weltweit. Alle Länder sind also fasziniert von einer Aktivität, die stark reguliert ist durch ein sehr strenges Regelkorsett, dem alle zustimmen – auch Menschen, die im normalen Leben gerne mal die Regeln brechen. Diesen Aspekt des Fußballs liebe ich. Wenn man sich auf ein Spiel einlässt, betritt man irgendwie eine andere Realität.

Wie wichtig ist Fußball in Russland?

Es gibt natürlich Fußballfans in Russland. Die Leute verfolgen die nationale Meisterschaft und auch die Spiele der europäischen Clubs oder die Champions League. Viele Russen verfolgen auch die europäischen Ligen, inklusive der Bundesliga. Aber ich würde sagen, Fußball ist in Russland längst kein so großes Thema wie zum Beispiel in Spanien oder Italien.

Das Weltmeisterschaftsfinale findet Mitte Juli in Moskau statt. Wie hat sich die Stadt auf die Ankunft von Fußballfans aus aller Welt vorbereitet?

Moskau ist meine Heimatstadt, deswegen weiß ich, was dort alles unternommen wurde. Moskau wurde in einer Art und Weise renoviert, die ich so nie zuvor gesehen habe. Leute, die sich gut mit der Stadtgeschichte auskennen, sagen, man kann es eigentlich nur mit den späten 1940er- und 1950er-Jahren vergleichen, in denen die Moskauer Innenstadt im Prinzip so gestaltet wurde, wie wir sie heute kennen. Praktisch jeder Quadratmeter wurde gründlich renoviert und umgestaltet. Es gibt schicke neue Gehwege und Cafés. Ich habe Moskau noch nie so gesehen, wie es jetzt aussieht. Das ist ein wirklich großes Projekt und dürfte den Besuchern gut gefallen. Im Zeitraum zwischen 2015 und 2017 hat die Moskauer Stadtverwaltung laut dem russischen Nachrichtenportal RBC.ru 137 Milliarden Rubel (1,9 Milliarden Euro) für Sanierungsmaßnahmen ausgegeben. Und dann erst die ganzen neuen Stadien. In den letzten Monaten vor der WM hat Russland allein in Stadien und andere Sportinfrastrukturen 360 Milliarden Rubel (5 Milliarden Euro) investiert wie der russische Sport-Express berichtet.

Was bedeutet die Gastgeberrolle bei der Weltmeisterschaft für Russland?

Solche Ereignisse sind natürlich immer eine große Sache für Wirtschaft und Öffentlichkeitsarbeit. Moskau wollte diese Weltmeisterschaft unbedingt. Russland wollte sich als stabiles Land präsentieren, das in der Lage ist, moderne Sporteinrichtungen zu bauen und die komplexe Logistik mit Austragungsstätten in verschiedenen Städten zu organisieren.

Um Russland ein bisschen besser kennenzulernen: Was ist typisch russisch?

Russland ist Teil der europäischen Kultur. In der Kunst, Musik und Literatur genauso wie im Sport gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen Russland und Europa. Was Russland eigen macht, ist die Andersartigkeit seiner Regierungseinrichtungen. Die russische Gesellschaft hat sich immer um ein sehr starkes Machtzentrum gedreht. Unter Wladimir Putin hat sich dieser Fokus noch verstärkt. Russland hat keine starken, unabhängigen Institutionen, wie zum Beispiel das Parlament oder eine unabhängige Presse. Diese Institutionen bestehen zwar, aber ihre Funktion ist beschränkt und sie werden sehr stark vom eigentlichen Machtzentrum kontrolliert.

In letzter Zeit war die Stimmung zwischen Russland und dem Westen recht angespannt. Wie würden Sie die derzeitige Beziehung zwischen Russland und der EU beschreiben?

In den Nachrichten sieht man ja, wie schwierig die Beziehung im Augenblick ist. Die größte Uneinigkeit besteht über Russlands Außenpolitik, vor allem in Hinblick auf den Krieg in der Ukraine. Auch die Geschichte mit dem Flugzeug der Malaysia Airlines, der Passagiermaschine, die 2014 zum Absturz gebracht wurde, zieht immer weitere Kreise. Kürzlich beschuldigten Australien und die Niederlande Moskau, in die Sache verwickelt zu sein: Sie legten Beweise dafür vor, dass das Raketensystem, das die MH17 abgeschossen hat, von einem russischen Militärstützpunkt stammte.

Russland bestreitet, überhaupt in den Fall verwickelt zu sein. Das führt zu einer merkwürdigen Situation – es geschehen Dinge und wir erfahren einfach nicht die volle Wahrheit darüber. Das vergiftet die Atmosphäre; möglicherweise werden wir das auch während der Weltmeisterschaft zu spüren bekommen.

Die Medien haben einen weitgehenden Einfluss darauf, wie nationale Politik und internationale Beziehungen wahrgenommen werden. Wie würden die Russen selbst die aktuelle Situation zwischen Russland und der EU beschreiben? Und woher beziehen die Russen ihre Informationen?

In Russland sind die meisten Medien in Staatsbesitz oder werden vom Staat kontrolliert. Es herrscht eine sehr strikte Medienpolitik. Ereignisse werden in Russland ganz anders dargestellt als in Europa und das beeinflusst die Einstellung vieler Russen. Die meisten Russen stimmen dem offiziellen Standpunkt zu, dass die westlichen Länder und Medien Russland Dinge vorwerfen, an denen das Land keine Schuld hat.

Das heißt aber nicht, dass jeder auch tatsächlich dieser Meinung ist. Auch Angst spielt hier eine Rolle. Es gibt Hunderte, die wegen ihrer Äußerungen in sozialen Netzwerken oder auch nur wegen dem Teilen von Posts anderer verurteilt wurden, teils sogar zu Gefängnisstrafen. Dem SOWA-Zentrum zufolge, einem Think Tank, der sich mit der russischen Politik hinsichtlich sogenannter „extremistischer“ Verhaltensweisen beschäftigt, basieren 85 % aller Strafprozesse, bei denen Menschen wegen „Extremismus“ angeklagt wurden, auf Meinungsäußerungen im Internet. Wie die Statistik des Obersten Gerichtes in einem Bericht der unabhängigen Senders Radio Svoboda zeigt, wurden allein im Jahr 2016 mehr als 600 Menschen wegen ihrer öffentlich getätigten Aussagen verurteilt. 

Was kann getan werden, um die Spannungen zwischen Russland und der EU abzubauen? Welchen Beitrag könnte die Zivilgesellschaft leisten?

Wir müssen einfach im Gespräch bleiben. In Zeiten, in denen das politische Klima angespannt ist, sind internationaler Austausch und Zusammenarbeit auf horizontaler und nichtstaatlicher Ebene besonders wichtig. Die Menschen in der EU und in Russland sollten ihre Zusammenarbeit ausweiten und die Vernetzung im Rahmen der Zivilgesellschaft stärken. Heutzutage ist der persönliche Austausch unter Menschen, die Interessen teilen, wie etwa Fußballfans, und Austauschprojekte auf beruflicher Ebene unter Ärzten, Anwälten und Verwaltungsangestellten besonders wichtig. Solche Kontakte können hilfreich sein, um die Beziehung zwischen Ländern, die politische Probleme haben, aufrecht zu erhalten. Nichtregierungsorganisationen spielen in diesem Zusammenhang eine wesentliche Rolle, da sie zahlreiche Interaktionsmöglichkeiten bieten.  

Wie sieht es mit der Freiheit von Nichtregierungsorganisationen und der Pressefreiheit in Russland aus? Verringern sich die Möglichkeiten zur unabhängigen Arbeit?

Ja, es gibt klare Einschränkungen für bestimmte Organisationen, die Moskau als „ausländische Agenten“ ansieht. Und ja, es gibt auch klare Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit. Nichtsdestotrotz hat Russland eine zwar kleine, aber lebendige, unabhängige Medienlandschaft, die von der Verbreitung über die sozialen Medien profitiert. Ein gewisser Teil des öffentlichen Raums ist also frei. Russen haben durchaus die Möglichkeit, sich über verschiedene Standpunkte zu informieren, was für ein Verständnis der Welt unabdingbar ist.

Fußball kann Menschen zusammenbringen und vereinen. Denken Sie, dass ein Ereignis wie die Weltmeisterschaft das gegenseitige Verständnis verbessern kann?

Die Olympischen Spiele 2008 haben der Welt geholfen, China so zu akzeptieren, wie es ist, und die Weltmeisterschaft 2014 trug dazu bei, dass die Welt Brasilien nun besser versteht, und so weiter. Manche Regierungen investieren enorme Summen in diese Ereignisse, um die internationale Wahrnehmung ihrer Länder zu beeinflussen. Man muss sich bewusst sein, dass große Sportereignisse Projekte sind, die die Einstellung gegenüber den Gastländern verändern sollen. Russland macht da keine Ausnahme.